ESG als Schlüsselthema in der Bau- und Immobilienbranche
Die Bauindustrie verursacht etwa ein Drittel des weltweiten CO2-Ausstoßes. Beton und Stahl stehen dabei an erster Stelle, auf die Zementindustrie fallen rund acht Prozent, die Stahlerzeugung ist für weitere sieben Prozent verantwortlich. Leider wird die Existenz und Problematik der grauen Energie in der Debatte um den Klimawandel häufig vernachlässigt. Es handelt sich dabei um die notwendige Energie eines Produktes von der Herstellung über den Transport, dessen Verpackung und Lagerung, Verkauf und Einbau bis zu dessen Entsorgung. Diese graue Energie verursacht den Hauptteil des weltweiten CO2-Ausstoßes. Je mehr davon ein Material benötigt, desto größer sind die Auswirkungen auf das Klima, weil der dazu notwendige Energieverbrauch Treibhausgase wie Methan, Distickstoffoxid oder CO2 freisetzt. Hinzu kommt, dass Bauvorhaben weltweit so viel Sand und Kies verbrauchen, dass der Rohstoff in einigen Gegenden bereits knapp wird.
Hinzu kommt, dass der Abbau von Sand ökologische Schäden anrichtet: Stammt er beispielsweise aus Meeresvorkommen, haben zuvor Saugbaggerschiffe den Boden metertief abgetragen (mit allen dort lebenden Tieren und Pflanzen). In Küstenregionen verstärkt der Rohstoffgewinn die Erosion, weil teilweise ganze Strände abgebaut werden. Der Rohstoffgewinn in Flussbetten führt wiederum dazu, dass weniger Material an die Küsten gespült wird und sich die Landschaft nicht regenerieren kann. In Deutschland stehen viele Sandvorkommen gar nicht zur Verfügung, denn die Vorkommen liegen entweder in Naturschutzgebieten oder unter überbauten Flächen. Auch erschweren langwierige Genehmigungsverfahren für neue Gewinnungsvorhaben und nicht ausreichende Verarbeitungskapazitäten der Baustoffindustrie die Versorgungssituation mit Baurohstoffen. Der drohenden Sandknappheit und dem wachsenden CO2-Ausstoß kann allerdings entgegengewirkt werden. Denn die Bau- und Immobilienbranche verfügt durchaus über nachhaltiges Potenzial. Dazu gehören beispielsweise:
Bauten, die im Betrieb nur einen geringen CO2-Ausstoß verursachen
die Verwendung von Baumaterialien mit einer optimalen Ökobilanz
Mengenreduktion durch Recycling vorhandener Materialien (z. B. Beton).
Dem Umweltbundesamt zufolge ließen sich bis zum Jahr 2050 mehr als ein Drittel der Sand- und Kiesmengen durch aufbereitete Abbruchmaterialien ersetzen. Das Baustoffrecycling liefert bislang allerdings noch nicht die benötigte Menge an einsetzbaren Materialien. Deshalb braucht es Alternativen wie eine Holz-Hybrid-Bauweise: Wände und Decken sind aus Holz und machen den überwiegenden Teil der Konstruktion aus. Sockelgeschoss und Treppenhaus bestehen jeweils aus Stahlbeton. Das verlangt das deutsche Baurecht aus Brandschutzgründen. Die Produktion von Baumaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen benötigt relativ wenig Energie. Stammen sie aus der Region, ist auch ihr Transport energie- und emissionsarm. Neben Holz werden in der Wissenschaft derzeit noch weitere nachwachsende Materialien wie Hanf, Stroh, Schafwolle oder Seegras getestet, die künftig beim Bauen vermehrt Einsatz finden können (vor allem als Dämmstoffe).
Immer mehr Häuser werden künftig mit einem 3-D-Drucker entstehen, denn er bietet viel Designfreiheit, und die Bauteile werden deutlich leichter und sind stabiler. Durch die additive Herstellung wird aber auch Material, Arbeitsaufwand und Energie eingespart. Zudem fällt bei der Herstellung deutlich weniger Abfall an. Auch Matthias Krieger, der 1992 die Unternehmensgruppe Krieger + Schramm (K+S) gegründet hat, ist davon überzeugt, dass dies den Planungs- und Bauprozess grundlegend verändern wird: „In der Planung ist die Veränderung mit der BIM-Technologie schon längst angekommen. In all diesen Themen schlummert noch viel Potential, was gehoben werden muss - und dies vor allem in Verbindung zum Thema Nachhaltigkeit.“ Die chinesische Stadt Suzhou in der Nähe von Shanghai ist seit Jahren ein Vorzeigeobjekt: Auf einem Industriegelände steht hier seit 2015 ein Prototyp für ein ausgedrucktes Haus. Mit einem selbst entwickelten 3-D-Drucker setzte das Bauunternehmen Winsu in nur zwei Tagen die einzelnen Elemente zu 1.100 Quadratmetern Wohnfläche auf zwei Stockwerken zusammen. Die Häuser werden schichtweise ausgedruckt und als einzelne Elemente auf herkömmliche Stahlträger gesetzt und dann zusammengefügt. Dabei wird kein Baustoff verschwendet. Die hohlen Wände bestehen aus Rohstoffresten und Bauabfällen. Für den Bau wird ausschließlich recycelter Beton verwendet.
Dazu forscht auch das Laser Zentrum Hannover (LZH) zusammen mit Partnern daran, wie sich individuelle Bauelemente aus Naturfasern mittels Additiver Fertigung herstellen lassen. Im Projekt 3DNaturDruck sollen aus naturfaserverstärkten Biopolymeren im 3D-Druck architektonische Bauteile wie Fassadenelemente entstehen. Dafür werden die Kompositmaterialien aus naturfaserverstärkte Biopolymeren sowohl mit Naturkurzfasern als auch mit Naturendlosfasern entwickelt und für die Verarbeitung mit dem additiven Fertigungsverfahren FDM (Fused Deposition Modeling) optimiert. Naturfasern verfügen über gute mechanische Eigenschaften bei gleichzeitig geringem Gewicht und sind in hohem Maß verfügbar. Als nachwachsende Ressource mit teilweise sehr kurzen Erneuerungszyklen sind sie zudem ökologisch die bessere Alternative als synthetische Fasern. Zudem wird an neuen Ausgangsbedingungen für die Fabrikation von neu entwickelten architektonischen Bauteilen gearbeitet.
Von der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft, der „Lebensverlängerung“ eines Gebäudes, Abfallvermeidung bis zum optimierten Ressourceneinsatz gehen die Vorgaben verstärkt in eine nachhaltige Richtung. Auch das Kapital wird vermehrt in energieeffiziente Neubauten und die Sanierung von Gebäuden gelenkt. So müssen seit dem 1. Januar 2022 sämtliche Anbieter:innen von Finanzprodukten über die Nachhaltigkeit ihrer Angebote Auskunft geben. Grüne Immobilienfonds dürfen beispielsweise Liegenschaften nur noch dann erwerben, wenn die Nachhaltigkeitskriterien der EU-Taxonomie-Verordnung erfüllt oder durch Sanierungsmaßnahmen erfüllbar sind. Liegenschaften mit höheren Energiekennwerten erzielen weitaus geringere Mieterlöse, was sich wiederum negativ auf den Verkaufswert der Liegenschaft auswirkt. Weit vorn liegen ESG-kompatible Immobilien. Auch die „Green Leases“, Bestandsverträge, die eine nachhaltige Ausstattung, Bewirtschaftung und Nutzung zum Ziel haben, setzen sich zunehmend durch. Die Vorgaben der EU zur Umsetzung des Green New Deals, zu denen auch die Neuregelung der „Corporate Sustainability Reporting Initiative“ gehört, und Sustainable Finance haben ebenfalls zunehmend Auswirkungen auf die Immobilienbewertung.
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Klimaneutralität in der Industrie. Aktuelle Entwicklungen – Praxisberichte – Handlungsempfehlungen. Hg. von Ulrike Böhm, Alexandra Hildebrandt, Stefanie Kästle. Springer Gabler Verlag, Heidelberg, Berlin 2023.
Matthias Krieger: Nachhaltigkeit und Digitalisierung in der Bau- und Immobilienbranche. In: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. 2. Auflage. Verlag SpringerGabler, Heidelberg, Berlin 2021.

