„Ohne Vorstellung davon, was und wie der Mensch ist, kann es keine wirklichen Problemlösungen geben“
Es geht heute darum, Lösungen für Megakrisen wie Klimawandel, Ressourcenverknappung, demografischer Wandel, instabile Finanzsysteme, die Folgen der Globalisierung, zunehmende Gewaltbereitschaft, Digitalisierung sowie das schwierige Verhältnis von Freiheit und Sicherheit zu finden. Interview mit Dr. Siegfried Reusch.
Das Interview mit Dr. Siegfried Reusch, seit 1995 Herausgeber und Chefredakteur des Journals für Philosophie der blaue reiter sowie Verleger des Verlags der blaue reiter Verlag für Philosophie, widmet sich den genannten Herausforderungen. die eine kollektive Anstrengung des Denkens und eine veränderte Kommunikation erfordern.
Herr Dr. Reusch, weshalb brauchen wir neue Denkstile und Methoden sowie neue Formen interdisziplinärer Zusammenarbeit, etwa mit Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftlern, Ökonomen, Informatikern, Psychologen und Philosophen?
Diese Frage ist leichter zu beantworten, als die Antwort in die Tat umzusetzen! „Neue Denkstile und Methoden sowie neue Formen interdisziplinärer Zusammenarbeit“, wie Sie sagen, brauchen wir allein schon deshalb, weil die alten uns in den besagten Schlamassel gebracht haben und es offensichtlich ist, dass sich die angesprochenen Probleme mit einem „Weiter so!“ oder einem „Mehr und immer noch Mehr des Hergebrachten“ nicht werden lösen lassen. Die momentan propagierten, für mich allesamt größenwahnsinnig anmutenden Lösungen wie etwa Geoengeneering (z.B. CO2 Verpressung, Erzeugung künstlicher Wolken etc.), haben so viele unkalkulierbare Nebeneffekte, dass sie hoffentlich akademische Denkspiele bleiben und niemals im großen Maßstab zum Einsatz kommen werden.
Man kann sich natürlich auch, wie Donald Trump und seine MAGA-Bewegung, auf den zynischen Standpunkt eines Kolonisators stellen, und darauf hoffen, dass zum Beispiel die Klimakrise ohnehin vor allem die „dreckigen Hungerleider“ in Afrika treffen wird und die reichen Länder der sogenannten westlichen Welt nach wie vor schamlos mittels Gewalt die Ressourcen der sogenannten Dritten oder gar Vierten Welt werden stehlen können. Warum wohl lässt Trump seine Armee vor der Küste Venezuelas eine unübersehbare Drohkulisse aufbauen? Bestimmt nicht wegen Drogendealern, sondern eher schon wegen der besagten Ressourcen wie Erdölreserven. Das ist das hergebrachte Denken im Geiste der Kolonialherren: „Und wenn du nicht willfährig bist, so gebrauche ich Gewalt.“ Lange Rede kurzer Sinn: Es ist offensichtlich, wohin uns ein solches überökonomisiertes Macht- und Ausbeuterdenken geführt hat.
Was nutzt der Reichtum und die Abschottung der westlichen Welt, wenn sich die Lebensbedingungen auch bei uns beständig verschlechtern (Extremwetter etc.)?
Dass man Geld nicht essen kann, ist eine Binsenweisheit, aber momentan scheinen es gerade solche Binsenweisheiten zu sein, die allenthalben geleugnet werden. Man muss sich nicht die Extremszenarien vieler Klimaschützer oder anderer Untergangspropheten zu eigen machen, aber zwischenzeitlich sollte jedem klar geworden sein, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Man kann sich zwar auf den zynischen Standpunkt stellen, dass die schlimmsten Folgen des Klimawandels ohnehin vor allem die ärmeren Regionen der Erde treffen werden, sprich, dass nur die eh schon armen Schlucker unter den Folgen des Klimawandels werden zu leiden haben, mithin für uns Mitteleuropäer und US-Amerikaner kein Handlungsbedarf besteht. Aber weder werden sich die Klima- und Armutsflüchtlinge alle von den Grenzen fernhalten lassen, noch bleiben auf längere Sicht die reichen Gesellschaften von den Folgen des Klimawandels und der wachsenden Ungleichheit verschont. Die Fluten des Ahrtals, die beständig zunehmenden Windstärken der Hurricanes in Florida, das Sterben der Bäume, die Migrationsbewegungen etc. legen beredtes Zeugnis davon ab.
Wer sich nicht den Zynismus vieler Superreicher zu eigen machen möchte und zum Beispiel glaubt, bei Bedarf auf den Mars flüchten zu können, muss sich etwas Neues einfallen lassen. Naturwissenschaftliche-technische Lösungen wie zum Beispiel das Verpressen von CO2 mögen zwar kurzfristig etwas Besserung beim Anstieg der Treibhausgase verschaffen, sind aber erstens auch nicht risikolos und zweitens Ausfluss der bisherigen Paradigmen des Denkens. Es ist eine Illusion zu glauben, dass menschliches Leben emissionsfrei und energieneutral sein kann. Dies zumal, wenn man der Meinung ist, dass alle sieben Milliarden Menschen auf der Erde das gleiche Anrecht auf ein menschenwürdiges Leben haben. Von Nöten sind entsprechend ganz neue Denkansätze bezüglich vernutzungsärmerer Formen des Wirtschaftens.
Was braucht es jetzt vor allem?
Ideologiekritik ist dringlich. Philosophen sind dafür prädestiniert, sich in verschiedensten Gedankengebäuden mit unterschiedlichsten, zum Teil auch widersprüchlichen Paradigmen zu bewegen. So müssen sich zum Beispiel die Verantwortlichen der katholischen Kirche ernsthaft fragen, ob Geburtenkontrolle durch Verhungern und Krieg moralischer ist als Geburtenkontrolle durch Empfängnisverhütung. Die reichen Gesellschaften des Westens müssen sich fragen lassen, ob die Erde es verträgt, dass sieben Milliarden Menschen jedes Jahr dreimal eine Flugreise unternehmen usw. Das sind nur einfache anschauliche Beispiele, welche die Dimension der Probleme, die wir lösen müssen, aufzeigen sollen.
Was wir jetzt brauchen, ist der Mut zur Hoffnungslosigkeit und Vertrauen in den menschlichen Geist.Dr. Siegfried Reusch
Dem Opium der Hoffnung gibt sich nur hin, wer in der Realität keine Anzeichen zur Besserung erkennen kann und dessenthalben weiter macht wie bisher. Er hofft wider besseres Wissen, wider aller Zeichen der Wirklichkeit und wird darüber träge. Wer alle Hoffnung fahren lässt, der krempelt im Vertrauen auf seine Fähigkeiten die Ärmel hoch und geht die Probleme an. Hoffnung macht blind und tatenlos. Wer vertraut, und sei es nur in die eigenen Fähigkeiten, hat in den Tatsachen schon Zeichen der Besserung erkannt.
Weshalb reicht es nicht aus, Konzepte zur Problemlösung zu entwickeln?
Es kommt vielmehr darauf an, die Ergebnisse, die das Denken zeitigt, auch umzusetzen. Und genau an diesem Punkt ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit gefragt, von der Sie sprechen. Denn wer wüsste besser, wie man Projekte in die Tat umsetzt als Manager? Wer ist besser im Beruhigen von Massen als Politiker und Theologen? Was ich damit sagen will, ist, dass es nichts nützt, Philosophen in Konzernen anzustellen oder in die Politik zu integrieren. Die Praxis zählt nicht zur Kompetenz der Philosophen. Nicht von ungefähr zählt die Studienberatung der Universität Stuttgart Fächer wie Philosophie und Kunstgeschichte zu den Heiratsfächern, sprich zu den Fächern, die ein vernünftiger (!) Mensch nur dann studiert, wenn er gedenkt einen Menschen zu ehelichen, der einen Beruf ausübt, der Geld für den Lebensunterhalt einbringt – also zum Beispiel einen Manager oder eine Managerin. Ganz grundsätzlich muss man konstatieren, dass Philosophen welcher Denkrichtung auch immer, Managern nichts bezüglich ihres Alltagsgeschäft beibringen können.
Was können Philosophen von Managern in der Wirtschaft lernen?
Viel über Zeit- und Personalmanagement zum Beispiel. Die dafür erforderlichen Methoden fallen auch eher in den Bereich der Psychologie, als dass sie zu den Kompetenzen der Philosophen zählen würden. Jeder Manager eines Lebensmittelmarkts und jeder noch so unbekannte Kommunalpolitiker einer Kleinstadt ist einem Professor für Philosophie bezüglich des Umgangs mit Macht weit überlegen. Aber Manager stehen in Konkurrenz zueinander und bewegen sich in Regelsystemen, die ihnen von außen vorgegeben werden. In der Regel bewegen sich Manager immer hart am Rand des Erlaubten, um nicht Konkurrenten den Vortritt lassen zu müssen. Dieser Rahmen muss aber vorgegeben werden, und die Rahmenbedingungen müssen für alle gleich sein. Dass die Psyche der „Macher“ in jedem System funktioniert, zeigt das Wirken von Unternehmensführern unter den ideologischen Rahmenbedingungen der unterschiedlichsten Ideologien, wie zum Beispiel der des real existierenden Sozialismus, der des Nationalsozialismus oder der des Kapitalismus.
Welche Macht hat dabei die Philosophie?
Die weltverändernde Ideologie des Kommunismus wurde von einem Philosophen namens Karl Marx begründet, der Philosoph Adam Smith erfand den Gott aller Kapitalisten, die Rede von der unsichtbaren Hand des Marktes, Robert Notzig stritt für den Liberalismus und den sogenannten Nachtwächterstaat, Ideologen wie Carl Schmitt suchten das Führerprinzip des Nationalsozialismus zu rechtfertigen und Denker wie Bakunin dessen extremen Widerpart, den Anarchismus. Alle diese Denkrichtungen sind letztlich Ausflüsse eines vorausgesetzten impliziten oder expliziten Menschenbilds. Einfach ausgedrückt: Ist der Mensch ohne die Delegation des Gewaltmonopols an einen Souverän dem Mensch ein Wolf (Thomas Hobbes), ist er außerhalb der bestehenden Gesellschaften eher auf friedliche Kooperation ausgerichtet (Jean-Jacques Rousseau) oder gedeiht er am besten, wenn ihm keinerlei Schranken auferlegt werden?
Weshalb ist die Frage, welches Menschenbild wir unserem Handeln zugrunde legen, die eigentlich wichtige Frage?
Ohne Vorstellung davon, was und wie der Mensch ist, was sein Sehnen und Streben bestimmt und wie dieses sich auf das Leben in Gemeinschaft auswirkt, kann es keine wirklichen Problemlösungen geben. Aufbauend auf einem fundierten, auf Fakten gegründeten und von allen ideologischen Sichtweisen befreiten Menschenbild, können mögliche Lösungen dann umgesetzt werden. Es geht mir aber nicht darum, mit moralischem Zeigefinger durch die Welt zu laufen und den sogenannten Gutmenschen zu spielen. Denn das reine selbstbeweihräuchernde ethische Gelaber, wie es in religiösen Kreisen weit verbreitet ist, dient bestenfalls der Beruhigung des eigenen Gewissens beim Händchenhalten im Stuhlkreis. Außer den eigenen psychischen Problemen im Umgang mit Schuld wird damit nichts gelöst.
Mehr und noch mehr technische Lösungen bringen offensichtlich auch nichts?
Das Einzige, was helfen könnte, ist eben eine neue Art des Denkens. Der Bewusstseinsphilosoph Thomas Metzinger forderte kürzlich in einem Interview mit Mitarbeitenden unseres Journals, das im Frühjahr erscheinen wird, diesbezüglich die Entwicklung und Pflege einer Bewusstseinskultur (siehe diesbezüglich auch sein Buch „Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise“). Das heißt, er fordert im Rahmen einer neuen Ethik eben nicht nur zu fragen, was eine gute Handlung ist und warum wir diese „gut“ nennen, sondern auch danach zu fragen, welche Bewusstseinszustände solche Handlungen begünstigen. Sind solche Zustände einmal identifiziert, müssen sie, so Metzinger, kultiviert und dann auch enkulturiert werden, das heißt zum Beispiel durch das Lehren dessen, wie man solche Zustände erreichen kann, in der Schule sozusagen zu einem Kulturgut gemacht werden. Andere Denker, wie zum Beispiel Farsin Banki, fordern ähnlich vehement ein Überdenken der aktuellen Überbetonung der Rationalität im westlichen Denken und eine Wiederentdeckung verloren gegangener säkularer Spiritualität Barkin wie auch Metzinger empfehlen diesbezüglich unter anderem Meditation.
Weshalb muss man sich der Grenzen des rationalen Denkens bewusst sein?
Zumeist funktioniert Rationalität nur unter der Ausblendung bestimmter Umstände, was man in den Wissenschaften Reduktionismus nennt. Man kann zum Beispiel in der Medikamentenforschung neue Substanzen nicht nur an erwachsenen Männern ausprobieren und dann sozusagen induktiv aus den so gewonnen Ergebnissen schließen, dass diese bei Kindern und Frauen exakt genauso wirken. Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs kritisiert in seinem Buch „Verkörperte Gefühle“ nicht von ungefähr die vorherrschende Auffassung, dass Gefühle als „rein mentale Zustände in einer verborgenen Innenwelt des Subjekts beziehungsweise in dessen Gehirn zu lokalisieren sind“. Er wehrt sich gegen einen solchen rationalistischen Reduktionismus und entwickelt auch aus seiner klinischen Erfahrung heraus eine Konzeption der Verkörperung der Gefühle. Das heißt, er begreift „Gefühle als Phänomene, welche Selbst und Welt in leiblicher Resonanz miteinander verbinden“. Auch Intersubjektivität beginne nicht mit einem isolierten Ich, das den Weg zu anderen erst finden muss, sondern mit Interaffektivität, sprich mit der Konfrontation eines Subjekts mit einem „anderen“ Subjekt.
Das alles hilft allerdings nichts gegen die Klimakrise …
Da haben Sie für den unmittelbaren Augenblick und die kommenden zwei Wochen, fünf Monate oder auch drei Jahre aller Voraussicht nach recht. Aber ohne die bewusste Erkundung solcher neuer beziehungsweise wiederzuentdeckender Ideen wird sich nichts ändern. Veränderungen werden nur durch neues Denken erreicht. In Erinnerung an einen Artikel des Mitbegründers und Mitherausgebers unseres Journals für Philosophie „der blaue reiter“, Prof. Obermeier, aus der ersten Ausgabe unseres Journals kann ich Ihnen diesbezüglich auch entgegnen, dass es nicht darauf ankommt die Welt zu retten, sondern – Don Quichote gleich – gekonnt zu scheitern. Thomas Metzinger sprach in besagtem Interview vom „Sterben in Würde“. Am Leben scheitern wird zwangsläufig jeder – jeder Mensch ist erfahrungsgemäß sterblich, noch keiner hat sein Leben überlebt. Ein philosophisches Leben, respektive ein Leben in Würde haben Sie dann geführt, wenn Sie zumindest versucht haben, gegen die zahllosen, sich beständig vermehrenden Windmühlen der Dummheit anzukämpfen, um eben „neue Denkstile und Methoden“ zu finden. Damit sind wir wieder bei Ihrer Ausgangsfrage angelangt. Ich weiß, dass das nicht in sechs Wochen zu machen ist, wer es aber gar nicht erst versucht, hat schon von vornherein verloren.
Wenn schon scheitern, dann wenigstens gekonnt und in Würde!Dr. Siegfried Reusch
