Schön, wenn’s der Chef bemerkt – aber muss wirklich jede Extraleistung gefeiert werden? | © Getty Images

Schluss mit dem Dauerjubel! Warum Wertschätzung nicht Applaus für jede Kleinigkeit bedeutet

Fehlende Wertschätzung gehört zu den häufigsten Gründen, warum Menschen ihren Job wechseln. Viele Mitarbeiter fühlen sich nicht gesehen – und ziehen schließlich die Konsequenzen. Doch ist jede zusätzliche Leistung automatisch lobenswert? Wie Mitarbeiter sowie Führungskräfte Einsatz und Anerkennung besser in Balance bringen.

Muss ein Vorgesetzter jede Anstrengung erkennen und würdigen? Oder sollte man sich vielleicht als Mitarbeiter auch einmal fragen, ob die eigene Erwartungshaltung realistisch ist? Als Chefin einer Personalvermittlung erlebe ich es täglich: Mitarbeiter tun mehr, als eigentlich von ihnen verlangt wird. Sie übernehmen Aufgaben, die sie besser können als andere oder die ihnen einfach leichtfallen. Das ist lobenswert, keine Frage. Aber gleichzeitig entsteht dabei eine Erwartung: „Ich tue mehr – also sollte mein Chef das auch sehen und mir Anerkennung zeigen.“

Doch Hand aufs Herz: Ist es realistisch, dass eine Führungskraft jede einzelne Zusatzleistung bemerkt? Ein Unternehmen funktioniert als Ganzes – und nicht jede übernommene Extra-Aufgabe ist für den Gesamterfolg entscheidend. Das bedeutet nicht, dass Engagement nicht wertvoll ist. Aber es heißt nicht automatisch, dass es stets hervorgehoben werden muss.

Ich beobachte immer wieder, dass Menschen sich ungerecht behandelt fühlen, weil ihre zusätzlichen Bemühungen scheinbar nicht anerkannt werden. Doch dabei stelle ich mir die Frage: Wer hat sie darum gebeten? Ist es wirklich fair, Lob zu erwarten, wenn man etwas freiwillig tut?

Erwartungen hinterfragen: Warum tue ich das?

Viele Menschen leisten mehr, weil sie sich mit ihrem Job identifizieren oder weil es ihnen ein Anliegen ist, gute Arbeit zu machen. Doch oft schwingt im Hintergrund der Wunsch nach Anerkennung mit. Und wenn diese ausbleibt, folgt Frust.

Ein Perspektivwechsel hilft hier enorm. Statt sich zu fragen: „Warum sieht mein Chef nicht, was ich alles leiste?“

Sollte man sich lieber fragen: „Warum tue ich das? Und wäre ich auch zufrieden, wenn niemand es bemerkt?“

Wer Zusatzleistungen nur erbringt, um Anerkennung zu erhalten, macht sich selbst abhängig. Natürlich ist es schön, wenn Engagement honoriert wird – aber es sollte nicht der einzige Antrieb sein.

Wertschätzung ist keine Einbahnstraße

Gerade wenn private Belastungen ins Spiel kommen, wird es besonders kritisch. Ich kenne viele Fälle, in denen Mitarbeiter trotz kranker Kinder oder privater Probleme weiterarbeiten – und dafür dann Wertschätzung erwarten. Aber ist das wirklich der richtige Weg?

  • Wenn jemand mit halber Konzentration arbeitet, weil er sich um private Themen sorgt, dann ist das nicht unbedingt eine lobenswerte Leistung.

  • Viel verantwortungsvoller wäre es, sich bewusst eine Auszeit zu nehmen, anstatt sich durch die Arbeit zu quälen und am Ende vielleicht sogar Fehler zu machen.

Hier sehe ich oft ein Missverständnis: Verständnis ist nicht gleich Anerkennung.

Natürlich kann und sollte ein Vorgesetzter Verständnis zeigen, wenn jemand privat belastet ist. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass er diese Situation loben muss.

Der bessere Weg

Meine Erfahrung zeigt: Der beste Umgang mit Wertschätzung liegt in einer gesunden Balance.

  • Ja, Führungskräfte sollten aktiv Anerkennung zeigen. Das motiviert und bindet Mitarbeiter langfristig.

  • Aber nein, nicht jede zusätzliche Leistung muss gefeiert werden. Wer freiwillig mehr tut, sollte sich bewusst machen, warum er es tut – und nicht automatisch eine Belohnung erwarten.

  • Und ja, Selbstfürsorge ist wichtiger als Anerkennung. Wer privat belastet ist, sollte verantwortungsbewusst eine Pause einlegen, statt auf Lob für eine halb gare Leistung zu hoffen.

  • Letztendlich ist Wertschätzung ein Geben und Nehmen. Ein gesundes Arbeitsumfeld entsteht nicht durch eine permanente Erwartungshaltung, sondern durch gegenseitiges Verständnis – sowohl von Führungskräften als auch von Mitarbeitern.

Rebecca Hesselbach schreibt über Leadership, Karrieretipps, Recruiting-Trends, Homecare & Medizintechnik

Branchen-Expertin, Gründerin, Führungskraft, Mentorin, Visionärin, Hunde-Mama. Als Gesundheitsprofi und Gründerin von Hesselbach Personalvermittlung&Coaching verbinde ich Leidenschaft und Erfahrung. Meine Mission: Menschen in Jobs zu bringen, die sie lieben.

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