Sinnstifter im Dunkeln: Rainer Maria Rilke als Poet der Nachhaltigkeit
Der Dichter Rainer Maria Rilke ist auch 150 Jahre nach seiner Geburt weltweit beliebt. Aktuelle Publikationen zeigen, dass er längst nicht nur der lebensferne, entrückte Poet war, sondern auch realitätsnah, gesellschaftlich und politisch interessiert. Eine Auseinandersetzung mit seinem Werk und seiner Person lohnt sich auch heute noch.
Die Welt ist aus den Fugen und aus allen Himmeln ausgerenkt ...
Der Dichter Rainer Maria Rilke schreibt 1915 an Marianne von Goldschmidt-Rothschild, damals Lady Mitford, dass er von Tag zu Tag weniger begreift, „wie so etwas Schuldvolles dauern kann, was die Menschen doch selber aus sich hervorbringen und fortsetzen, genau so menschengemacht wie die Fortschritte der letzten Jahrzehnte, genauso menschengemacht ist auch dieses unabsehnliche Geschehen, ein ins Todestechnische verschlagener Geschäftstrieb, ein enormes Kriegsexperiment, in dem die Neugier der Menschen, ihr Aufbegehren und Rechthabenwollen auf die Spitze getrieben scheint.“ An diesen wenigen Zeilen zeigt sich bereits die Aktualität des Dichters, der am 4. Dezember 1875 in Prag geboren wurde und am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux starb.
Anlässlich seines Jubiläumsjahrs erschienen zahlreiche Publikationen, darunter die Biografien von Manfred Koch „Rilke. Dichter der Angst – Eine Biographie“ (Verlag C.H.Beck) und Sandra Richter: „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“ (Insel Verlag). Sie verwies darauf, dass sich Rilke wahrscheinlich durch eine Selbstmedikation vergiftet hat - mit Blei. Er wendete das Mittel gegen Geschwulste an. Zudem besorgte er sich immer wieder Bleipflaster. Es ist möglich, dass seine tödliche Krankheit durch das Blei begünstigt bzw. hervorgerufen wurde. Die Leiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach - das aus dem Nachlass noch unveröffentlichte Rilke-Dokumente, Briefe, Aufzeichnungen sowie 15 Notizbücher ankaufte, die die Autorin für ihre Biografie ausgewertet hat - ist gemeinsam mit Anna Kinder auch am Essay „Rilke als Gärtner“ beteiligt, der in der Insel-Bücherei erschienen ist. Die Reihe ist ein literarisches Kleinod – die kostbaren Nebenstränge, die in Biografien oft überlesen werden, sind hier nachhaltig aufgehoben und mit zusätzlichem Material versehen. Dazu gehört auch der Band „Rilke in der Schweiz“ von Gunnar Decker, dessen Rilke-Biografie „Der ferne Magier“ im Jahr 2023 erschien. Alle Publikationen verfolgen eine eigene Perspektive, die sich bereits im Titel zeigen. Sie tragen dazu bei, Klarheit ins gängige Rilke-Bild zu bringen. Er war längst nicht nur der lebensferne, entrückte Dichter, sondern auch realitätsnah, gesellschaftlich und politisch interessiert. So las er während des Ersten Weltkriegs mehrere Zeitungen täglich. Er versuchte, die Welt um sich herum zu verstehen, die aus den Fugen geraten war.
Am 18. Juli 1904 schrieb Rilke aus Paris an Lou Andreas-Salomé, dass "tausend Hände" an seiner Angst "gebaut" haben. Paris sei ihm eine große Stadt geworden, "in der Unsägliches geschieht." Seine hier mitgeteilten Erfahrungen übernimmt er fast wortgetreu in seinen Tagebuchroman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". Armut und Lärm, vor den Hospitälern der Geruch nach "Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst". So beschreibt er die Stadt im Roman. Darin wollte er die Ängste verarbeiten, von denen er sich lösen wollte. Eine Psychoanalyse würde bedeuten, eine "desinfizierte Seele" herzustellen. Würden ihm seine Teufel ausgetrieben, würden auch seine Engel verschreckt. Rilke sorgte sich, dass, wenn er seine Abgründe aufarbeiten würde, seine dichterische und schriftstellerische Fähigkeit verblassen könnte. In diesen Zusammenhang gehört vor allem die aktuelle Biografie von Manfred Koch „Rilke – Dichter der Angst“. 1886 kam der junge Rilke in eine Kadettenschule. Die Jahre beim Militär wurden zu einer Leidensphase, die ihn nachhaltig prägte. Er fühlte sich fremd und hatte noch Jahre später eine ausgeprägte Gesellschaftsangst:
„Ich kann vor mir selbst nicht froh sein, und deshalb bin ich es nie.“Rainer Maria Rilke
An Lou Andreas-Salomé schrieb er, dass er „keinen Beruf zu den Menschen“ habe. Am 14. Juli 1914 verließ der Dichter seinen Wohnort Paris. Der Weltkrieg, der im August ausbrach, durchkreuzte seine Reisepläne: Nach Paris konnte der gebürtige Prager als österreichischer Staatsbürger nicht mehr zurück. Fast fünf Jahre lang verbrachte er mit kurzen Unterbrechungen in München. Während des Krieges und der nachfolgenden Revolutionen fehlte ihm die dichterische Stimme. Er beklagte immer wieder, dass seine „voix intérieure“ (innere Stimme) verstummt sei, denn Krieg und Poesie schlossen sich für den Dichter aus.
Allen Biografien eingeschrieben ist auch das Mutter-Thema: Die aus einer angesehenen und wohlhabenden Prager Familie stammende Mutter Sophia (Phia), Tochter des Kaiserlichen Rates Entz, konnte es nur schwer verkraften, unter ihrem Stand verheiratet zu sein. Sie gefiel sich in der Haltung einer Unverstandenen und erzog ihren Jungen zunächst als Mädchen und okkupiert ihn mit übertriebener Fürsorge und krampfhafter Zuneigung. In seinen Briefen bleibt er immer auf Distanz zu ihr. Dabei haben beide einiges gemeinsam – nicht nur die Unrast, sondern auch den Drang zum Höheren: „Rilke weiß, für Begegnungen mit Berühmtheiten, die die eigene Geltung vergrößern, hat seine Mutter einen sicheren Instinkt. Und er weiß, dass er diesen von ihr geerbt hat“, schreibt Gunnar Decker.
Halt in einer haltlosen Welt
Orientierung fand Rilke später vor allem bei Frauen – als Freundinnen und Liebhaberinnen oder Gönnerinnen (seine „Wahlmütter“). Zu den prägendsten Bekanntschaften in seinem Leben gehörten Lou Andreas-Salomé, die schwedische Pädagogin Ellen Key, die Mäzenin Prinzessin Marie von Thurn und Taxis oder die Bildhauerin Clara Westhoff, die er 1901 heiratete. Im Dezember 1901 wurde die Tochter Ruth geboren. Rilke entzog sich allerdings seiner Verantwortung als Vater. Rilke nannte sich selbst den „Unstätesten“ seiner Zeit. Manfred Koch beschreibt ihn in seiner Biografie auch als „Fluchttier“: Lebenslang reiste er durch Europa, eine Zeitlang durch Russland, und immer wieder nach Italien. Seine Werke entstanden meistens unterwegs. Rilke hatte nie eine feste Adresse, keinen "anständigen" Beruf, nie ein festes Einkommen, war oft in finanzieller Not. Rilke lebte unter anderem in München, Paris, Berlin, Bremen und Rom, seine letzten Lebensjahre verbrachte er in der Schweiz. In Soglio fand er zwar nicht zur Arbeit zurück, doch war ihm bewusst, dass der Ort, an dem er die im Januar 1912 auf Schloss Duino in der Nähe von Triest begonnenen Elegien vollenden könnte, so sein müsste wie der Palazzo Salis.
Im Sommer 1921 beauftragte er in Lausanne einen Immobilienmakler, nach geeigneten Objekten zu suchen. Im Juli 1921 besuchte Rilke zusammen mit der Malerin Baladine Klossowska, das Wallis (nach der Trennung lebt Baladine mit ihren Söhnen Pierre und Baltusz in der Schweiz), wo er das "Château de Muzot" aus dem 13. Jahrhundert entdeckte. Durch Vermittlung von Nanny Wunderly-Volkart mietete ihr Vetter, der Wintherthurer Mäzen Dr. Werner Reinhart, den mittelalterlichen Schlossturm. Vor dem Einzug ins alte Gemäuer mussten die Decken abgestützt, die Wände geweißt und Rattenlöcher vermauert werden. Auch elektrisches Licht gab es nicht. Wasser musste von einem Ziehbrunnen im Garten geholt werden. Am 26. Juli 1921 zog Rilke ein.
Zwar war die Schweiz für ihn keine Liebe auf den ersten Blick (er empfand sie zunächst als ein „Vorzimmer der Freiheit, in dem man wartete, bis man gerufen wird“), und doch lebte er hier sieben Jahre bis zu seinem Tod. Er vollendete die zehn Jahre zuvor begonnenen „Duineser Elegien“ und schrieb im Februar 1922 „Die Sonette an Orpheus“. Darin schreibt er, dass sich der Einzelne im Bewusstsein um seine Sterblichkeit vorbehaltlos auf ein Leben einlassen kann, das aus inneren und äußeren Verwandlungen besteht. In seiner Biografie und dem vertiefenden Essay „Rilke in der Schweiz“ (Insel-Bücherei) widmet sich Gunnar Decker diesem besonderen Ort, in dem der Dichter schon dem Tod „anheimgegeben“ war.
Der Garten um das Schloss und die Umgebung hielt Rilke für den "schönsten Flecken der Erde". Nur die Berge des Wallis und die Schneeregionen bleiben ihm verschlossen. Kalte Gebirge ohne "gewohntes Wachstum" waren ihm "wider die Natur". Auch bei diesem Thema zeigen sich die nachhaltigen Verflechtungen der unterschiedlichen Rilke-Publikationen. In ihrem Essayband „Rilke als Gärtner“ verweisen Sandra Richter und Anna Kinder auf diesen Satz: Es ist „die Liebe […,] die Blumen zwischen die Seiten“ der Bücher legt. Dies schrieb Rilke Ende November 1904 an Ellen Key. Seine Bücher versah der Pflanzensammler, Blumeneinkäufer, Naturbeobachter und Gärtner grundsätzlich mit solchen Zeichen der Liebe. In Rilkes (dichterischen Paradies-)Gärten befinden sich aber auch viele Tiere, die mit dem Weltinnenraum verbunden sind, die die Anthologie „Rilkes Tiere“ belegt und Gedichte und Prosatexte aus seinen Werken versammelt: fabelhafte Einhörner, Delphine, Flamingos, Löwen, Schwäne, Marienkäfer, Katzen und Hunde. Sie zieren Landgüter oder verwildern in Städten. Im „Malte“ heißt es: „Was für ein Leben ist das eigentlich, ohne Haus, ohne ererbte Dinge, ohne Hunde.“ Von ihrer visionären Kraft und ihrer Fähigkeit, den Tod zu erspüren, war der Dichter überzeugt.
„Tatsächlich kann Rilke, der Flora und Fauna, Parks und Gärten bedichtete, auch als einer der – mit Ausdruck seines Freundes von Uexküll – ersten Umweltpoeten gelten.“Sandra Richter und Anna Kinder
Der 2022 durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach erworbene private Nachlass Rilkes bezeugt erstmals umfassend die Blumen- und Naturbegeisterung des Dichters, der seine Gartenarbeit mit dem Schreiben verglich. Beides sind Vorgänge, die die Welt wieder in Ordnung bringen. Der schnelllebigen Welt wird mit dem Garten eine eigene Struktur und Schönheit, Ethik und Ästhetik entgegengesetzt, die sich der Tätigkeit des ständigen Kultivierens verdankt. Ein Garten muss vorausschauend geplant werden, dann wird er besät oder bestellt, und schließlich bringt er zu gegebener Zeit Früchte hervor.
Weiterführende Literatur:
„Ich bin immer noch ein Lebensanfänger“: Was von Rainer Maria Rilke bleibt
Gunnar Decker: Rilke – Der ferne Magier. Eine Biographie. Siedler Verlag, München 2023.
Manfred Koch: Rilke. Dichter der Angst – Eine Biographie. Verlag C.H.Beck, München 2025.
Sandra Richter: Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben. Eine Biographie. Aus bislang unbekannten Quellen und mit exklusivem Bildmaterial. Insel Verlag, Berlin 2025.
Sandra Richter, Anna Kinder: Rilke als Gärtner. Insel-Bücherei 1554, Berlin 2025.
Gunnar Decker: Rilke in der Schweiz. Mit zahlreichen Abbildungen. Insel-Bücherei 2059, Berlin 2025.
Rainer Maria Rilke: Rilkes Tiere. Herausgegeben von Angelika Overath und Manfred Koch. Mit farbigen Abbildungen. Insel-Bücherei 1549, Berlin 2025.
