Dr. Alexandra Hildebrandt

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for Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaften: Interview mit Christian Felber

www.uschioswald.at
Christian Felber

Herr Felber, Sie haben das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie entwickelt und sind einer der bekanntesten Vertreter der alternativen Wirtschaftsszene. Wofür setzen Sie sich konkret ein?

Zum einen dafür, dass in der Wirtschaft dieselben Werte gelten, die auch das Fundament der demokratischen Gesellschaft bilden: Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Demokratie – und nicht ganz andere Werte wie Eigennutzenmaximierung, Wettbewerbsorientierung, effiziente Kapitalverwertung oder Wachstum. Die daraus resultierende umfassende Gemeinwohl-Orientierung des Wirtschaftens soll konkret gemessen und positiv angereizt werden. Die Wirtschaftsfreiheit soll in Zukunft ihr Ende finden, wo heute das Externalisieren = Schädigen beginnt. Prinzipiell soll das Wirtschaften innerhalb der planetaren ökologischen Grenzen stattfinden.

In Ihren Büchern beschreiben Sie zentrale Elemente eines neuen Ordnungsrahmens für gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften, der in einen verbindlichen Rechtsrahmen eingebettet werden soll. Können Sie dies näher erläutern?

Am Beginn steht die demokratische Erstellung eines Gemeinwohl-Produkts, dessen Komponenten zu den Teilzielen der Wirtschaftspolitik werden: von Gesundheit über sozialen Zusammenhalt bis zur ökologischen Stabilität. Das Ergebnis einer verpflichtenden Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen soll zu differenzierten Steuern, Kreditkonditionen, Vorrang/Nachrang im öffentlichen Einkauf und freierem oder weniger freiem Handel führen. Schließlich sollen „negative Rückkoppelungen“ für die Begrenzung der Ungleichheit, ausgeglichene Leistungsbilanzen und ein Wirtschaften innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten sorgen; der vorletzte Vorschlag stammt von John Maynard Keynes, den letzten nenne ich „ökologische Menschenrechte“: ein liberaler Zugang zur Umweltfrage.

Weshalb deklarieren Sie den gesellschaftlichen Wandel als ihr primäres Ziel?

Wandel ist kein Ziel an sich. Die GWÖ schlägt nur dort Reformen vor, wo wir Verbesserungspotenzial erkennen, davon gibt es aber reichlich: Klimakrise, Ungleichheit, Steueroasen, „too big too fail“, Hochfrequenzhandel oder Klagerechte für Konzerne (ISDS). Hingegen soll das, was sich bewährt hat – Menschenrechte, Demokratie, Gleichstellung, Unternehmensfreiheit –, bewahrt und weiterentwickelt werden.

Warum war es Ihnen von Beginn an wichtig, nicht nur Akademiker anzusprechen?

Weil reale Unternehmen diese Bewegung initiiert haben – KMU aus Österreich, Bayern und Südtirol; und weil die Wirtschaft alle angeht.

Was war der Auslöser für Ihr aktuelles Buch „This is not economy“?

Erstens, dass die etablierte Wirtschaftswissenschaft – die neoklassische Theorieschule – viel zu wenig zur Lösung der globalen Krisen beiträgt. Nach dem australischen Ökonomen Steve Keen ist sie sogar das größte Hindernis. Zweitens, die radikale Geschichts- und Begriffsvergessenheit der Neoklassik, die zum Buchtitel geführt hat. Drittens die haarsträubende Selbst- und Publikumstäuschung, dass sie sich als „wertfrei“ wähnt und andere Wertvorstellungen als „unwissenschaftlich“ angreift. Das ist zutiefst ideologisch und auch gefährlich, weil der krisenerzeugende Status quo quasi zum Naturgesetz erklärt wird.

Wie erklären Sie sich den schroffen Gegenwind aus akademischen Kreisen?

Siehe oben. Hinzu kommt – folgerichtig –, dass der Vorschlag der Gemeinwohl-Ökonomie nicht aus dem akademischen Elfenbeintrum gekommen ist. Zwar habe ich an sieben Hochschulen und Universitäten unterrichtet, ich habe aber nie eine einschlägige Karriere angestrebt und bin Nebenerwerbstänzer. Auch kann ich verstehen, dass es schwer anzunehmen ist, dass ich den Homo oeconomicus als Psychopathen bezeichne, das Wertesystem der Neoklassik als verfassungswidrig und daran erinnere, dass es gar keinen Wirtschaftsnobelpreis gibt. Der Urgroßneffe von Alfred Nobel, Peter Nobel, bezeichnet ihn als „PR-Coup“ neoklassischer und neoliberale Ökonomen.

Weshalb mangelt es heute vielerorts an wissenschaftlicher Selbstreflexion?

Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn hat diesen Zustand als „Normalwissenschaft“ beschrieben: Sobald sich ein Paradigma – hier die neoklassische Gleichgewichtstheorie – etabliert hat, wird nur an diesem herumgedoktert, aber nicht an seinen Prämissen, Kontexten oder epistemischen Grundlagen. Zum anderen bestehen Pfadabhängigkeiten in der Karriere: An den Instituten bleiben tendenziell unkritische Wiederkäuer hängen; die etablierten Journale nehmen primär solche Beiträge an, die in das Paradigma passen; und Berufungen auf Lehrstühle hängen wiederum maßgeblich von Publikationen in Top Journals ab. Der dritte Grund ist vermutlich der unangenehmste: Die Neoklassik ist von den rund 15 ökonomischen Theorieschulen die einzige, die das kapitalistische Wirtschaftssystem wissenschaftlich legitimiert. In diesen Spiegel blickt sie verständlicher Weise sehr ungern.

Was sind heute Anforderungen an eine professionelle CSR- und Nachhaltigkeitsberichterstattung?

Ich leite aktuell ein Forschungsprojekt am IASS zur „Gleichstellung von Ethik- und Finanzbilanz“. Im Titel steckt schon ein Teil der Antwort: So, wie es heute einen gesetzlichen Standard für die Finanzbilanz gibt – in Österreich UGB, in Deutschland HGB – soll es in naher Zukunft eine verbindliche Ethik- oder Werte-Bilanz geben. Diese sollte so wie die Finanzbilanz extern geprüft werden und das Ergebnis der Prüfung zu Rechtsfolgen führen: differenzierte Steuern, Finanzierungskonditionen und Marktzugang – bis die nachhaltigeren Produkte und Dienstleistungen preisgünstiger sind als die Dumping-Produkte. Externalisieren muss in Zukunft zur Insolvenz führen.

Weshalb verweisen IHKs und andere Institutionen im Nachhaltigkeitskontext vor allem auf die Global Reporting Initiative (GRI) und auf den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), aber weniger auf die GWÖ?

Vielleicht weil sie „von oben“ kommen. Die GRI ist ein Instrument für (globale) Großunternehmen. Der DNK wird vom Rat für nachhaltige Entwicklung beworben, in dem auch der BDI vertreten ist. Die GWÖ wächst von unten, wir kommen gerade erst an der Ebene der Regierungen und Parlamente an.

Weshalb entscheiden sich viele Unternehmen (z.B. VAUDE) für GRI und GWÖ?

Vor allem, weil da ein ganzheitliches und ethisch stimmiges Wirtschaftsmodell dahintersteht. Im Unterschied zu anderen Rahmenwerken war die GWÖ zuerst eine Makromodell, die Gemeinwohl-Bilanz ergab sich als logische Konsequenz in der Umsetzung. Die GWÖ wurde von KMU initiiert und wächst als zivilgesellschaftliche Initiative von unten. Während z. B. die B Corps mit 15 Millionen US-Dollar im Rucksack gestartet sind, hat die internationale GWÖ-Bewegung mit 4000 Ehrenamtlichen in 30 Staaten nach 10 Jahren ein Budget von 400.000 Euro. Bei uns stehen die Werte an erster Stelle, das erleben die Unternehmen und davon werden sie angezogen.

Welche Rolle spielt Goethe für Sie im Denken und Tun? Warum sollten wir uns verstärkt auf ihn besinnen?

Er war, wenn man so will, ein Universalgelehrter. Ich selbst wollte Universalwissenschaft – die eine, ganzheitliche Systemwissenschaft – studieren: den ganzen Baum der Wissenschaft erfassen. Das ist der Grund, warum ich kein wirtschaftswissenschaftliches Studium gewählt habe: Ein „Zweig“, der vergessen hat, wie der Ast heißt, aus dem er treibt, geschweige denn den Baum im Blick hat, ist für mich tot und uninteressant. Ich habe mich dann autodidaktisch dem Thema Wirtschaft, Markt und Geld aus der Sicht des Baums, des Ganzen, genährte. Das schließt Philosophie und Ethik, Erdsystemwissenschaften und Ökologie, Sozialpsychologie und Neurobiologie, Gender- und Demokratietheorie mit ein.

Nur vor diesem interdisziplinären Hintergrund macht es überhaupt Sinn, über die Wirtschaft, ihre Funktion und Ziele nachzudenken. So ist auch die Sinnkrise, die ich der neoklassischen Ökonomik wünsche, zu verstehen: Sie möge sich mit diesen großen Fragen und Kontexten befassen, die sie in den letzten Jahrzehnten außer Acht gelassen hat. Dann kann sie wieder zu einer „Politischen Ökonomie“ werden oder, noch besser, Teil einer Universalwissenschaft im Sinne Goethes.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

Mag. Christian Felber ist international gefragter Referent zu Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politikalternativen, vielfacher Buchautor und freier Tänzer. Der 1972 geborene Salzburger studierte Spanisch, Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft in Madrid und Wien, wo er heute lebt. Er publiziert regelmäßig Kommentare in deutschsprachigen und internationalen Medien. Inzwischen hat er 17 Bücher (in insgesamt 11 unterschiedlichen Sprachen) veröffentlicht: „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt. Gegen Konzernmacht und Kapitalismus“; „Neue Werte für die Wirtschaft. Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus“; "Kooperation statt Konkurrenz. 10 Schritte aus der Krise"; „Gemeinwohl-Ökonomie“ (internationale Gesamtauflage 80.000 Stück), „Ethischer Welthandel“ und „This is not economy – Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft“. Der Titel „Geld. Die neuen Spielregeln“ wurde als Wirtschaftsbuch des Jahres 2014 ausgezeichnet, die „Gemeinwohl-Ökonomie“ 2017 mit dem ZEIT-Wissen Preis. Von 2008 bis 2017 Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien, seit 2019 ist er Affiliate Scholar am IASS Potsdam. Er initiierte den Aufbau der „Gemeinwohl-Ökonomie“ und der „Genossenschaft für Gemeinwohl“.

https://christian-felber.at/

https://www.ecogood.org/de/

https://www.gemeinwohl.coop/

https://thisisnoteconomy.info/

About the author

Dr. Alexandra Hildebrandt
Dr. Alexandra Hildebrandt

Publizistin und Autorin, Nachhaltigkeitsexpertin, Dr. Alexandra Hildebrandt

for Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Visionären von heute und den Gestaltern von morgen. Beim Verlag SpringerGabler gab ich 2018 das gleichnamige Managementbuch sowie die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement heraus.
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