Wie lokale Inklusionsarbeit effektiv und nachhaltig gestaltet werden kann
Inklusion ist das erklärte Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 in Kraft trat. Deutschland hat sie 2007 als einer der ersten Staaten unterzeichnet. Alle Menschen sollen unabhängig von Einschränkungen aktiv am sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben teilnehmen können. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund unterstützt deshalb die Initiative „Kommune Inklusiv“ der Aktion Mensch, die vier Gelingensbedingungen ermittelt hat, von denen der Umsetzungungserfolg abhängt:
1. Die Kommunalverwaltung ist aktiv an der Umsetzung des Inklusionsprozesses beteiligt und bekennt sich zu einem weiten Inklusionsbegriff.
2. Echte Partizipation findet statt und alle Akteure kooperieren auf Augenhöhe. Damit Inklusion gelingen kann, müssen mehr Menschen für Partizipation gestärkt („empowert“) werden.
3. Um Inklusion zu erreichen, arbeiten Vertreter:innen von Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und kommunaler Verwaltung in einem professionellen Netzwerk an gemeinsamen Zielen arbeiten. Ein wichtiger Bestandteil des Netzwerks ist nach den Erfahrungen der Aktion Mensch eine hauptamtliche Netzwerkkoordination, die den Austausch organisiert.
4. Bewusstsein für Inklusion wird geschaffen, denn sie beginnt im Kopf. Diese Wahrnehmung kann ein Anstoß für große Veränderungen sein.
Benötigt werden allerdings entsprechende Rahmenbedingungen, damit sich Vielfalt, Teilhabe und gegenseitiger Respekt in den Städten und Gemeinden entfalten können. Dazu braucht es differenzierte, passgenaue, barriere- und diskriminierungsfreie Angebote der Daseinsvorsorge.
Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen setzen sich mit ihrer Lebenswelt auseinander und geben selbst Anstöße für nachhaltige Veränderungen.
Barrierefreiheit ist die Grundvoraussetzung für Inklusion.
Mit inklusiven Bauprojekten und Wohnmodellen sorgen Beauftragte und Ämter auch dafür, dass von Beginn an mehrere verschiedenen Zielgruppen angesprochen und beteiligt werden. Das macht die Planung effektiver. Außerdem wird ein Projekt durch echte Bürgerbeteiligung nachhaltig erfolgreicher.
Freiwilliges Engagement und Ehrenamt erfahren besondere Wertschätzung und machen Städte, Stadtteile, Dörfer und Gemeinden zu attraktiven, lebenswerten und lebendigen Orten.
Menschen treffen sich ohne Barrieren am Arbeitsplatz, im Sportverein, beim ehrenamtlichen Engagement oder bei Veranstaltungen und Dorffesten - ohne Berührungsängste und Vorurteile. Alle fühlen sich als wertvoller Teil der Gemeinschaft. Die Beteiligung und das gegenseitige Verständnis stärkt den einzelnen Menschen und die Gemeinschaft (Stärkung ihrer Resilienz).
Die Kommunalverwaltung ermutigt und stärkt alle Menschen, sich für ihre Stadt oder Gemeinde zu engagieren und bei Projekten mitzuentscheiden. Sie informiert in Einfacher und in Leichter Sprache auf ihren Webseiten, in Broschüren, bei Vor-Ort-Veranstaltungen in den Stadtvierteln und Ortsteilen.
Kultur: Theater, Opernhäuser, Kinos, Konzerthallen, Veranstaltungsräume und Museen sind barrierefrei erreichbar. Es gibt Veranstaltungen für blinde Menschen, in Einfacher und in Leichter Sprache sowie in Gebärdensprache. Menschen mit Beeinträchtigung arbeiten selbst im Kulturbetrieb.
Alle Menschen sind ermutigt und gestärkt, sich politisch zu engagieren. Sie nutzen ihr Recht auf Mitbestimmung gern.
Mobilität: In einer inklusiven Kommune sind Fuß- und Radwege ausreichend breit und sicher. Sie haben abgesenkte Bordsteine und ein Blindenleitsystem. Menschen mit Kinderwagen, Rollstühlen, Rollatoren oder auf Dreirädern können sich problemlos überall bewegen. Bus- und Bahnhaltestellen sind barrierefrei. Der öffentliche Personennahverkehr wird ergänzt durch weitere umweltfreundliche Verkehrsmittel. Es gibt genug Parkplätze für Menschen mit Behinderung und für Familien mit kleinen Kindern. Auch Arztpraxen sind barrierefrei erreichbar: Es gibt eine Bus- und Bahnhaltestelle in der Nähe und Parkplätze für Menschen mit Behinderung und Familien mit kleinen Kindern. In die Praxis führen Rampen und Aufzüge.
Auch Sportplätze und Sportangebote sind barrierefrei und für alle Menschen offen, gut erreichbar und zugänglich.
Die kommunale Verwaltung trägt Inklusion mit und ist vom lokalen Inklusionsprozess überzeugt und unterstützt ihn entsprechend.
Stärkung des Zusammenhalts: Gemeindliche Akteur:innen (aus gemeinnützigen Vereinen, Wohlfahrtsverbänden, Wirtschaftsunternehmen oder engagierte Mitbürger:innen) arbeiten vernetzt zusammenarbeiten.
Die Bundesvereinigung Lebenshilfe ist Verfechterin für die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention (BRK) der Vereinten Nationen und fordert Inklusion gegenüber Politik und Gesellschaft ein. Sie ist beratend in Sachen Inklusion tätig und betreibt einige Werkstätten. Im Zentrum des Engagements steht die Selbsthilfe Betroffener. Als sogenannter Selbstvertreter- und Selbstvertreterinnen-Verein geht sie dabei selbst mit gutem Beispiel voran: Menschen mit geistiger Beeinträchtigung können hier als Mitglied, im Beitrat oder Vorstand mitarbeiten.
Ziel der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft“ (DASoL) ist ein Austauschforum für die Vielfalt Sozialer Landwirtschaft und deren weitere Entwicklung. Aktivitäten solcher "multifunktionaler" Höfe der Sozialen Landwirtschaft reichen von der Integration von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen über die Einbeziehung sozial schwacher Menschen, straffälliger oder lernschwacher Jugendlicher, Drogenkranker, Langzeitarbeitsloser und aktiver Senioren bis hin zu pädagogischen Initiativen wie Schul- und Kindergartenbauernhöfe. Unterstützt wird die Vernetzung von Einzelinitiativen, zudem werden die Interessen der Akteure und regionaler Netzwerke gebündelt und sichtbar gemacht. Die Landwirtin Renate Bergmair, die auch eine Kreativ-Werkstatt in Steindorf führt, hat in einer Weiterbildung den Abschluss „Soziale Landwirtschaft“ erworben.
Ein Schwerpunkt der Kurse, die sie regelmäßig anbietet, liegt auch in der Integration von Kindern und älteren Menschen wie von Menschen mit Beeinträchtigung. Die Kurse für Gruppen, bestehend aus Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, können im Gesundhaus i-Tüpferl, dem Zentrum für ganzheitliche ambulante und präventive Medizin und Entstehungsort für die Entwicklung des fortschrittlichen, zukunftsfähigen Gesundheitswesens, stattfinden. Hier ist auch die entsprechende Infrastruktur gegeben (Barrierefreiheit, lokal gut erreichbar). Christine Bergmair ist Gründerin und Initiatorin des Gesundhaus i-Tüpferl. Durch die Integration von schulmedizinischen, naturheilkundlichen und therapeutischen Aspekten wie die Vernetzung mit Berufen und Unternehmen aus Gesundheit, Soziales und Medizin entsteht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die auch Inklusion fördern soll. Das ganzheitliche Konzept umfasst auch die Weiterentwicklung der vielfältigen Akteure durch Weiterbildung und Weitergabe der kollektiv gesammelten Erfahrungen. „Mir gefällt die gemeinsame Bewegung, dass es im Wirtschaften nicht allein um den Profit, sondern den Menschen mit und ohne Beeinträchtigung und unsere Umwelt geht“, sagt Bergmair.
Dr. Frank Hoffmann ist Gründer und Geschäftsführer von discovering hands. Blinde Menschen haben andere sensorische Qualitäten - ihr Tastsinn ist besonders ausgebildet. Die Idee von ihm war, sie zu Tastuntersuchern auszubilden: Er wollte aus einer Beeinträchtigung eine Begabung machen und sie zum Wohle der Patientin in der Brustkrebsfrüherkennung einsetzen. Ab 2006 wurde seine Idee in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Rheinland, der Ärztekammer Nordrhein, dem Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Düren und der Universitätsfrauenklinik Essen in die Tat umgesetzt. Es entstand das neue Tätigkeitsfeld der „Medizinischen Tastuntersucherin“ (MTU). Analysen zeigten, dass MTU in einem direkten Vergleich mehr und deutlich kleinere Gewebeveränderungen ertasten konnten als die Ärzte. discovering hands versteht sich als professionelles gemeinnütziges Unternehmen mit einer sozialen Vision. Es wird marktwirtschaftlich organisiert und gewinnorientiert geführt. Der erzielte Gewinn wird dabei ausschließlich in den weiteren Ausbau des Geschäfts investiert.
Deutschland war im Juni 2023 erstmals Gastgeber der Special Olympics World Games (SOWG), der weltweit größten inklusiven Sportveranstaltung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung. Es kamen etwa 7.000 Athletinnen und Athleten sowie Unified Partnerinnen und Partner (Menschen ohne geistige Beeinträchtigung) aus mehr als 170 Nationen in 26 Sommer- und zwei Demonstrationssportarten nach Berlin. Das bundesweite Projekt „170 Nationen – 170 inklusive Kommunen / Host Town Program“ bot die Chance der gemeinsamen Gestaltung und Einbindung aller Regionen Deutschlands in eine Großveranstaltung. Die gesammelten Erfahrungen im Sinne des Wissenstransfers werden nun im Nachgang auch Kommunen zur Verfügung gestellt, die nicht am Projekt teilgenommen haben. So können inklusive Strukturen in den Kommunen gefördert werden.

