Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

for Karriere, Neuorientierung, Bewerbung, gesunde Führung

Homeoffice extrem zwischen Burnout und Boreout

Bild: 123rf.com,  Joni Hanebutt

Studien zeigen, dass Mitarbeiter im Homeoffice länger arbeiten und die Burnout-Gefahr steigt. Gleichzeitig warnen andere vor Boreout durch Isolation und Unterforderung. Erleben wir nur noch das Extreme? Gesund ist es jedenfalls nicht.

In vielen Bereichen unseres Lebens kommt es mir aktuell so vor, als lege die Corona-Pandemie ein Brennglas über uns. Vieles ist in den letzten Monaten so sehr intensiver und krasser im Erleben geworden – ob im eigenen Leben oder in der Wahrnehmung im Außen. Wie geht es euch, empfindet ihr das auch so?

Ein Beispiel: Ich stand neulich im Warenhaus an der Kasse und höre, wie eine Kassiererin die Kundin vor mir laut anschnauzt. Eine ältere Dame, die sich aus der zentralen Warteschlange heraus zu einer gerade frei gewordenen Kasse aufgemacht hatte. „Hallo!, warten Sie gefälligst, bis wir Sie aufrufen!“, bekommt sie auf halbem Weg zu hören und es folgte eine Belehrung, als ob sie ein Verbrechen sondergleichen begangen habe. Die Kundin extrem verunsichert entschuldigte sich immer wieder. Ich habe mich eingemischt und beiden erklärt, dass es keinerlei Hinweis für uns wartende Kunden gibt, dass wir aufgerufen werden. „Oh man, was macht diese Krise bloß mit uns?“, ging mir durch den Kopf, als ich überfreundlich zur nächsten Kasse gerufen wurde.

Solche extremen Erlebnisse häufen sich in meiner Wahrnehmung in den letzten Monaten. Ob wie hier beim Einkauf, auf dem Fahrrad in der Stadt, in Postings und Kommentaren auf Social Media oder in meiner Beobachtung politischer Debatten. Dass zuletzt #janaauskassel dieses sogar weltweite Echo erfährt, ist sachlich sicher wichtig, doch für mich ist dies ein weiteres Beispiel für die extremen Ausschläge und das momentan hektisch emotionale Treiben in alle Richtungen.

Ist Extrem in der Krise normal?

Wo gestern noch besonnenes Augenmaß herrschte, dort kommen heute Extrempositionen ans Licht. Titschen wir wie Spielbälle nur noch hin und her zwischen lauter Aufregung und eingeigelter Lethargie? Zwischen gehorsamer Regelfolgsamkeit und störrischer Rebellion? Haben wir unser Gefühl für rational abwägende Ausgewogenheit verloren oder macht die Krise mit und durch uns nur das stärker sicht- und erlebbar, was immer schon da war? Ich finde diese Wahrnehmungen interessant, ja fast schon bereichernd, doch zugleich auch persönlich zutiefst erschreckend – wie passend!

Die Krise hat nicht nur massiv an unserer aller persönlichem Wertegerüst gerüttelt, sondern auch der eigene Blick auf den Beruf ist für viele Angestellte durch das Brennglas umso schmerzhafter geworden. Es wird ihnen in Gänze und Fülle plötzlich alles das bewusst, was sie zuvor erfolgreich unterdrückt, übersehen oder als Opfer der Umstände ausgehalten haben: Schlechte oder gar keine Führung, fehlender Sinn und mangelnde Identifikation, Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit, Zoff unter Kollegen, fehlende Entwicklungs- und Zukunftsperspektiven. Ich erhalte Coaching-Anfragen von Menschen, die seit Jahren unzufrieden höchste Belastung in ihren Jobs ausgehalten haben, jedoch aktuell keine drei Wochen auf einen ersten Termin warten können. Echt extrem!

Sprechen wir darüber, was sie beruflich belastet, dann sind es weniger ihre inhaltlich fachlichen Spielwiesen im Job, sondern die Rahmenbedingungen – und dies ebenfalls extrem: „Ich muss jetzt die Aufgaben von zwei entlassenen Kolleginnen miterledigen und bin doch selbst in Kurzarbeit.“, sagte mir ein Klient neulich. „Die vielen Monate im Homeoffice gemeinsam mit meinem Mann und den Kindern haben mich ausgelaugt“, erzählt mir eine junge Frau sichtlich erschöpft. Zwei Stunden später ist dies der Fall: „Ich bin seit April maximal zu 30 Prozent im Homeoffice ausgelastet, bekomme mein volles Gehalt und sitze meine Zeit nur noch ab“, höre ich von einer Konzern-Mitarbeiterin, der diese Situation merklich zu schaffen macht. Mein alter Blogbeitrag „Langeweile im Job“ ist seit Wochen zum täglich über Suchmaschinen meistgelesenen Artikel geworden. Ich finde das krass.

Gefangen im Homeoffice zwischen Burnout und Boreout?

Ich sehe im Coaching, dass sich viele Mitarbeiter im Homeoffice aktuell in einer dieser beiden Extremsituationen bewegen. Völlige Überforderung und Überlastung oder aber Unterforderung, Isolation und zu wenig Arbeit. Dass eine dauerhafte Überbelastung im Beruf wortwörtlich irgendwann schmerzt, das leuchtet ein. Dass jedoch auch chronische Unterforderung mindestens genauso belastend für Betroffene ist, dies ist weniger bekannt und in der gesellschaftlichen Akzeptanz noch nicht in der Breite angekommen. Ich bin kein Mediziner, doch ich beobachte, dass die Denk- und Verhaltensmuster sowie auch die körperlichen Beschwerden von Arbeitnehmern bei anhaltender Überbelastung sowie auch monatelanger Unterforderung im Beruf sehr ähnlich sind.

Eine weltweit aktuell erhobene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Mitarbeiter bei mobiler Arbeit im Homeoffice etwas früher am Tag beginnen und später Feierabend machen. Die Werte je Tag erscheinen auf den ersten Blick als Abweichung gering, doch die Auswirkungen in Summe machen das Überstundenkonto - und den Kopf - voll. Eine andere Studie untersucht die Auswirkungen von Isolation, Unterforderung und hoher Zukunftsunsicherheit auf Arbeitnehmer und die Boreout-Gefahren in der Corona-Krise.

Es ist das gleiche Homeoffice, das im Frühjahr noch als große neue Freiheit für Mitarbeiter gefeiert wurde, vor dem nun ein gutes halbes Jahr später als gefährliche Falle für Burnout, Boreout und „Zoom-Fatigue“ gewarnt wird. Auch wenn viele die aktuelle Krise immer noch als eine Turbo-Rakete für „New Work“ ansehen, so wird auch dies in der Rückschau vermutlich ebenso einer von vielen Denkfehlern in der Extreme sein und wir werden in einem "New Normal" zu einem gesunden Maß von Arbeit im Homeoffice und im Team finden müssen.

Extrem ist nicht mehr cool, sondern extrem ungesund.

Hören wir spätestens jetzt damit auf, uns mit Überlast auf der Überholspur im Job als Zeichen von Erfolg stolz zu schmücken. Lassen wir genauso nicht mehr zu, Kraft raubende Unterforderung und chronische Langeweile im Beruf mit leicht verdientem Geld als Luxusproblem abzutun. 

Wir werden die Arbeitswelt und auch unsere persönliche Haltung zur Arbeit derart angeschlagen nicht mal eben schlagartig verändern, doch wir können bewusst und jeder für sich Schritt für Schritt an mehr Achtsamkeit für ein gesünderes Verhältnis von Kraft raubender Belastung und Energie spendender Erholung arbeiten. 

Die Corona-Pandemie hat unser aller Leben als extern verursachte Veränderung extrem beeinflusst. „Jetzt geht es nicht um Effizienz, sondern um Selbstfürsorge“, habe ich im Frühjahr hier auf XING getitelt. Wenn ich die letzten Monate Revue passieren lasse, dann ist es heute für mich mehr unsere Selbstverantwortung, um die es wirklich geht - sowohl im gesamtgesellschaftlichen Sinn zur Eindämmung der Pandemie, als auch in unser aller eigenem  "Wohn- & Arbeitszimmer". 

Versuchen wir überall dort, wo es nicht um Leben und Tod geht und in den Möglichkeiten, die uns aktuell gegeben sind, eigenverantwortlich aus Kraft raubendem Extrem wieder zurück zu mehr Balance in der Mitte zu finden. Bewusstes gesunde Entscheidungen treffen statt regelkonformes Funktionieren im Krisenmodus „Extrem“. Damit können die meisten von uns noch heute starten – im Homeoffice, im Video-Meeting, im Team unter Kollegen, in der Familie – im Warenhaus an der Kasse ;-) Und womöglich macht ja auch Weihnachten mit weniger Superlativ-Anspruch in diesem Jahr anders Freude.

Oder sehe ich das zu extrem ..?

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Karriere- und Business-Coach, Dr. Bernd Slaghuis

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Bernd Slaghuis steht als Karrierecoach und Ökonom für eine neue Sicht auf Karriere, Bewerbung auf Augenhöhe und gesunde Führung. Sein Blog "Perspektivwechsel" ist einer der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs und er wurde 2020 als "XING Top Mind" ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Köln.
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