Loyalität im Job: Warum sie heute anders gedacht werden muss
Gerade in Zeiten wie heute, wenn es um die Wirtschaft im Allgemeinen nicht gut steht und bestimmte Sektoren wie die Automobilindustrie massiv Stellen abbauen, fällt der Begriff der Loyalität wieder häufiger. Doch was bedeutet Loyalität im Job eigentlich noch? Kann blinde Treue zum Arbeitgeber sogar eher gefährlich als ehrenhaft sein?
Loyalität bedeutet laut Definition, „im Interesse eines gemeinsamen Ziels zu handeln“. Doch was passiert, wenn das „gemeinsame Ziel“ gar nicht mehr vorhanden ist?
Früher galt: Wer loyal war, bekam Sicherheit. Viele von uns kennen das von unseren Eltern. Die waren häufig über 30 Jahre lang im gleichen Betrieb, wenn sie nicht sogar schon ihre Ausbildung dort gemacht hatten.
Heute gilt oft: Wer loyal ist, riskiert, auf der Strecke zu bleiben. Viele meiner Klient:innen berichten von Situationen, in denen sie jahrelang alles für ihr Unternehmen gegeben haben, nur um plötzlich im Zuge von Kostensenkungen oder Umstrukturierungen ersetzt oder gekündigt zu werden.
Einer, Ingenieur in der Automobilbranche, brachte es auf den Punkt: „Ich habe 15 Jahre lang alles für die Firma getan. Und jetzt, wo wir sparen müssen, bin ich einfach eine Zahl in der Excel-Tabelle??“ Traurig, aber wahr. Loyalität kann heute eine Einbahnstraße sein.
Wenn Loyalität nichts mehr zählt
Gerade die Automobilbranche zeigt es gnadenlos: Während viele Mitarbeitende hoffen, „die Krise einfach auszuhalten“, laufen in den Vorstandsetagen längst Pläne für Umstrukturierungen, Outsourcing oder Standortschließungen. Natürlich gibt es positive Beispiele – etwa wenn Unternehmen über Kurzarbeit versuchen, gemeinsam durch schwierige Phasen zu kommen.
Aber was passiert, wenn die Krise eben nicht überstanden wird?
Viele bleiben trotzdem, aus Loyalität, aus Angst oder aus dem Gefühl heraus, dass „man so etwas nicht macht“ oder „einem das schon nicht passieren wird“. Doch Unternehmen handeln wirtschaftlich, nicht emotional. Und das ist nicht böse gemeint, sondern völlig rational. Ob AG, GmbH oder Stiftung, spielt dabei keine Rolle.
Loyalität ist kein Kündigungsschutz!
Das Paradoxe: Wir glauben gern, dass Loyalität sich auszahlt. Dass man dafür „gesehen“ wird. Doch die Wahrheit ist: Loyalität ist kein Kündigungsschutz, kein Karriere-Booster und schon gar kein Garant für Sicherheit.
Was wir lernen dürfen: Wir müssen genauso wirtschaftlich denken wie die Unternehmen, für die wir arbeiten. Deine berufliche Zukunft verdient eine nüchterne, klare Betrachtung, ganz ohne schlechtes Gewissen. Wenn du zu lange wartest, könnten dir wertvolle Chancen entgehen: spannende Projekte, ein Arbeitgeber, der wirklich zu dir passt, oder die finanzielle Sicherheit, die du eigentlich längst verdient hättest.
Loyalität ist etwas Wunderschönes, aber sie sollte nicht blind machen. Entscheidungen triffst du nicht für dein Unternehmen, sondern für dein Leben!
Loyalität funktioniert nur gegenseitig! Viele Chef:innen sehen es aber wie eine Einbahnstraße
Heute im Coaching hatte ich ein Beispiel, das es perfekt auf den Punkt bringt. Meine Klientin Annika arbeitet seit anderthalb Jahren im Consulting, liefert Top-Ergebnisse und wird von Kund:innen aktiv angefragt. Trotzdem bekommt sie von ihrem Chef Sticheleien, Unsicherheit, und zuletzt unternahm er sogar den Versuch, sie ohne Vorwarnung aus einem wichtigen Projekt zu ziehen.
Gleichzeitig wirft er ihr fehlende Loyalität vor. Das passt doch nicht zusammen.
Die Lösung: Loyalität funktioniert nur, wenn beide Seiten sie leben. Wertschätzung ist keine Einbahnstraße. Wer möchte, dass Mitarbeitende bleiben, sich engagieren und vertrauen, muss ihnen genau das auch zurückgeben.
Loyalität ist etwas Wertvolles. Sie entsteht aus Vertrauen, Respekt und echtem Miteinander. Doch in vielen Unternehmen kippt dieser Begriff. Plötzlich wird aus Loyalität eine Erwartungshaltung, die nichts mehr mit Wertschätzung zu tun hat.
Manchmal wird sie ausgenutzt, manchmal wird sie mit Gehorsam verwechselt.
Beides hat Konsequenzen. Für dein Wohlbefinden, für deine Entwicklung und am Ende auch für die Kultur des Unternehmens. Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Wann ist Loyalität angebracht – wann kippt sie ins Ungesunde?
Loyalität zeigt sich nicht darin, dass du ständig erreichbar bist, Überstunden machst oder deine Grenzen ignorierst. Ganz ehrlich: Das ist Selbstaufgabe, keine Loyalität.
Achte auf diese Warnzeichen
Du bekommst ständig neue Aufgaben, aber nie Anerkennung.
Du hast das Gefühl, „immer Ja sagen zu müssen“.
Deine Leistung wird als selbstverständlich angesehen – Lob und Anerkennung? Fehlanzeige.
Veränderungen oder Sparmaßnahmen werden mit „Teamgeist“ begründet, aber niemand fragt nach deiner Belastung.
Das sind Hinweise, dass dein Engagement ausgenutzt statt wertgeschätzt wird.
Warum Loyalität nicht mit Gehorsam verwechselt werden sollte
In meinen Trainings begegnen mir häufig Menschen, die glauben: „Ich muss loyal sein, also darf ich nicht widersprechen.“ Doch wohin führt das am Ende?
Echte Loyalität bedeutet, kritisch zu denken, auch gegenüber deiner Führungskraft. Wenn niemand mehr den Mut hat, zu sagen: „Das ist keine gute Idee“, wird Loyalität zu Gefolgschaft und Gehorsam. Und Unternehmen verlieren genau das, was sie eigentlich brauchen: Innovation, Kreativität und Menschen mit Rückgrat.
Deshalb ist es so wichtig, deine Meinung respektvoll, aber klar zu kommunizieren.
Was Loyalität dir trotzdem geben kann
Trotz aller Kritik: Loyalität hat ihren Wert. Sie schafft Vertrauen, Verlässlichkeit und Zusammenhalt. Vorausgesetzt natürlich, sie beruht auf Gegenseitigkeit.
Wenn du dich auf dein Team verlassen kannst, Fehler offen besprochen werden und die Führung hinter dir steht, entsteht etwas Kostbares: psychologische Sicherheit. Das ist die Basis für starke Zusammenarbeit. Nicht blinde Treue, sondern gelebte Fairness.
Mein Appell an dich
Bleib loyal, aber zuerst dir selbst gegenüber.
Hinterfrage, ob dein Arbeitgeber dich wirklich mitnimmt, wenn es eng wird. Und erinnere dich daran: Ein Arbeitsverhältnis ist keine Liebesbeziehung. Es ist in erster Linie ein Vertrag, der auf Leistung und Gegenleistung basiert.
Wenn du spürst, dass Loyalität nur von dir erwartet, aber nicht erwidert wird, dann darfst du den Schritt wagen dich in unsicheren Zeiten nach etwas Neuem umzuschauen. Ohne schlechtes Gewissen.
Dein Bastian
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