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Vom Lesen und von Büchern

Roger Willemsens Leben war erfüllt vom Lesen und von Büchern, die ihm ein „wirkliches Gegenüber“ waren. Dennoch gab es bislang kein Buch von ihm über Literatur. Deshalb trug seine Nachlassverwalterin, die Literaturkritikerin Insa Wilke, im Buch „Liegen Sie bequem?“ Texte von ihm zusammen, die der Publizist in seinem Leben darüber geschrieben hat.

Versammelt sind Buchempfehlungen, Porträts von Autorinnen und Autoren, Kritik am Literaturbetrieb und Regeln für Leserinnen und Leser. Damit beginnt das Buch, das zugleich eine Anweisung zum guten Leben ist:

Überlegen Sie sich gut, welches Buch es wert ist, Ihnen Gesellschaft zu leisten.“
Roger Willemsen

Ein gutes Buch hat für die Herausgeberin einen „Knacks“, mit dem es nicht fertig wird. Deshalb spricht es immer wieder zu ihr und bleibt ein wichtiger Begleiter. Die eigene Lebenszeit sollte nachhaltig genutzt und nicht mit flachsinnigen Büchern verschwendet werden. Bücher sollten es wie Lesende ernst meinen. Willemsen konnte sich deshalb nicht mit einem Krimi aufs Sofa legen, weil es ihm dann sinnlos erschienen wäre, seine Zeit damit zu verbringen. Auch die Gleichzeitigkeit von Kritik und Humor spielte für den unermüdlichen Textarbeiter eine wichtige Rolle. Lachen und Lebensgenuss prägten sein Leben genauso wie die Literatur, die ihn in Bereiche führte, die sein „eigenes Erleben niemals auch nur gestreift hätte". Als Leser empfand er „fertige“, blickdichte Texte allerdings häufig als tot, weil sämtliche  Arbeitsspuren getilgt sind.  Er las am liebsten Aufzeichnungen, Notiz- und Tagebücher von Gustave Flaubert, André Gide, Julien Green und Friedrich Hebbel sowie Paul Valérys Hefte. „Denken ist unablässiges Durchstreichen“, schrieb der französische Philosoph und Literat, der als 23-jähriger Student damit begann, täglich in Schulheften, die als „Cahiers“ (Notizhefte) berühmt wurden, Gedanken über das Leben, die Sprache und das Denken zu notieren.

Ziel war (wie bei Willemsen) die Steigerung der Möglichkeiten, „das Kapital an Genauigkeit, an Kraft, an sicheren und raschen Reaktionen“. Das wirkliche (wirksame) Wissen war für ihn Können. Jede Ausbildung, „die ohne Training auskommen will, das heißt ohne eine Methode zur Entfaltung der Kräfte des Individuums“, züchtet nach Valéry nur „redende Tiere“ heran. Es sollte verboten werden, von etwas zu sprechen, was man nicht gesehen oder selbst erfahren hat. Es war schon zu seiner Zeit das Gegenteil von dem, was das Erziehungssystem damals machte. Roger Willemsens Kunst des Lesens und des Denkens lehrt uns, richtig zu unterscheiden, zu bewerten, die Kräfte unseres Könnens zu entfalten und unseren Panoramablick im Komplexitätszeitalter zu schulen. Das „Champagnerartige der überbordenden Einfälle“ empfand Willemsen besonders anregend. In jedem seiner Texte versuchte er aber auch, die Leserschaft produktiv zu machen und dazu beizutragen, dass sie sich während der Lektüre selbst hervorbringt, um sich und die Welt zu bewegen und zum Besseren zu verändern.

Das Buch:

  • Roger Willemsen: Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Büchern. Herausgegeben von Insa Wilke. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.  2025.

Weiterführende Informationen:

  • Erinnerungen an Roger Willemsen

  • Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

Dr. Alexandra Hildebrandt schreibt über Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Kernthemen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Beim Verlag SpringerGabler habe ich die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement herausgegeben sowie "Klimawandel in der Wirtschaft".

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