Dr. Alexandra Hildebrandt

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for Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Abgelegt und wiedergefunden: Die Krawatte in der modernen Unternehmenskultur

Krawatte

Der Ursprung des Trends

Apple-Gründer Steve Jobs kündigte seine Innovationen immer im schwarzen Rollkragenpullover an. Nichts sollte verschwendet, nichts unnötig sein. Das galt nicht nur für seine Produkte, sondern auch für seinen Kleidungsstil und seine innere Haltung, die keinen Ballast an vorgefassten Meinungen duldete - ebenso wenig Zwänge und starre Prozesse. Das galt auch für Bewerbungsgespräche: Sie waren kurz und ohne feststehende Agenda, aber das genügte ihm, um ausreichend Informationen über den Kandidaten zu erhalten. Die eigentlichen Antworten waren für Jobs nicht so wichtig, sondern die Art, WIE die betreffende Person antwortete. Talent, Leidenschaft und Spürsinn waren ihm wichtiger als die Tatsache, dass Technologie in ihrer bisherigen Arbeit kein Schwerpunkt gewesen war. Äußerlichkeiten wie eine Krawatte spielten keine Rolle für den digitalen Erneuerer. Mit seiner unkonventionellen Art grenzte er sich bewusst gegen die Old Economy ab.

Mit dem Sneaker- und Bärte-Trend, der vor allem während des Silicon Valley-Tourismus Einzug hielt, um kalifornischen Gründergeist nach Deutschland zu transportieren, verschwanden auch die Krawatten in deutschen Chefetagen (z.B. bei Daimler, METRO, Allianz). Die CEOs, die sie ablegten, wollten damit symbolisieren, dass sie offen für das Neue sind. Der neue Look passt zu jenen, die sich in ihrer Funktion nicht eingesperrt fühlen, die vorangehen und auch einmal unkonventionelle Entscheidungen treffen. Lächerlich wird es dann, wenn sich ein steifer Charakter „locker“ gibt und innen und außen nicht mehr zusammenpassen.

Inzwischen ist auch in vielen Unternehmen der Business-Casual-Look präsent, und die meisten Männer verzichten auf die Krawatte.

Die Krawatte spielt bei der Unternehmensgruppe Krieger + Schramm, die in den Geschäftsbereichen Bauträger, Generalunter- und Übernehmerleistungen sowie im Rohbau tätig ist, fast keine Rolle. „Außer bei festlichen Anlässen oder ähnlichen Veranstaltungen sieht man sie vereinzelt. Vor allem durch den Vormarsch der Generation Y und Z ist sie immer weniger anzutreffen“, sagt Michael Fuhlrott, der hier das Personalwesen verantwortet. Grundsätzlich wird kein Dress-Code vorgeschrieben. „Jeder soll sich in seiner Haut wohlfühlen und sich - natürlich dem Anlass entsprechend - kleiden können, wie er/sie es möchte.“ Für einen guten Auftritt gegenüber Kunden werden auch Hemden, Poloshirts, Jacken u. ä. mit dem Firmenlogo zur Verfügung gestellt. Das fördert, so der Geschäftsführende Gesellschafter und Gründer des Unternehmens, Matthias Krieger, „die Identifikation der Mitunternehmer und stärkt zugleich den Markenauftritt des Unternehmens.

Auch beim Ökoversender memo AG werden im Alltag keine Krawatten getragen. „Seltene Ausnahmen sind z.B. bestimmte offizielle Termine oder Vorträge in entsprechendem Rahmen, bei denen unsere Herren dann Anzug mit Krawatte tragen. Es gibt auch Anlässe, bei denen zwar ein Anzug, aber keine Krawatte getragen wird. Wir haben keinen offiziellen Dresscode und sind hinsichtlich unseres Bekleidungsstils sehr locker und individuell unterwegs“, sagt Claudia Silber, die hier die Unternehmenskommunikation leitet. Jeder sollte ihrer Meinung nach selbst entscheiden können, wann er eine Krawatte tragen kann oder sollte: „Es gibt Männer, die nie Krawatten tragen, stattdessen aber ein Tuch - auch das kann bei entsprechendem Typ sehr chic aussehen.“ Auch findet sie Krawatten zu bestimmten Outfits bei Frauen manchmal auch sehr gelungen. Persönlich ist es ihr wichtig, „immer entsprechend gekleidet zu sein, also weder over- noch underdressed. Mit der Wahl der richtigen Kleidung zum entsprechenden Anlass möchte ich meinen Mitmenschen auch den entsprechenden Respekt zeigen. Dennoch kann das Jede*r halten wie er/sie/es will.“

Während Banken und Versicherungen als Hort der Seriosität gelten, lockerten sich auch hier vereinzelt die Dresscode-Richtlinien. Seit 2016 sind in der Hamburger Sparkasse auch Jeans und T-Shirts erlaubt. Zeitgleich schuf die Sparkasse Fürstenfeldbruck die Krawattenpflicht für seine Mitarbeiter ab, ebenso 2019 die Nassauische Sparkasse Finanz Center Frankfurt (Naspa) und Aldi-Nord. „In Zeiten des Fachkräftemangels sind Unternehmen bestrebt, viele der alteingesessenen Gepflogenheiten zu verabschieden, um beim Kampf um die jungen Talente auf dem Arbeitsmarkt die Oberhand zu behalten. So geht das Bestreben vieler Unternehmen hin zum Cultural Fit. Die Bewerber sollen sich mit der Unternehmenskultur identifizieren können. Und somit auch mit der Kleidung im Betrieb“, schreibt Stefan Hofer, Leiter Marketing bei der NEUMÜLLER Unternehmensgruppe.

Er rät Unternehmen, nicht nur aus Recruiting-Perspektive ihre Kleiderordnung zu überdenken, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen. Forscher der Universitätsklinikum Schleswig-Holstein fanden in einer Studie heraus, dass das dauerhafte Tragen der Krawatte die Denkfähigkeit und Kreativität einschränkt. Die Blutgefäße werden gequetscht, und es kann so weniger Blut ins Gehirn fließen (bis zu 7,5 Prozent weniger). Die Folge ist, dass die Arbeitsleistung im Gehirn verlangsamt wird. Auch wurde bei Krawattenträgern in einer anderen Studie ein höherer Augeninnendruck gemessen. Weitere Augenprobleme könnten wiederum eine Folge sein.

Vor allem „Startups oder New-Work-Unternehmen haben moderne Unternehmenskulturen, die über die strengen Kleidervorschriften hinwegsehen. Hier hat oftmals die Krawatte im Beruf ausgedient. In vielen Medien, wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder dem Focus, mutmaßt man sogar schon vom Aussterben des Kleidungsstückes in den kommenden Jahren“, der auf bekannte Krawatten-Verzichter wie Amazon-Gründer Jeff Bezos oder Ex-Daimler-Boss Dieter Zetsche verweist: „Als Fan der ‚kroatischen Art‘, wie der Langbinder aus dem Französischen „à la cravate“ übersetzt wird, gelten beide nicht unbedingt.“ Den Bezug zu Kroatien leitet er aus dem Geburtsjahr der Krawatte (1663) her. Bei einer Truppenparade in Frankreich marschierte auch ein kroatisches Reiterregiment auf, das am Kragen ein Stück Stoff getragen haben soll. Das Kleidungsstück imponierte dem modebewussten König Ludwig XIV so sehr, dass dieser die vor allem im Adel beliebte Cravate übernahm.

In Deutschland wird die Krawatte vor allem der Wirtschaftswelt zugeordnet – in England und Italien ist sie allerdings Teil der Kultiviertheit. Für den Gentleman 21.0 gehört sie noch immer zum vollendeten Bild des stilvollen Mannes, der mit Anzug und Krawatte selbstbewusster ist als in Alltagskleidung. Er zeigt damit aber auch, wie wichtig es ist, sich im Irrsinn der Welt eine eigene Haltung zu verschaffen oder zu bewahren, die sich auch in gutem Benehmen zeigt. Deshalb wird die Krawatte nicht verschwinden, auch wenn Geschäfte heute deutlich weniger Krawatten als früher verkaufen.

Vor allem im Vorstellungsgespräch stellt sich heute die Frage nach dem Dresscode.

Was sollen Bewerber tun, wenn aus der Stellenanzeige nicht zu entnehmen ist, welche Kleidungskultur das Unternehmen pflegt? Stefan Hofer rät, bei Bewerbungsgesprächen die Krawatte für alle Fälle dabei zu haben. Das inhabergeführte Familienunternehmen, für das er tätig ist, unterstützt seit mehr als 16 Jahren Großkunden aus der Industrie, aber auch mittelständische Firmen, über die Personaldienstleistung - mit anschließender Gelegenheit zur Übernahme der Mitarbeiter durch die Kunden. Folgende Tipps empfiehlt der Marketingexperte:

  • Website prüfen: Gibt es dort Mitarbeiterfotos, in denen vermehrt eine Krawatte getragen wird?

  • Business-Netzwerke prüfen: Präsentieren sich Mitarbeiter des Unternehmens hier mit oder ohne Krawatte?

  • Social Media: Wie kleiden sich die Mitarbeiter bei Interviews oder Events?

  • Anlässe und Hierarchie der Mitarbeiter beachten: Wann wurden die Fotos gemacht? Wer trägt Krawatte?

  • Bewerbungsfotos: auf Vielfalt zu setzen (Präsentation in verschiedenen Outfits: Hemd, Sakko mit Hemd, Sakko, Hemd und Krawatte).

Weiterführende Informationen:

  • Krawatte im Beruf: Ist das eigentlich noch zeitgemäß? 
  • Harald Freiberger: Oben ohne. In: Süddeutsche Zeitung (10./11.6.2017), S. 25.
  • Visionäre von heute – Gestalter von morgen. Inspirationen und Impulse für Unternehmer. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Neumüller. Verlag SpringerGabler, Heidelberg, Berlin 2018.

About the author

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Freie Publizistin und Autorin, Nachhaltigkeitsexpertin, Dr. Alexandra Hildebrandt

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Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Kernthemen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Beim Verlag SpringerGabler habe ich die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement herausgegeben sowie "Klimawandel in der Wirtschaft".
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