Vorsicht Harmoniefalle: Warum Auseinandersetzungen guttun
Wir alle sehnen uns nach Harmonie. Trotzdem streiten wir und erleben es oft als destruktiv und bedrückend. Dabei gibt uns jeder Streit die Möglichkeit, Spannungen aufzulösen. Ein guter Grund, den Mut zur Auseinandersetzung nicht zu verlieren.
„Authentizität ist gefragt: Arbeitnehmer wollen im Job keine Rolle spielen.“ Als ich vor Kurzem im Netz auf diese Zeile gestoßen bin, war mein Interesse sofort geweckt. Beim Weiterlesen erfuhr ich, dass 45 Prozent der Befragten einer Xing-Umfrage angeben, dass es von ihnen ein privates sowie ein berufliches Ich gäbe. Dabei sei der Hauptgrund für das Verstellen der Persönlichkeit im Job, dass es im Unternehmen nicht gewünscht wäre, die eigene Meinung zu äußern (41 Prozent).
Wie besorgniserregend das Ergebnis dieser Erhebung ist, zeigt wiederum eine schwedische Langzeitstudie. So belegen Wissenschaftler der Universität Stockholm, dass das Risiko für Herzinfarkte wächst, wenn wir Konflikten langfristig aus dem Weg gehen. Wer keine andere Bewältigungsstrategie findet, als die eigene Meinung zu unterdrücken, setzt seinem Körper also signifikant zu.
An dieser Stelle musste ich an meinen Klienten Christoph denken. Christoph ist Ende 50, Senior Manager in einer PR-Agentur und ein sehr kommunikativer und redegewandter Mann. Umso mehr überrascht es, dass er jedem klärenden Gespräch und jeder Diskussion aus dem Weg geht. Mit weitreichenden Konsequenzen. So hat Christoph in seinem Leben schon einige Beziehungen aufgegeben, weil er nicht in der Lage war, einen Konflikt zu klären. Dabei ging es meist lediglich um Meinungsverschiedenheiten oder unterschiedliche Vorstellungen. „Dieses Problem hatte ich in Berufsbeziehungen wie auch in engen Freundschaften“, erzählte er mir bei einer unserer Sitzungen. „An einem bestimmten Punkt habe ich einfach einen Abgang gemacht. Ich habe dann gedacht: Mach einen Strich drunter, dann ist da Ruhe an der Stelle.“
Kante zeigen statt schweigen
Weil unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bindung überlebenswichtig ist, tun wir viel, um Anerkennung von anderen Menschen zu erhalten und uns vor Zurückweisung zu schützen. Dass unsere Überlebenswahrscheinlichkeit am größten ist, wenn wir nicht ausgegrenzt werden, ist ein der Evolution zugrunde liegendes Denkmuster. So gut wie jedes Tier ist, wenn es auf sich allein gestellt ist, angreifbarer als in der Gruppe. Also müssen wir möglichst beliebt sein und sagen, nicht zuletzt, um Konflikte zu vermeiden, häufig Ja, wenn wir eigentlich Nein meinen. Studien zufolge tun wir das immerhin 18-mal im Laufe eines Tages und bewegen uns damit auf dem sicheren Weg in die Harmoniefalle.
So kann übertriebenes Harmoniestreben zu Überanpassung und Perfektionismus führen, als vorbeugende Maßnahme, um nicht abgewiesen zu werden. In dem Fall versucht man, alle Erwartungen, die an einen gestellt werden, anstandslos zu erfüllen, um sich so unangreifbar zu machen. Mit diesem Verhalten begibt man sich leicht in die Opferrolle, wobei das Gefühl der Sicherheit trügerisch ist. Natürlich ist Harmonie ein angenehmer Beziehungszustand, der sich aber nur einstellen kann, wenn Menschen sich auf Augenhöhe wähnen.
Und dazu bedarf es auch mal eines „Neins“, ein Wort, das Christoph Kolleginnen und Kollegen gegenüber noch nie ausgesprochen hat. Schließlich könnte es einen Konflikt heraufbeschwören. Da ergreift er lieber die Flucht, anstatt eine klärende Auseinandersetzung zu suchen. Auf seine Frage, warum wir überhaupt streiten, habe ich geantwortet: Im Laufe unseres Lebens erstellen wir unterbewusst aufgrund unserer Erfahrungen eine Art Wunschliste. Sie gibt uns vor, welche Bedürfnisse wir im Leben so haben. Und selten sitzen sich zwei Menschen mit der gleichen Liste gegenüber.
Eine Frage der Entscheidung
Idealerweise befinden sich unsere Interessen mit denen unserer Mitmenschen im Einklang, dann gibt es keinen Konflikt. Falls nicht, müssen wir eine Entscheidung treffen. Viele unserer Entscheidungen sind fester Bestandteil unserer Tagesroutinen und Verhaltensgewohnheiten und erfolgen sozusagen automatisch. So wie sich Christoph bislang gewohnheitsgemäß dafür entschieden hat, konfliktbeladene Gespräche zu vermeiden, was nicht selten zur Verschlechterung oder gar zum Aus einer Beziehung führte.
An dieser Stelle kann ein bewusstes Abwägen der Vor- und Nachteile entscheidend zu unserer Lebenszufriedenheit beitragen. Und wer dann zum Schluss kommt, dass ein klärendes Gespräch mit der Kollegin oder dem Kollegen mehr Vorteile mit sich bringt, dem empfehle ich 100-prozentige Authentizität in der Kommunikation. Denn je weiter wir unsere Energie, unsere positive Ausstrahlung und unsere Werte verbreiten, desto geschützter werden wir vor Ausgrenzung sein und auf desto mehr Sympathie werden wir stoßen.
Dabei rate ich in der Auseinandersetzung zu Argumenten, die uns Standpunktsicherheit verleihen. Wichtig ist auch die innere Haltung. Es geht bei Konflikten nämlich meist nicht darum, recht zu haben, sondern seine Bedürfnisse und Grenzen zum Ausdruck zu bringen und gemeinsam in einer Sache voranzukommen. Und es geht um Fairness. Denn natürlich ist es anderen gegenüber fairer, ein Problem anzusprechen, statt den inneren Rückzug anzutreten. Schließlich hat die andere Person nur dann eine Chance, etwas richtigzustellen oder sich zu entschuldigen, wenn man etwa sagt.
So birgt jeder Streit auch die Möglichkeit, Spannungen aufzulösen und dadurch die Beziehung möglicherweise auf eine ausgewogenere Ebene zu stellen. Entscheidend dabei ist, dass unser Gegenüber uns zuhört und Interesse daran hat, uns auch zu verstehen. Wenn aber die Gefühle mit uns durchgehen, werden wir nicht lange mit seiner Aufmerksamkeit rechnen können. Das strengt nur an.
Wenn wir wissen, woran wir sind
Der Schweizer Kommunikationsforscher Dr. Werner Troxler vergleicht einen Streit mit einem Eisberg. „Wir sehen seine Spitze aus dem Wasser ragen, der größte Teil ist für uns unsichtbar, bestimmt aber, wie sich der Eisberg verhält. Bei einem Streit ist es ähnlich. Wir tragen einen Konflikt aus, doch was unser Verhalten bestimmt, das erkennen wir oft gar nicht.“ Dazu müssten wir lernen, die sogenannte Sachebene von der Beziehungsebene zu unterscheiden. Auf welcher Ebene befinde ich mich gerade in der Auseinandersetzung? Geht es mir wirklich darum, dass mein Kollege die Büroküche wieder nicht aufgeräumt hat?
Meistens sind Sach- und Beziehungsebene verknüpft. Sind wir etwa in einer Beziehung unzufrieden, suchen wir oft nach einem Grund, uns über den anderen zu ärgern. Um klarer in der Kommunikation zu werden und den unsichtbaren Teil des Eisberges erkennen zu können, müssten wir erst mal einen besseren Draht zu unseren eigenen Wünschen und Gefühlen bekommen. Und zwar, indem wir einfach mehr auf sie achten.
Wenn wir wissen, wie wir bei der Arbeit zielführend und gelungen miteinander sprechen, können wir Missverständnisse vermeiden, die Zufriedenheit des Teams erhöhen und die Zusammenarbeit wie auch das Vertrauen stärken. Teams, die wissen, wie man sich wirkungsvoll über die Arbeit und die damit verbundenen Vorstellungen und Wünsche austauscht, sind besser auf schwierige Situationen vorbereitet.
Auch Christoph erzählte mir, dass er die Menschen wertschätzt, die immer klare Ansagen machen. Bei denen wisse er, woran er sei. „Bei mir ist das vielen vermutlich nicht so klar. Ich behalte immer eine Art Tarnkappe auf und nehme also meinem Gegenüber die Chance, etwas mit mir zu klären. Das ist eigentlich eine Haltung, die meinem Verständnis von Miteinander und Freundschaft nicht entspricht“, sagte Christoph und beendete unser Gespräch mit dem Vorsatz: „Ich muss das ändern, das wird mir jetzt klar.“
