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Anne M. Schüller

Anne M. Schüller

für Touchpoint Management + Unternehmensführung

Ist Macht eher gut – oder böse?

(c)Shutterstock

Macht an sich ist weder gut noch böse. Es kommt vielmehr darauf an, wie man sie nutzt. Es gibt nämlich eine helle und eine dunkle Seite der Macht. Sie kann Großes bewirken, aber auch sehr viel zerstören. Sie macht die Guten besser und die Schlechten schlechter. Denn Macht verändert die Persönlichkeit. Höllisch aufpassen muss also jeder, der Macht erlangt.

Die Gefahr, mit Macht schlecht umzugehen, ist groß - besonders für die von Natur aus Dominanten. Ständig und ganz gezielt müssen Führungskräfte darauf achten, nicht in ein zerstörerisches Machtgebaren zu schliddern. Macht drückt sich nämlich nicht selten dadurch aus, dass mit „Untergebenen“ schlecht umgegangen wird. Wie es zu solchem Verhalten kommt?

Macht erzeugt ein gefährliches Hormongemenge, das die Betroffenen dazu bringt, rücksichtsloser zu werden, sich nicht länger darum zu kümmern, was die anderen denken, ihre Machtposition zu missbrauchen und mit zweierlei Maß zu messen. Was sich die Mitarbeiter niemals erlauben dürften, etwa zu spät zum Meeting zu kommen, nimmt sich der Boss ganz selbstverständlich heraus.

Der Kekstest und typisches Machtgebaren

Der Machtmechanismus wurde in einem Experiment offengelegt, das als „Kekstest“ in die Literatur eingegangen ist. Die Sozialpsychologin Deborah Gruenfeld von der Stanford University ließ Studenten in Dreier-Gruppen über umstrittene Themen diskutieren. Per Los wurde jeweils einer der drei dazu bestimmt, die Meinung der beiden anderen zu bewerten. Er hatte also ein kleines Stückchen Macht bekommen. Als wenig später eine Schüssel mit Keksen gebracht wurde, griffen die „ermächtigten“ Studenten als erste zu, kauten mit offenem Mund und fanden nichts dabei, den Tisch zu bekrümeln. Ohne sich dessen bewusst zu sein, bekundeten sie so ihren Machtvorsprung.

Hirnforscher berichten, sobald Macht ins Spiel kommt, von einer sich verändernden Biochemie - mit zwangsläufigem Einfluss auf das Individuum. Bei Männern kann vor allem der Testosteronspiegel steigen. „High-T“ nennt man solche Personen. Im schlimmsten Fall wird man zu einem aus der „dunklen Triade“: Psychopathen, Narzissten und Machiavellisten. Die möglichen Folgen: Skrupellosigkeit, übersteigertes Geltungsbedürfnis, Sexismus, Positionengeschacher und Selbstbedienungsmentalität. Die Medien berichten regelmäßig darüber.

Ist Testosteron am Werk, wird die ganze Company umgebaut, um den Investoren zu imponieren, der Wirtschaftspresse zu gefallen, den Wettbewerb zu übertrumpfen oder fette Boni einzuheimsen, ganz unabhängig davon, ob dies unternehmerisch sinnvoll ist und dem Wohl aller dient – oder auch nicht. In totalitären Regimen kann sehr gut beobachtet werden, was Macht alles anrichten kann. Dort passieren die gräuslichsten Dinge. Ein immanenter Nebeneffekt: Frauen, die sowas verhindern könnten und würden, werden stark unterdrückt.

Für das Oberstübchen eines ausgeprägten Alphatiers ist eine weibliche Person entweder Beute - oder Beta. Da, wo Frauen das Spielzeug der Mächtigen sind, kommen diese als Ebenbürtige einfach nicht vor. Schon für ein kleines Bubenhirn ist es die schlimmste Schmach, ausgerechnet von einem Mädchen im Wettkampf besiegt zu werden. Und Alphas lassen sich von Betas nicht gern belehren, was in Meetings gut zu beobachten ist: Was Frauen sagen, wird oft schlichtweg ignoriert. Und das ist, weil kortikal so gepolt, meist nicht einmal Absicht. Deshalb ist Obacht so wichtig.

Über die Machtdroge Testosteron

Die Machtdroge Testosteron dämpft Empathie, was früher im Einzelfall sinnvoll war, denn im Kampf musste man notfalls töten können. Ganz klar kann Testosteron, das „Porsche-Hormon“, ein wunderbarer Antreiber sein. Es sorgt für einen überaus starken Erfolgswillen, für hohe Wachstumsziele und Siegesgewissheit. So bringt es uns mächtig voran. Doch in den falschen Hirnen ist es ein Teufelszeug. Es befeuert Eskalation, lässt einen über zulässige Grenzen springen und fabriziert den gefürchteten Tunnelblick.

Höllisch aufpassen muss also jeder, der Macht erlangt, denn Macht verändert die Persönlichkeit. Der zunehmend sorglose Umgang mit Machtbefugnissen führt zur blinden Selbstüberschätzung, zu Gewissenlosigkeit, zu pathologischem Größenwahn und womöglich in die Kriminalität. Soziale Kompetenzen verkümmern. Gefühlskälte setzt ein. Verblendet und von sich berauscht wird die selbstkritische Einsicht komplett versiegen.

Oft ist niemand mehr da, der dem Einhalt gebietet. Denn Autoritätshörigkeit verbietet Widerworte. Übrigens besteht eine enge Beziehung zwischen einem beruflichen Aufstieg und dem Verschweigen von Fehlern und Schwierigkeiten gegenüber dem jeweiligen Chef. Wer Schönwetter nach oben meldet, sich als Siegertyp präsentiert und Probleme unter den Teppich kehrt, macht das Rennen. So lebt das Topmanagement in einer gefährlichen Filterblase – und sitzt nicht selten auf Dynamit.

Macht macht in hohem Maß unproduktiv

Wo Macht ist, ist immer auch Angst. Die Angst derer, die nach oben drängen, heißt, den Anschluss zu verpassen. Und die Angst derer, die schon oben angekommen sind, ist es, die mit Macht einhergehenden Privilegien wieder zu verlieren. So kommt es, dass Machtbesessene ihren Zuständigkeitsbereich hermetisch abriegeln, im Silodenken verharren, und ihr Wissen wie einen Schatz hüten, anstatt ihn zu teilen. Die junge Generation hat hingegen längst verstanden, wie arm man bleibt, wenn man alles für sich behält, und wie reich man wird, wenn man teilt.

Verstehen sich Führungselite und Belegschaft als „wir hier oben“ gegen „die da unten“, dann ist der Bruch vorprogrammiert. Zwischenmenschliche Kälte ist in einem solchen Kontext noch das kleinere Übel. Vor allem werden in großem Stil menschliche Ressourcen verschwendet, denn es baut sich ein Szenario aus Drohungen, Intrigen, Missgunst und Kontrollwahn auf. Der Fokus ist nach innen gerichtet, viel Energie geht für Angriff und Verteidigung drauf. Jeder ist mit umfänglichen Absicherungsmaßnahmen beschäftigt. Für Kundenbelange bleibt da wenig Raum.

Das Machtgedöns in den Führungsetagen ist höchst unproduktiv und verplempert wertvolle Zeit, die heute niemand mehr hat. Es erzeugt ferner ein Höchstmaß an Bürokratie, die schwerfällig macht, obwohl Agilität dringend notwendig wäre. Zudem lässt das „Machtwort“ des Chefs wertvolle Initiativen einfach versanden. Die guten Mitarbeiter mit hohem Potenzial lernen auf diese Weise, dass ihre Meinung nicht zählt. Und sie wandern in Scharen ab. Mit dem verbleibenden Mittelmaß wird man die Herausforderungen der Zukunft sicher nicht schaffen.

Wie sich Hoch- und Niederstatus manifestieren

Hochstatus weist an, ohne zu fragen. Niederstatus hört zu, ohne etwas zu sagen. Und wenn „Niedere“ reden, sind deren Hinweise irrelevant. Obere benötigen kontinuierlich Zeichen der Macht und zugleich Zeichen der Ergebenheit, um sich ihrer Statushoheit jederzeit sicher zu sein. Zur Unterwerfung gehören eine leise Stimme, Gestotter, ein ausweichender Blick, ein seitlich geneigter Kopf, das Sich-klein-Machen, ein unterwürfiges Lächeln, eine zaghafte Entschuldigung, Ehrfurcht, Anbiederei. Solche Zeichen sollten nur eines bedeuten: Alarmstufe rot!

Vor allem schwache Chefs, die Angst um ihren Status haben, brauchen „Lametta“. Sie müssen andere herabwürdigen, um ihre eigene Kleinheit zu übertünchen. Dabei ist doch eines ganz klar: Wer seine Mitarbeiter klein macht und erniedrigt, wird von ihnen nichts Großes erwarten können! Und wer nicht loben kann, wird feststellen, dass es in seinem Bereich bald keine lobenswerten Leistungen mehr gibt. Denn Menschen verstärken Verhalten, für das sie Aufmerksamkeit, Anerkennung und Wertschätzung erhalten. Was nicht gewürdigt wird, stellen sie unengagiert ein.

Wer Machtansprüche rein durch Hierarchie sichern will, erzeugt Ohnmacht und blinden Gehorsam - bis hin zur Selbstaufgabe. Unreflektierende Ja-Sager sind für jedes Unternehmen gefährlich. Sie decken unlautere Machenschaften und bringen sogar entgleiste Moral nicht ans Licht. Deshalb sollte eine eiserne Regel dringend eingeführt werden: „Widersprechen Sie Ihrem Chef!“

Gerade von der nachrückenden jungen Generation, den Digital Natives, wird Autorität erst dann anerkannt, wenn sie durch Taten gerechtfertigt ist. Institutionalisierte Autorität „von Amts wegen“ wird sofort hinterfragt. Und die klassischen Statussymbole, die "Krücken der Macht", haben viel von ihrer Strahlkraft verloren. Unternehmen, die hochhierarchisch agieren, sind für talentierte Millennials irrelevant. Sie kommen erst gar nicht an Bord.

Warum das eigene Büro als Machtzentrum nichts taugt

Führungskräfte täten gut daran, ihr Machtgehabe abzulegen und den gefühlten sozialen Abstand zwischen sich und ihren Leuten zu reduzieren. Da kann es schon helfen, die Beschäftigten regelmäßig besuchen zu gehen, statt sie im eigenen Büro antanzen zu lassen. Dort befindet sich der Chef auf eigenem Territorium. Das gibt ihm Macht - und macht ihn stark. Dieses Phänomen kennen wir auch vom Fußball. Auf eigenem Platz hat die Gastgeber-Mannschaft den so genannten Heimvorteil. Das macht sie siegesgewiss – und schwächt den Gegner. Wie der Evolutionsbiologe Nick Neave durch Speichelproben herausfand, lässt sich das am Testosteronspiegel messen.

Auch ein Büro-Besucher wird sich auf fremdem Terrain schwächer fühlen. Jeder Raum wird von unserem Unterbewusstsein als „Höhle“ betrachtet. Was man als aufmerksamer Betrachter beobachten kann: Am „Höhleneingang“ bleiben wir meist für eine kleine Sekunde stehen. Denn unser limbisches System will wissen: Ist diese Höhle sicher für mich? Leben dort „Ungeheuer“? Oder geht es dort freundlich zu? Dieses Phänomen nennen wir Schwellenangst. Erst auf ein Willkommenszeichen hin betreten wir das Territorium einer anderen Person. All das passiert instinktiv.

In fast allen klassischen Führungskräftebüros wird Hierarchie manifestiert und Macht zelebriert. Der eigene Schreibtischstuhl mit Armlehnen und hohem Rückenteil gleicht einem Thron. Dem Besucherstuhl fehlt solche Symbolik. Der wirkt eher spärlich. Dann der Schreibtisch: Aufgetürmte Utensilien sorgen für zusätzliche Barrieren. Womöglich muss der Besucher sogar warten, während der Hausherr seelenruhig ein banales Telefonat zu Ende führt oder „wichtige“ Akten ausführlich sichtet. All dies, obwohl höchst subtil, verstärkt beim Eintretenden das Gefühl der Unterlegenheit.

Ganz anders die Situation, wenn der Vorgesetzte seine Mitarbeiter besuchen geht. Indem er sich in deren Territorium aufhält, nivelliert er seinen höheren Rang und begibt sich auf Augenhöhe. Anstatt seine Weisheiten unters Volk zu bringen, will ein guter Chef von seinen Leuten vor allem lernen. Deshalb fragt er so: „Was meinen Sie zu …? Wie denken Sie über …? Welche Erfahrungen haben Sie mit …? Was könnten wir besser machen? Welche neuen Erkenntnisse gibt es zu ...? Wo stecken Risiken für die Firma? Und wo stecken neue Chancen für uns?“ Das wertvollste Wissen findet sich meist nicht in den Chefetagen, sondern an den Rändern einer Organisation.

(Viel mehr zum Thema, wie man sich zukunftsfähig macht, finden Sie in “Fit für die Next Economy”)

Über den Autor

Anne M. Schüller
Anne M. Schüller

Keynote Speaker, Business Coach, Anne Schüller Management Consulting

für Touchpoint Management + Unternehmensführung

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmensführung. Zu ihrem Kundenkreis zählt die Elite der Wirtschaft.
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