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Karriere-Coach zu Lebenslaufpannen: So überarbeitest Du Deinen CV richtig

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Die Kanzlerkandidaten Baerbock und Laschet stehen wegen Lebenslaufpannen in der Kritik. Heißt das, jetzt besonders demütig beim Erstellen des eigenen CVs zu sein? Auf keinen Fall, sagt der Karriere-Coach. 

Bernd Slaghuis ist Karriere-Coach und XING Insider. Hier könnt Ihr ihm folgen. 

XING News: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock steht in der Kritik, weil sie ungenaue Angaben in ihrem Lebenslauf gemacht hat. Wenn es hier nicht um eine Kanzlerkandidatin ginge, sondern um eine ganz normale Arbeitnehmerin: Wäre so eine schwammige Formulierung im Lebenslauf – Mitglied" statt „Beiräte, (Förder-)Mitgliedschaften, regelmäßige Unterstützung“ – auch ein Problem?

Bernd Slaghuis: Ich finde es richtig, dass die Öffentlichkeit bei Politikern genau hinsieht und deutlich kritisiert, wenn es Ungenauigkeiten geben sollte. Ich finde es aber schwierig, die Diskussion um Baerbocks Lebenslauf auf normale Angestellte zu übertragen. 

XING News: Warum?

Bernd Slaghuis: Weil es keinen Sinn ergibt, bei den Leuten Panik zu schüren. Nach dem Motto: Seht hin, in der Politik ist das aufgeflogen und ihr müsst jetzt alle genauer aufpassen, damit euch das nicht auch passiert. Angst ist keine gute Haltung, mit der sich Bewerber an die Erstellung oder Überarbeitung ihres Lebenslauf setzen sollten.

XING News: Wie sollten wir dann mit dem Thema umgehen?

Bernd Slaghuis: Ich finde es viel wichtiger, gerade jetzt den Menschen Mut zu machen und auch eine gewisse Gelassenheit in die Thematik reinzubringen. Das Wichtigste ist, sich selbst genau zu überlegen, was man in einem Lebenslauf rüberbringen will und was wirklich wichtig ist, um sich für einen potenziellen Arbeitgeber richtig greifbar zu machen. 

XING News: Dafür dürfen normale Angestellte im Lebenslauf dann auch übertreiben?

Bernd Slaghuis: Als Karriere-Coach ist es mir wichtig, dass Lebensläufe immer der Wahrheit entsprechen. Sie müssen Klarheit schaffen für Recruiter, Personaler oder Headhunter, damit diese eine Entscheidung treffen können, ob jemand in einer bestimmten Position zu einem Unternehmen passt oder nicht. Diese Klarheit zu schaffen, ist aber nicht immer ganz so einfach. Mit Übertreibungen hat das, was ich in der Praxis erlebe, allerdings in diesem Zusammenhang meist wenig zu tun.

XING News: Sondern?

Bernd Slaghuis: Ein Thema, das ich mit meinen Klienten und Klientinnen wirklich sehr oft diskutiere, ist zum Beispiel die Frage nach den richtigen Jobtiteln im Lebenslauf. Gerade, wenn es um technische Berufe oder Jobs im naturwissenschaftlichen Bereich geht, stehen auf der Visitenkarte oder in den Zeugnissen manchmal Bezeichnungen, die intern angesehen und bekannt sind, aber für Außenstehende völlig kryptisch erscheinen. Was sollte der Bewerber oder die Bewerberin in so einer Situation also in den Lebenslauf schreiben?

XING News: Was rätst Du?

Bernd Slaghuis: Für einen angestellten Arbeitnehmer, der sich nicht für hochrangige politische Funktionen bewirbt, finde ich es völlig o.k., die verständliche, weil gängige Variante zu nehmen. Wie gesagt: Ein Lebenslauf muss gut greifbar und gut lesbar sein. Da darf man in so einem Fall dann auch einen vergleichbaren Job-Titel nehmen, der vielleicht ein bisschen anders lautet als er offiziell im Zeugnis steht. Über die Erläuterung der Tätigkeiten wird jedem Recruiter klar sein, dass es sich um ein und denselben Job handelt.

XING News: Gibt es für Lebensläufe eine Faustregel, was noch okay ist und was auf gar keinen Fall geht?

Bernd Slaghuis: Bewusstes Lügen ist tabu. Der Lebenslauf ist im besten Falle der Start einer neuen vertrauensvollen Zusammenarbeit. So eine Arbeits- und Geschäftsbeziehung mit einer bewussten Lüge zu starten, finde ich sehr schwierig. Und das nicht nur, weil es verboten ist. In so einer Situation kann außerdem niemand entspannt ins Vorstellungsgespräch gehen, sondern wird immer Angst haben, dass der Schwindel auffällt. Das kann kein gutes Gespräch auf Augenhöhe werden. Nur, wer mit sich und seinem Lebenslauf im Reinen ist, kann sich auch im Vorstellungsgespräch gut verkaufen.

XING News: Auch Baerbocks politischer Kontrahent, Armin Laschet, wird heftig kritisiert. Er war 16 Jahre lang Dozent an der RWTH Aachen, bis er einen Stapel Klausuren verlor und die dazugehörigen Noten, wie er selbst sagte, aus dem Gedächtnis und aus Aufzeichnungen „rekonstruierte“. Diese Station fehlt in seinem Lebenslauf. Darf man Unangenehmes unerwähnt lassen?

Bernd Slaghuis: Armin Laschet als in der Öffentlichkeit stehende Person bekommt ja gerade die Quittung hierfür.

XING News: Aber als Arbeitnehmerin dürfte ich im Lebenslauf verschweigen, wenn ich im alten Job entlassen wurde?

Bernd Slaghuis: Ja. Natürlich sollte ich mir dann aber Gedanken darüber machen, dass das Thema spätestens im Vorstellungsgespräch zur Sprache kommen könnte. Dann kann ich mir aber genau überlegen, wie ich die Hintergrüne erklären werde. Nochmal: Das Wichtigste ist, dass wir uns bei unseren Lebensläufen erst einmal selbst Gedanken machen, wie wir unsere berufliche Vergangenheit sowie die Ausbildungszeiten einem Arbeitgeber gegenüber verständlich greifbar machen. Was für eine Bewerbungs-Story will ich vermitteln? Was ist wirklich wichtig für einen neuen Arbeitgeber oder eine Zielposition? Was braucht es auch, um ein stimmiges Bild zu vermitteln? Das sollte sich jede und jeder für die einzelnen Stationen sowie mit jedem Aspekt im Lebenslauf bewusst machen.

XING News: In sozialen Netzwerken sind viele Menschen inzwischen ständige Selbstoptimierer. Es werden Filter benutzt, um vermeintlich schöner zu erscheinen und jeder Mini-Schritt auf der Karriereleiter als großes Happening inszeniert. Ist da unsere Fixierung auf den korrekten „tabellarischen Lebenslauf“ noch zeitgemäß?

Bernd Slaghuis: Wenn ein normaler Angestellter etwa bei einem Ehrenamt vergisst, einen Zeitraum in einer Lebenslaufversion korrekt zu aktualisieren, interessiert das keine Arbeitgeberin. In der Coaching-Praxis ist Selbstoptimierung ohnehin meist nicht das entscheidende Thema.

XING News: Was ist es dann?

Bernd Slaghuis: Ich beobachte bei der Arbeit mit Jobwechslern, dass sich viele im Lebenslauf eher zu klein als zu groß machen.

XING News: Zu klein?

Bernd Slaghuis: Genau. Vielen Menschen ist der echte Wert ihrer Berufserfahrung gar nicht mehr bewusst. Sie vergessen etwa, dass sie Präsentation vor der Geschäftsführung gehalten haben, dass sie in großen Projekten mitbeteiligt waren oder auf welchen Ebenen und in welchen Schnittstellen sie im Unternehmen unterwegs waren. Gerade, wer lange Zeit in einem Job steckt, kann oft das eigene Tun für sich selbst nicht mehr richtig wertschätzen. Ich arbeite deshalb mehr mit Bewerbern daran, ihr Erfahrungswissen richtig zu erkennen und hierüber im Lebenslauf Klarheit zu schaffen, als dass wir darüber sprechen, ob etwas zu hoch gestapelt wirken könnte.

XING News: Wie kann ich überprüfen, ob mein Lebenslauf stimmig ist, wenn ich mir kein professionelles Coaching leisten kann?

Bernd Slaghuis: Da gibt es ein ganz einfaches, aber sehr wirksames Mittel. Einfach den Lebenslauf jemandem vorlegen, der Dich nicht so gut kennt oder aus einer anderen Branche kommt. Und dieser Person dann folgende Fragen stellen: Wie wirkt der Lebenslauf insgesamt auf Dich? Wo hast du Fragezeichen im Kopf? Hast du ein Bild davon, was ich die letzten Jahre gemacht habe?

Dr. Bernd Slaghuis ist Karriere- und Businesscoach und begleitet in seiner Coaching-Praxis seit 2011 Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf. Er ist Blogger, Autor „Besser arbeiten“ (2020), XING-Insider und SPIEGEL-Kolumnist Job & Karriere.

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