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Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

für Karriere, Bewerbung und Führung

New Work: Hast du wirklich, wirklich Lust auf neues Arbeiten?

Bild: 123rf.com,  El Roi

New Work steht für neue Arbeitsmodelle sowie veränderte Arbeitswelten. Mehr Freiheit, Selbstbestimmung, Verantwortung des Einzelnen. Von Flexibilität, Agilität, Abbau von Hierarchien und Demokratisierung von Führung ist die Rede. Doch haben wir überhaupt noch wirklich Lust auf Veränderung?

"Wir müssen bis Ende des Jahres New Work bei uns einführen", erzählte mir die Personalleiterin, mit der ich auf der XING New Work Experience Anfang März in der Hamburger Elbphilharmonie ins Gespräch kam. Ihre beiden Geschäftsführer hätten ihr dies für 2018 auf die Agenda geschrieben. Schließlich komme man als Mittelständler in einer schwachen Region ja nicht darum herum, so etwas mitzumachen, um als Arbeitgeber junge Menschen anzulocken.

Am Nachmittag sah ich sie wieder. Sie sitzt mit mir in der Session "Die Kunst, sich selbst und andere zu führen" mit Pater Anselm Grün und Bodo Janssen. Ich war spät dran und sitze am Rand auf einer Art Tribüne aus Holz und kann von der Seite viele der anderen Teilnehmer beobachten. Sie wirkt gestresst. Auf ihrem Schoß liegt ein kleines, schwarzes Büchlein und sie versucht, jeden Impuls aus der New Work-Erfolgsstory Upstalsboom mitzuschreiben. Eine Herausforderung, denn vorne feuern die beiden ein Feuerwerk an Weisheiten ab: "Wirtschaftlichkeit ist die Basis unseres Tuns, aber nicht der Sinn unserer Existenz." … "Wenn ich mir vertraue, kann ich auch anderen vertrauen" … "Es geht nicht um richtig oder falsch" … "Je mehr ich über meine Schwächen gesprochen habe, umso mehr haben meine Mitarbeiter mir vertraut".

Ich frage mich, was sie und andere Zuhörer in ihrer Rolle als HR-Verantwortliche aus einem Tag voller Erlebnis New Work mitnehmen. Werden sie am nächsten Tag zurück in ihre Büros gehen und ihrem Management berichten, dass sie ab sofort alle mehr über Fehler sprechen müssen? Werden sie Workshops organisieren und Trainer engagieren, um zu lernen, wie sie einander mehr vertrauen? Oder werden sie ihren Chefs nahelegen, auch für eine gewisse Zeit ins Kloster zu gehen? Schließlich ist es woanders auch so gelungen, erfolgreich New Work einzuführen. 

Ich frage mich, was New Work für sie persönlich bedeutet. Macht sie pflichtbewusst einen Job, um die ihr auferlegten Jahresziele zu erfüllen, oder hat sie selbst ein echtes Interesse daran, ihre und die Arbeitswelt ihrer Kollegen ein Stück weit besser zu gestalten? Ich hätte ihr diese Fragen gerne gestellt, doch sie wollte sich schnell einen Platz im Workshop "Mein Ding ab morgen" sichern.

New Work einführen? 3 Denkfallen aus Old Work

#1: Wir gründen für New Work eine Projektgruppe

Es ist ein Irrglaube, New Work lasse sich wie das neue SAP-System oder die nächste Produktgeneration im Unternehmen einführen - selbst dann, wenn der Vorstand das Vorhaben einstimmig zum höchst priorisierten Projekt erklärt. Denn es gibt sie nicht, diese eine Bauanleitung für New Work, die Sie nur Schritt für Schritt befolgen müssen, um Arbeit auch in Ihrem Unternehmen menschlicher zu machen. Methoden und Tools können hilfreich sein, um Bestehendes zu reflektieren, Veränderungen anzustoßen und neues Denken zu unterstützen, doch echtes New Work ist am Ende vor allem eine Frage der persönlichen Haltung, von erlebbarem Verhalten sowie einer Strategie und Unternehmenskultur, die den Spagat schafft zwischen ökonomischem Erfolg und solchen persönlichen Werten, die den Menschen im Unternehmen wichtig sind - und dies vom Top-Management bis zur Basis und zurück.

#2: Für New Work müssen wir uns alle lieb haben

Es ist ein fataler Denkfehler, die Basis für New Work sei Kuschelkurs und es werde alles gut. Es geht nicht um "Ihr Lieben, ab heute duzen wir uns alle" - weil man es bei New Work halt so macht. Ganz im Gegenteil, es macht Arbeit schwerer. Denn jeder Kuschelkurs-Führung fehlt Sicherheit durch Klarheit. New Work sollte vielmehr wirklich gute Beziehungen zwischen Menschen fördern und so die Grundlage für echte Wertschätzung und eine offene, klare und respektvolle Kommunikationskultur schaffen. Denn nur so können auch die Fetzen fliegen und Kritik laut werden, ohne im gleichen Moment die Kollegialität im Team und die gute Beziehung zum Chef infrage zu stellen.

#3: Wir brauchen New Work, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein

Es zu kurz gedacht, New Work sei der neue Stern am Himmel für ein glänzendes Employer Branding. Wer als Unternehmer glaubt, es reiche aus, die eigenen Karriereseiten, Geschäftsberichte und Social-Media-Posts mit "New Work", bunten Bildern von frischem Obst und fröhlichen Mitarbeitern am Kickertisch zu schmücken, um den Kampf um die besten Talente zu gewinnen, der hat nicht verstanden, worum es wirklich geht. Wer als Trittbrettfahrer auf den Zug der neuesten Generation "New Work" aufspringt und darin vor allem ein trendiges Marketing-Instrument sieht, dem kann und wird der Wandel hin zu einer wirklich neuen Arbeitswelt in Zukunft nicht gelingen.

New Work: Schmerzvermeidung oder Lustgewinn?

New Work wird häufig im Kontext von Digitalisierung, Industrialisierung, Arbeiten 4.0, Künstlicher Intelligenz und anderen unsere Wirtschaft und den Arbeitsmarkt beeinflussenden Entwicklungen genannt. Was mich bei vielen Debatten stört ist, dass uns ein Bild vermittelt wird, als rase ein Meteorit namens "Digitalisierung" auf die Erde zu und werde schon morgen auf die Arbeitswelt einschlagen. Es werden Horror-Szenarien schwarz-weiß gezeichnet und es wird uns suggeriert, dass wir vor der fundamentalsten und härtesten Veränderung aller Zeiten - ever! - stehen.

Philosoph Richard David Precht sagte in seiner Keynote auf der XING New Work Experience unter anderem, dass "Tätigkeiten, die keiner Empathie bedürfen, in Zukunft durch Roboter ersetzt werden. Dies betrifft in Deutschland 10 bis 20 Millionen Menschen." 

New Work-Vorreiter und ehemaliger Telekom Vorstand Thomas Sattelberger twitterte im Anschluss an seinen Vortrag: "Um digitale Transformation zu bewältigen, brauchen wir #blood, #sweat & #tears. Sonst kann sich Deutschland vom Acker machen."

Wie geht es Ihnen bei solchen Botschaften? Haben Sie so noch wirklich Lust auf Veränderung? 

Ich bin der Meinung, dass Horror-Szenarien über Massenentlassungen durch das Schreckgespenst Digitalisierung ebenso wie Mutmach-Parolen und Aufrufe zum Rebellentum, um unter größtmöglicher Anstrengung die Transformation der Arbeitswelt zu bewältigen, stärker die Angst vor Neuem schüren als echte Lust auf Veränderung zu wecken.

Angst kann Auslöser für Veränderungen sein, doch gute Lösungen entstehen leichter aus der Lust auf Neues.

Ist New Work kein Lustgewinn, ist es noch kein New Work

Ich habe das Gefühl, dass New Work zunehmend unter Druck steht. Einem Druck aus Zwang zur Veränderung. Wer New Work nicht bis morgen einführt, der kann einpacken. Schnell muss es gehen, also Augen zu - und durch! Und so wird New Work in meiner Wahrnehmung immer mehr zum vermeintlich steinigen Weg, den es gilt, nun nach vielen Jahren der Diskussion endlich auch noch  tapfer zu beschreiten - bevor es zu spät ist.

Ist uns in den letzten Jahren die wirkliche Lust auf Veränderung so sehr abhanden gekommen? Sind wir der vielen Veränderungen etwa längst überdrüssig geworden? Sehnen wir uns vielmehr nach Sicherheit und Beständigkeit in einer immer schneller und komplexer werdenden Arbeitswelt? Oder war es früher doch alles besser und es soll so bleiben, wie es gerade ist?

Ich wünsche mir, dass New Work in Zukunft weniger für Schmerzvermeidung, sondern wieder mehr für Lustgewinn steht. Sog statt Druck. Nicht weg von einer alten Arbeitswelt müssen, die den Entwicklungen der Zukunft nicht mehr gewachsen sein wird, sondern hin zu einer neuen Arbeitswelt wollen und dürfen, die eine gesunde Verbindung aus Arbeit und Privatleben sowie neue Formen der Zusammenarbeit möglich macht - und gleichzeitig zu den Enwtwicklungen der Zukunft passt. 

Vielleicht ist dieser neue Weg überhaupt nicht so steinig, wie wir glauben, aus Erfahrung zu wissen, sondern es geht viel leichter, als wir denken, und er macht jedem von uns auf seine Art und Weise und in seinem Tempo sogar ein wenig Freude. Wer weiß ..?

* * * * *

Was ist Ihre Meinung zum Thema New Work? Wieviel Lust auf Veränderung treibt Sie in Ihrer heutigen Arbeitswelt an? Ich bin gespannt auf Ihre Sichtweisen und Erfahrungen unten als Kommentar. 

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www.bernd-slaghuis.de

Über den Autor

Dr. Bernd Slaghuis
Dr. Bernd Slaghuis

Karriere- und Business-Coach, www.bernd-slaghuis.de

für Karriere, Bewerbung und Führung

Dr. Bernd Slaghuis steht für eine neue Sicht auf Karriere, Bewerbung auf Augenhöhe und Führung mit gesunder Haltung. Er ist WELT-Kolumnist, Autor und Redner, sein Blog "Perspektivwechsel" ist einer der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs. Er arbeitet als Karriere- und Business-Coach in Köln.
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