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Anne M. Schüller

Anne M. Schüller

für Touchpoint Management + Unternehmensführung

Chancen warten nicht auf Budgettermine - ein Weckruf gegen rigide Planzahlspiele

Bald ist es wieder soweit. Budgetierungsprozesse und Planungsexzesse, durch die über Wochen die halbe Firma in Lähmung verfällt, sind wie jedes Jahr dran. Wetten auf die Zukunft wandern die Silos rauf und runter. Solche Fiktionen kosten nicht nur unglaublich viel Zeit und Geld, sie sind auch sehr gefährlich.

Auf der Reise in die Zukunft braucht es nicht nur helle junge Köpfe und frische Ideen, sondern auch leichtes Gepäck, weil die Märkte, wie die Hasen, immer neue Haken schlagen. Für binnenorientierte Planzahlspiele, aufwendige Abstimmungsschleifen und Irrläufe im Vorschriftengeflecht bleibt keine Zeit. Bürokratie macht ein Unternehmen langsam und dumm, weil alles in starren Verfahrensweisen versinkt.

Doch je schwerfälliger ein Unternehmen, desto anfälliger ist es für Überholmanöver. Von daher ist zunächst eine Transformation in einen agileren Zustand vonnöten. Alles, was eine Organisation schwerfällig macht, muss schleunigst weg. Und alles, was sie schnell macht, muss her. Um das schaffen zu können, muss vehement umgebaut werden. Das betrifft zum Beispiel auch die Budgetierungsprozesse.

Alle Jahre wieder: die Ratespiele beginnen

Klassische Management-Formationen sind die meiste Zeit damit beschäftigt, sich selbst zu organisieren. Zum Beispiel stehen dort jedes Jahre wieder und meistens im Herbst äußerst langatmige Planungsexzesse auf dem Programm. Die Zeit der Ratespiele beginnt.

Unten setzt man die Zahlen so niedrig wie möglich an, weil alle wissen: Ganz egal, wie fundiert die aufwendigen Berechnungen sind, oben legt man bei Kaffee und Kuchen nochmal x Prozent auf die Zielzahlen drauf. Zugleich werden die veranschlagten Budgets kräftig gekürzt.

Alsbald beginnt über das gesamte Unternehmen hinweg ein nervenaufreibendes Rechnen, Rödeln und Schachern, um alles auf die festgelegten Perioden herunterzubrechen. Die einzige Gewissheit in unseren schnellen Zeiten ist allerdings die, dass Plan und Wirklichkeit bereits am zweiten Tag des neuen Geschäftsjahres auseinanderdriften.

Wenn Plan und Wirklichkeit auseinanderdriften

Was macht ein braver Manager in diesem Fall? Er folgt nicht der Wirklichkeit, sondern dem Plan. Er sucht nicht nach dem bestmöglichen Tun, sondern nach vielversprechenden Tricks, um eine Punktlandung zu machen. Denn man wird ja an der Planerfüllung gemessen, sogar bonifiziert.

Obwohl angesichts solcher Vorgehensweisen jeder den Kopf schütteln müsste, spielen alle geflissentlich mit. Wer die Spielregeln nicht beachtet oder nicht kennt, ist der Dumme. Allerorts wird geschoben und paktiert. Erfolge werden gebunkert und mit dem Kunden wird konspiriert, um die geforderte Punktlandung hinzubekommen.

Damit das vorgegebene Budget am Jahresende nicht verfällt, wird es noch schnell verprasst, egal wofür oder wie teuer. Wer „on target, at budget“ ist, wird gefeiert. Dem Kollegen unverbrauchte Gelder zur Verfügung zu stellen, weil dessen Budget für eine zukunftsweisende Maßnahme nicht reicht? Kommt nicht in Frage!

Planungsmanie sorgt für Lug und Betrug

In manchen Unternehmen ist ständig Märchenstunde. Die Berichte müssen geschrieben werden. Wurden die vorgedachten Wochen-, Monats-, Quartals- und Jahresergebnisse nicht erreicht, startet alsbald eine umfangreiche Abweichungsanalysen- und Erklärungsbürokratie.

Erfolgstheater wird gespielt. Sündenböcke werden gesucht. Geht’s noch? Sowas ist reine Zeitverschwendung. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Über die Kosten, die das alles verschlingt, ohne zu irgendeiner Wertschöpfung beizutragen, wollen wir hier gar nicht reden.

Derartige Planspiele sind nicht nur abstrus, sie sind auch sehr riskant. Wer nämlich mit gesenktem Kopf nur noch auf seine Dashboards starrt, sieht den Feind nicht einmal kommen. Und wenn die ganze Organisation vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, bleibt keine Zeit für die Kunden.

Das ganze Unternehmen verseucht

Jeder arbeitet gerne für Sinn, aber niemand arbeitet gern für Reportings, die sowieso kein Mensch liest. Mit dem Incentivieren der Planzahlerfüllung honorieren die Unternehmen am Ende nicht maximale Machbarkeiten, sondern List, Lug und Betrug. Und alle wissen Bescheid.

Egoismus ist in solchen Systemen vorprogrammiert, das Überschreiten ethischer Grenzen wird sogar toleriert. Nicht selten macht sich in den Köpfen der Leute dann das „Cheater’s High“ breit. Es ist das schäbige Hochgefühl, „beschissen“ zu haben und damit durchgekommen zu sein.

Zudem können in einem auf rigider Kontrolle aufgebauten Planzahlensystem keine Innovationen entstehen. Denn wer dafür belohnt wird, dass er Vorgaben erfüllt und vorgezeichneten Wegen akribisch folgt, wird sich niemals an Neues wagen.

Die größten Chancen liegen neben dem Plan

Prozessbesessenheit, Zielfetischismus und verkrampfte Regelwerke sind eine kolossale Verschwendung von Zeit, Geld, Engagement und Talenten, die sich niemand mehr leisten kann. Die Zeiten, in denen die Vergangenheit linear fortgeschrieben werden konnte, sind lange vorbei. Agilisierung betrifft auch die Planungsprozesse.

Vor (disruptiven) Überraschungen ist niemand mehr sicher. In digitalen Zeiten lauern „Schwarze Schwäne“ (Nassim Nicholas Taleb), also höchst unwahrscheinliche Ereignisse, an jeder Ecke. Wir wissen nicht, ob sie kommen oder wann sie kommen, aber wir wissen, wenn sie kommen, dann kommen sie schnell.

Dafür braucht es Wenn-dann-Szenarien, eine dynamische Taktik, flexible Ziele, ergebnisoffene Prozesse und Optionen für verschiedene Zukünfte auf Abruf. Denn „Schwarze Schwäne“ warten nicht auf Budgetierungstermine. Und „Weiße Schwäne“ schon gar nicht. Die größten Chancen liegen meist genau neben dem Plan.

(Viel mehr dazu, was man in neuen Businesszeiten anders machen muss und besser machen kann, steht in meinem neuen Buch: Fit für die Next Economy.)

Über den Autor

Anne M. Schüller
Anne M. Schüller

Keynote Speaker, Business Coach, Anne Schüller Management Consulting

für Touchpoint Management + Unternehmensführung

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmensführung. Zu ihrem Kundenkreis zählt die Elite der Wirtschaft.
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