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Martin Gaedt

Martin Gaedt

für Ideen rocken, 44 Fragen, cleveres Recruiting

Eine Gelegenheit beim Schopfe packen. JA sagen. JETZT zugreifen. Überraschungen zu Ideen mixen. ROCK YOUR IDEA geschenkt

"Gründest du mit mir eine Firma?", fragte mich Matthias Klopp 1998. Am 01.01.1999 starteten wir unsere erste Firma Knack die Nuss. Später gründete ich Gewinnovation, Sweet Souvenir, Miniwall, Askabit, Younect, cleverheads, Provotainment, Goforteam und Sharetrust. Die Basis war Knack die Nuss, mein erster Schritt ins Unternehmer-Sein. Ich hatte zugegriffen, als Matthias mich fragte.

"Kommst du mit zur Audition?" Ich war ganz neu in den USA und ging in Phonix, Arizona zur High School. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause zu meiner Gastfamilie als Amy mich ansprach. Ich kannte das Wort "Audition" nicht. Aber Amy war nett, und ich ging mit. Ich landete in einem riesigen Theater. Jede Schule in Phoenix hat große, professionell ausgestattete Theater. Auf der Bühne sprachen bereits viele Schüler für Rollen vor. Ich hatte mich kaum hingesetzt, da sagte Amy: "Und jetzt sprichst du für eine Rolle vor." Ich hatte noch nie Theater gespielt und mein Englisch war richtig schlecht. Aber Amy war so nett und überzeugend. Ich ging auf die Bühne und sprach, was auf einem Zettel stand: "Ch, Ghrr, Argh." So klang das. Wenig Englisch. Zum Glück. Am nächsten Tag hatte ich eine Hauptrolle. Ich spielte Dr. Einstein in "Arsen und Spitzenhäubchen." Unter 1.000 Schülern sprach keiner den deutschen Akzent so gut wie ich. Das "Ch, Ghrr, Argh" ist der deutsche Akzent des deutschen Dr. Einstein und steht so im Skript. "Achtung" mit der Betonung auf "ch". 

Drei Monate verbrachte ich meine Freizeit im Theater. Ich habe Freunde fürs Leben gewonnen. Entscheidend war: Ich habe zwei Mal mutig zugegriffen OHNE zu wissen, was auf mich zukommt.

  1. "Kommst du mit zur Audition?" JA! 
  2. "Jetzt sprichst du für eine Rolle vor." JA!
Plakat Cortez High School - Gaedt in der Rolle Dr. Einstein

Sie haben jetzt die Chance, mein Buch ROCK YOUR IDEA geschenkt zu bekommen. Eine Liebeshymne auf Ideen für mutige Aufbrecher. Ideenfitness ist Träumen und Anpacken, Spinnen und Umsetzen. 2016 wurde ROCK YOUR IDEA prämiert mit dem Alternativen Wirtschaftsbuchpreis. Aktuell verschenken wir ROCK YOUR IDEA - Hardcover mit 120 Geschichten und 1.000 Fragen - Sie können es direkt hier bestellen. Humorvoll und unterhaltsam. Bereits beim Lesen sprudelt Ihre Kreativität.

Werden Sie Ja-Sager

Wenn ein Angebot auf Sie zukommt, sagen Sie Ja. Was kann Ihnen passieren? Es wird ein Erlebnis. Ihr Leben wird reicher. Bunter. Anders. Wann sagen Sie Ja zu neuen Erfahrungen? Wann sagen Sie Nein? Wägen Sie gründlich ab? Vorsichtig? Intuitiv? Schnell? Ist „Nein“ ein Impuls gegen Neues? Haben Sie schon mal Gelegenheiten beim Schopfe gepackt? Ideen brauchen Ja-Sager. Nicht solche, die zum Status quo und zum Establishment Ja sagen, sondern Menschen, die zu unerwarteten Chancen und Gelegenheiten Ja sagen. Menschen, die sich auf Ungewöhnliches einlassen. 

In der griechischen Mythologie hat die Zeit zwei Dimensionen: Chronos steht für Ordnung und geregelte Abläufe. Chronos prägt unseren europäischen Zeitbegriff, den wir im Alltag verwenden. Gerade. Messbar. Planbar. Die Griechen wussten, dass da was fehlt. Kairos stellt in der Mythologie das Schräge und Unplanbare dar. Kairos steht für den günstigen Zeitpunkt, Chaos, Unordnung, Chancen und einmalige Gelegenheiten. Der ordentliche Chronos steht für den stetigen Fluss der Zeit und der chaotische Kairos steht für alles, was die Ordnung unvorhergesehen unterbricht. Kairos wird mit einem Pferdeschwanz dargestellt.

Kairos auf einem Fresko von Francesco Salviati

Das Sprichwort „eine Gelegenheit beim Schopfe packen“ beschreibt das Zupacken, wenn eine Chancen auf Sie zukommt. JETZT. Zugreifen. JETZT. Wieder weg. JETZT. Die nächste Gelegenheit. Zugreifen. Machen. Und weg. Gelegenheiten kommen und gehen. Man weiß nie, was dahinter steckt. Chancen sind Geschenke. Welche Tür öffnen Sie? An welcher Gelegenheit gehen Sie vorbei? Ist Ihr Sinn für Zufälle geschärft? Chronos & Kairos sind zwei unterschiedliche, widersprüchliche, aber untrennbare Facetten der Zeit und der Innovation. Was fliegt Ihnen zu? Nutzen Sie Zufälle? Fangen Sie eine günstige Gelegenheit auf wie Bälle? Mit Kairos können Sie nicht planen. Gelegenheiten sind unberechenbar und immer eine Überraschung. Dann gilt es zuzupacken.

Kathinka Alexandrow und ich nahmen 2006 an einem Businessplanwettbewerb teil. Einem Juror gefiel unsere Firma Younect zur Berufsorientierung und Vermittlung von Auszubildenden so gut, dass er uns die Unterstützung der Gründerförderung profund der Freien Universität Berlin anbot. Wir sagten Ja. Im Mai 2007 zogen wir in die Gründervilla ein. Dort hatten wir nicht nur ein Büro, sondern auch die Möglichkeit, Investoren und Geschäftspartner in repräsentative Räume einzuladen. Über profund nahmen wir mit einem Stand an der „Langen Nacht der Wissenschaft“ teil. Wir sagten Ja. Doch in diesem Teil der Universität kam niemand vorbei. Flaute. Nach zwei Stunden blieb unerwartet ein Mann stehen und fragte: „Was macht ihr?“ „Wir bieten Schülern Berufsorientierung. Unternehmen vermitteln wir passende Kandidaten für ihre Ausbildungsplätze.“ Harsch grätschte er rein: „Braucht kein Mensch“. Ich konterte und erzählte ihm von 141.000 Azubis, die jährlich ihre Lehre abgebrechen und bei den Unternehmen einen Schaden von 580 Millionen Euro verursachen. Der Hauptgrund sind falsche Vorstellungen, was sie in der Ausbildung erwartet. „Das klingt interessant. Ich hole mir einen Kaffee, dann sprechen wir weiter.“ Der Mann kam tatsächlich mit einem Kaffee zurück. Wir redeten zwei Stunden, bis der Stand abgebaut wurde. Am nächsten Tag trafen wir uns zum Brunch. Ich hatte die Chance genutzt. Auf „braucht kein Mensch“ reagierte ich vorbereitet. Ich hatte Kairos am Schopf gepackt. Unser Zufallsbesuch investierte als Business Angel - wir sagten Ja - und sorgte über seine Kontakte für Venture-Capital-Investments.

Warum war er überhaupt am Samstagabend zu unserem Stand gekommen? Er wohnte in der Nähe der Freien Universität. Draußen hatte es geregnet. Die Gänge der Universität waren für ihn der trockenste Weg nach Hause. Dass wir auf seinem Weg standen, brachte uns den günstigen Augenblick, den Kairos.

Es gibt auch Grenzen des Ja-Sagens. Mit einer anderen Firma verhandelte ich drei Monate mit einem Investor über eine Beteiligung. Er brachte Geld und über 20 Jahre Vertriebserfahrung mit. Diese wollte er aktiv einbringen und 500 neue Kunden in sechs Monaten gewinnen. Traumhaft. Seine Bedingung war, dass er zusammen mit einem Geschäftspartner einsteigt. Kurz vor dem Termin beim Notar postete dieser Geschäftspartner auf Facebook einen Link zu einer Seite mit rechtsradikalen Inhalten. Die rote Linie war deutlich überschritten. Aus unserem Ja zum Investment wurde ein deutliches Nein zu diesem Geschäftspartner. Als ich den Investor darauf ansprach, meinte er: „Selbstverständlich muss mein Geschäftspartner den Link sofort löschen.“ Einen Link kann man löschen, eine innere Haltung nicht. Der Link konnte kein Versehen gewesen sein. Daher blieben wir beim Nein. Der überraschende Link auf die rechtsradikalen Inhalte war eine einmalige Gelegenheit und die Chance, die wahre Gesinnung zu erkennen und rechtzeitig vor dem Notartermin die Zusammenarbeit abzusagen. So blieb uns eine lange Bindung erspart.

Nein und Ja sind kein Selbstzweck. Es geht um Erlebnisse, Erfahrungen und neue Zutaten für Ideen. Als ich eine Reise für Freunde in das französische Dorf Taizé organisierte, fragte eine Bekannte: „Nimmst du auch Leute mit, die du nicht kennst?“ Ich sagte Ja und löste damit 40 Anmeldungen aus. Ein paar Wochen später rief mich ein mir unbekannter Pfarrer an. Claus Eggers veranstaltete Projektwochen in Brandenburger Schulen und bat mich, mitzumachen. Ich liebe Diskussionen mit Schülern und sagte Ja. Wie hatte er mich gefunden? Der Sohn seiner Putzfrau war einer der neuen Bekannten auf meiner Fahrt nach Taizé. Mein Ja zu neuen Mitreisenden führte zum Angeot von Claus Eggers. In einer der Projektwochen sagte ein 16-jährigen Schüler in einer Diskussionsrunde: „Natürlich bescheiße ich. Ich werde ja auch überall beschissen.“ Ich war total fasziniert von diesem Satz. Was für ein trauriges Menschenbild. Ich war aufgewühlt. Einige Wochen später kam Kairos mit der Idee zu mir, ganz unterschiedliche Menschenbilder von vielen Jugendlichen zu veröffentlichen. Ich sagte Ja zu der Idee und veranstaltete 7 Jahre lang künstlerisch-kreative Wettbewerbe. 12- bis 27-jährige konnten singen, schreiben, malen und coden. In den Jurys hörten und sahen rund 300 Künstler/innen, Journalist/innen und Politiker/innen die kreativen Meinungen. Darüber lernte ich Matthias Klopp kennen, mit dem ich 1999 zum ersten Mal Unternehmer wurde. Ich sagte Ja, und wir gründeten Knack die Nuss. Ein Seminarteilnehmer bei Knack die Nuss, Björn Benz, wurde 2001 mein Geschäftspartner bei Gewinnovation. Als Björn die Idee zu Fruchtgummis in Form der Berliner Sehenswürdigkeiten hatte, fragten wir Kathinka Alexandrow, ob sie mit uns Sweet Souvenir gründet. Sie sagte Ja. So wurden wir Geschäftspartner. Drei Jahre später gründeten Kathinka und ich zusammen Younect und später cleverheads.

Erfolgsmuster Zufall

Ideenfitte Menschen sind immer „on“ für neue Zutaten. Auf der nächsten Party könnte Ihnen ein Unbekannter eine Frage stellen, die zur nächsten Idee führt. Was nicht überrascht, ist nicht neu. In der Rückschau erscheinen uns viele erfolgreiche Entwicklungen als total logisch, strategisch geplant und absehbar. Aber eben nur in der Rückschau. Menschen sind blind für zufällige, unberechenbare Ereignisse, weil wir kein Sinnesorgan für den Zufall haben. Der Bestsellerautor und Kabarettist Vince Ebert trifft den Nagel auf den Kopf. Er sagt, dass die Welt nicht berechenbar ist und Erfolge auch von Zufällen abhängen. Er beschreibt sehr unterhaltsam, wie uns unser Gehirn einen Streich spielt: Das Gehirn ist darauf ausgerichtet, Muster zu erkennen. Auch dann, wenn es keine Muster gibt. Das Gehirn baut sich Muster und spielt uns so stabile Zustände vor. Ich stelle mir das so vor: Das Gehirn will uns einen Gefallen tun, denn Menschen lieben Stabilität, Harmonie und Sicherheit. Doch Kairos kommt und geht, wann Kairos will.

Ernst & Young-Zentrale lüftete das Geheimnis erfolgreicher Unternehmen, nachdem sie jahrelang die Gewinner des Wettbewerbs „Entrepreneur des Jahres“ untersucht und Erfolgsfaktoren entdeckt hatten. Flache Hierarchien, schnelle Entscheidungen, hohe Bereitschaft zur Innovation, häufige Fortbildungen und eine Beteiligung aller Mitarbeiter an der Weiterentwicklung des Unternehmens. Ein klares Muster, der Weg zum Erfolg. Alles klar. Aber was wäre, wenn genauso viele Unternehmen, die die Erfolgsfaktoren berücksichtigen, pleite statt erfolgreich sind? Denkbar? Wahrscheinlich? Ich fragte den Gastgeber Peter Englisch, ob untersucht wurde, wie viele insolvente Unternehmen ebenfalls die von Ernst & Young identifizierten Erfolgsfaktoren befolgt hatten. Wie erwartet gab es dazu keine Erhebung. Ernst & Young hatte rückblickend aus den Erfahrungen der Erfolgreichen ein Muster gebildet. Zweifelsohne sind flache Hierarchien und die Bereitschaft zur Innovation sinnvoll. Aber eine hinreichende Aussagekraft über Erfolg und Misserfolg bieten diese Faktoren nicht.

Ich bin ganz auf Vince Eberts Linie, dass viele Erfolge das Produkt von glücklichen Zufällen und unvorhersehbaren Faktoren sind. Wie oft ist Kairos Ihnen begegnet? Wie oft haben Sie zugegriffen? Wie oft blieb die Chance unerkannt links liegen? Wir können dem Glück auf die Sprünge helfen, indem wir offen bleiben und Ja zum Kairos sagen. Ständig begegnen uns Menschen, Chancen, Geschenke. Manche Menschen greifen zu, andere laufen daran vorbei. Meisterhafte Geistesblitze suchen sich ihre Meister aus. „Ich werde mich vorbereiten, und eines Tages wird meine Chance kommen“, sagte Abraham Lincoln, bevor er 1860 zum 16. Präsident der USA gewählt wurde. Als seine Chance kam, nutzte er die Macht seines Amtes, um die USA zur Abschaffung der Sklaverei und auf den Weg zu einer modernen Industrienation zu bringen. 

Unser Gehirn tut alles, damit wir den ständigen Wandel übersehen. Es gaukelt uns System und Muster vor, während draußen alles in Bewegung ist. Deshalb liegt es an Ihnen, ob sie sich verschließen und in Ihrem Muster leben – oder ob Sie offen bleiben, immer neue Fehler machen und versuchen, Kairos am Schopfe zu packen. Für mich war der Mauerfall das größte Wunder in meinem Leben. Ich wurde in West-Berlin geboren. Für mich stand die Mauer fest. Ein vereintes Deutschland lag für mich jenseits der Vorstellungskraft. Ich dachte, dass meine Kinder oder Enkel den Mauerfall erleben würden. Aber mein ganzes Leben würde die Mauer Deutschland trennen. Jetzt wissen wir, die Mauer stand nur 28 Jahre. So lange wie sie stand, ist sie schon wieder weg.

Gruppe der Ost-West-Partys 1988. Weltzeituhr Berlin

Seit 1985 feierte ich als West-Berliner Partys bei Freunden in Ost-Berlin. Die Mauer trennte die Stadt. Bedrohlich. Lebensgefährlich. Vier Jahre vor dem Mauerfall klingelte das Telefon. 2 Uhr nachts. Peinlich. 1985 gab es nur ein einziges Telefon in unserem Haus. „Martin, Telefon für dich“, rief meine Mutter. Am anderen Ende der Leitung: „Hallo, hier ist Howard. Wir sind alle Fans von Howard Jones, so wie du.“ BÄHM. Ich war wach. „Wir haben dich im Radio gehört. Kommst du uns besuchen?“ Sechs Monate zuvor hatte ich im West-Berliner Radio dazu aufgerufen, einen Howard Jones-Fanclub zu gründen. Nie im Leben hatte ich damit gerechnet, dass sich Fans aus Ost-Berlin melden. Das war total verrückt. Jenseits meiner Vorstellungskraft. "Kommst du uns Besuchen?" KAIROS PUR. Chance. Ein Moment. Ja oder nein? Zum Glück sagte ich spontan Ja und traf Alex, Heike, Howard, Roger, Steffen und Tobias in Ost-Berlin. Alle West-Berliner hielten mich für verrückt. Immer, wenn ich nach Ost-Berlin zur Party fuhr, fragten mich Freunde: „Warum fährst du immer rüber? Da ist doch alles grau!“ Wer so fragte, wurde von mir zur nächsten Ost-West-Party eingeladen. Hinterher kam immer dieselbe überraschte Reaktion: „Die sind ja so wie wir! Hören dieselbe Musik, reden über dieselben Themen, tragen coole Klamotten. Das hatten wir uns ganz anders vorgestellt!“ Die Realität war anders als die Vorurteile. Warum? Wenn wir etwas nicht kennen und nichts darüber wissen, haben wir trotzdem eine Meinung dazu. Wir stellen uns ein Bild vor: Alles klar, das ist soundso. Doch unsere Vorstellung irrt sich und die Realität ist anders. Und so wurde die Party-Gruppe immer größer, Gäste kamen aus Ost-Berlin, Kleinmachnow, Teltow, West-Berlin, Paris und den USA. Wir feierten viele aufregende Partys mit bis zu 50 Freunden. Das waren illegale Versammlungen. Es war nicht erlaubt, sich unangemeldet in so großen Gruppen zu treffen. Wir tanzten und sangen in Wohnungen der Freunde gut bewacht von der Staatssicherheit. Ein Mitarbeiter der Stasi versuchte, Freunde anzuwerben. Wir staunten nicht schlecht, dass er die Namen aller Partygäste auswendig wusste. Die Stasi las unsere Briefe. Einmal hatten sie vergessen, den Brief zurück in den Umschlag zu stecken, und der Umschlag kam leer an. 

Eine gewagte Idee

Am 1. Januar 1989 fuhren Freunde und ich zur Neujahrsparty nach Ost-Berlin. Am Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße reisten wir alle ein – fast alle. Denn mir wurde die Einreise verweigert, trotz gültigen Visums. Ohne Begründung. Einfach so. Alle anderen aus der Gruppe waren schon durch. Ich hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Handys gab es nicht. Unsere Freunde in Ost-Berlin hatten keine Telefone zu Hause. Ich starrte dieses Visum an, das nun ungültig war. Dann schaute ich noch mal hin, und noch mal und noch mal. Anders als sonst, wenn ich nicht einreisen durfte, fehlte der dicke Stempel „Visum verweigert“. Mein Tagesvisum war frisch – wie unbenutzt. Was wäre, wenn ich an einem anderen Grenzübergang einreiste? Die Idee war gewagt und überraschte mich selbst. Das konnte gar nicht klappen. Ich war mir sicher, dass die Grenzübergänge miteinander verkabelt waren und längst an allen Grenzübergängen bekannt war, dass mir die Einreise verweigert worden war. Die Idee in meinem Kopf war aber nicht zu stoppen. „Versuch es!“ Ich fuhr zum nächsten Grenzübergang, zur Oberbaumbrücke, die Kreuzberg und Friedrichshain verbindet. Die lange Brücke über der Spree gehörte komplett zum Todesstreifen. So früh am Neujahrsmorgen war ich der einzige Einreisende an diesem Grenzübergang. Ich durfte mir nichts anmerken lassen, innerlich war ich starr vor Angst. Der Grenzbeamte schaute auf mein Visum und auf meinen Pass. Dann schaute er zu mir hoch. Jetzt platzt die Bombe. Er wird mich anbrüllen, was mir einfiele, ob ich ihn für dumm verkaufen wolle, und mich festnehmen. Der Mund des Grenzbeamten öffnete sich, und er sagte freundlich lächelnd: „Jetzt wünschen wir uns erst mal ein frohes neues Jahr.“ Stempel, Einreise genehmigt. Mein Mut wurde belohnt. Die Freundschaften schubste mich immer wieder über Grenzen und Tellerränder jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich bin so dankbar, dass ich damals Ja gesagt habe. Ein einziger Moment gab den Ausschlag. „Kommst du uns besuchen?“ „Ja.“ Ohne zu wissen, was mich erwartet. Mein Ja beeinflusste viele Menschen. Unsere Ost-Berliner Freunde schöpften Hoffnung und Freude aus unseren Besuchen. Die West-Berliner überwanden ihre Vorurteile durch bunte Partys in der außen so grauen Stadt.

Die Mauer am Potsdamer Platz in West-Berlin 1986

Lassen Sie sich nie wieder Zeit und Mut stehlen von Menschen, die „geht nicht“ sagen. Lachen Sie darüber. Machen Sie einen charmanten Witz. Bringen Sie Ihre Kritiker zum Lachen. Möglicherweise stellen Sie später selbst fest, dass Ihre Idee nicht die Beste war. Aber geben Sie Ihre Idee nie auf, nur weil jemand „geht nicht“ sagt. Die Geschichte ist voller Ideen, die keiner für möglich gehalten hätte. Und dann hat es ein Mensch einfach gemacht. Was treibt sogar intelligente Menschen dazu, „geht nicht“ zu sagen? Ist es Bequemlichkeit oder Angst vor Veränderung? Oder konkrete Angst vor mehr Arbeit und davor, Privilegien, Ansehen, Einfluss und Jobs zu verlieren? Heißt „geht nicht“ eigentlich: „Der Status Quo ist für mich am besten, rührt ihn nicht an!“? Begründet wird die Absage dann pauschal mit „das geht nicht“ oder „wir haben es immer so gemacht“.

Alles geht anders. Es gibt gar kein Beispiel für permanente Nicht-Veränderung. Bei der Veränderung spielen Zufälle und Chancen eine große Rolle. Ich hoffe, Sie haben noch mehr Spaß gewonnen, Kairos zu ergreifen, Ja zu sagen, Menschen zu treffen und die Welt verändernd zu gestalten. Schreiben Sie mir gerne Ihre Erfahrungen mit Kairos als Kommentar oder Nachricht.

Das A & O

Ideen brauchen beides. Chronos und Kairos. A & O. Erfolgreiche Innovation besteht immer aus dem explosiven Mix beider Pole: Gradlinige, kritische Disziplin, klare Entscheidungen und präzise Analyse. Plus unendlich weite, chaotische Vorstellungskraft, bunte Vielfalt, neugierig fragende Offenheit. Ohne O bleiben Ideen blutleere Langeweiler. Ohne A bleiben Ideen wirkungsloses Geschwafel. Ideen brauchen A und O. Offenheit und Klarheit. Spinnen und Kritik:

• A wie Analyse, Aufgabe, Auswahl, Struktur und Chronos auf der einen Seite,

• O wie Offenheit, Optionen, Überraschung, Chaos und Kairos auf der anderen Seite.

A & O sind zwei Seiten derselben Medaille. Es ist kein entweder oder. Es ist ein Miteinander. Eine wechselseitige Abhängigkeit und ein Zusammenspiel. Die Idee schaukelt hin und her zwischen A & O. Die A-Schritte analysieren und fokussieren. Die O-Schritte öffnen Potenziale, Chancen und Gelegenheiten.

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Über den Autor

Martin Gaedt
Martin Gaedt

Autor, Buch & Vortrag ROCK YOUR IDEA – Gewinner: Alternativer Wirtschaftsbuchpreis 2016

für Ideen rocken, 44 Fragen, cleveres Recruiting

Seit 1997 begeistert mich gezielte Ideen-Entwicklung. Fragen stellen. Zutaten sammeln. Ideen mixen. Testen. Neu mixen. Machen. Alles geht anders. Es gilt, mutig Regeln zu brechen. Mit "Mythos Fachkräftemangel" stelle ich Personalgewinnung infrage. Ich liebe Provotainment - unterhaltsame Provokation.
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