Dr. Alexandra Hildebrandt

Dr. Alexandra Hildebrandt

for Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

OFFICE PIONEERS: Ausblicke auf das Büro 2030

Dr. Robert Nehring

Interview mit Dr. Robert Nehring, Chefredakteur, PRIMA VIER Nehring Verlag GmbH

Herr Dr. Nehring, Unternehmen wurden in der Corona-Krise von jetzt auf gleich gezwungen, entsprechende Lösungen zu finden, sich anzupassen bzw. digital aufzurüsten. Homeoffice und Videokonferenzen waren die Sieger in pandemischen Zeiten. War das nur eine Notlösung – oder ist dies ein Ansatz mit Potenzial?

Das Arbeiten im Homeoffice war ab Mitte März für die meisten Bürobeschäftigten eine Notlösung. Nicht wenige arbeiteten zum ersten Mal so richtig von zu Hause aus. Studien zufolge hat die Arbeit im Heimbüro aber zunächst ganz gut funktioniert. Das Homeoffice hat – wie das Thema Remote-Arbeit überhaupt – großes Potenzial. Zu Hause oder in wohnortnahen Third Places wie Coworking-Spaces wird nach dem Ende der Pandemie sicher weitaus häufiger gearbeitet als vor ihr. Allerdings müssen auch noch einige Hausaufgaben gemacht werden: ergonomische Arbeitsplätze, regelmäßige physische Teamtreffen, Vermeiden der sogenannten Zoom Fatigue etc.

Die Soziologin Jutta Allmendinger sieht im Trend zum Homeoffice das Potenzial für “gesellschaftlichen Sprengstoff”. Die Gesellschaft zerfalle schon lange “immer mehr in Einzelgruppen”, sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung vor einiger Zeit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Teilen Sie diese Kritik?

Absolut. Es ist höchst problematisch, wenn zum Beispiel Mütter wieder in die Rolle der Hausfrau gedrängt werden oder Singles vereinsamen. Meiner Meinung nach dominieren in der medialen Berichterstattung derzeit die Vorteile der Arbeit von zu Hause aus: Wegfall der Pendelei, freie Zeiteinteilung etc. Viel zu wenig kommt zur Sprache, dass das Homeoffice nichts für jeden ist. Manche müssen ihren „Arbeitsplatz“ in der Küche oder dem Schlafzimmer ihrer kleinen Stadtwohnung mit dem Partner teilen und gegen kleine Kinder verteidigen. Nicht jeder blickt aus dem privaten Arbeitszimmer in seinem Speckgürtel-Haus entspannt ins Grüne.

Dass Unternehmen aufgrund der aktuellen Ausnahmesituation sogar darüber nachdenken, ihre Firmenbüros aufzulösen, halte ich auch noch aus anderen Gründen für bedenklich. Wenn man seine Belegschaft irgendwann gar nicht mehr richtig kennt und deren Identifikation mit dem Unternehmen zwangsläufig auch nur noch virtuell ist, ist es nur noch ein kleiner Schritt dahin, nur noch Selbstständige zu beschäftigen. So lassen sich neben den Flächen- auch noch Lohnkosten sparen.

Kurz: Es darf beim Homeoffice nicht über einen Kamm geschert werden – nicht jeder ist hier produktiv. Deshalb halte ich übrigens auch ein Recht auf Homeoffice für abwegig bzw. politischen Aktionismus.

Inwiefern werden die Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise zu Anpassungen der betrieblichen Abläufe und dem Einsatz von Personal in den nächsten Jahren führen?

Niemand kennt die Zukunft. Aber spätestens, wenn Ende 2021 kein Kurzarbeitergeld mehr gezahlt wird, folgt bei einigen wahrscheinlich ein Stellenabbau. Dieser wird nicht nur auf die Einbußen durch die Krise oder schon zuvor bröckelnde Geschäftsmodelle zurückzuführen sein. Viele werden erlebt haben, dass man nicht mehr pausenlos auf Geschäftsreise sein und Veranstaltungen vor Ort besuchen muss. So wird teilweise sehr viel Kapazität frei. Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen – auch unter Einsatz von KI – wird ebenfalls dazu beitragen.

Mit der Arbeitswelt verändert sich auch die Unternehmenskultur. Weshalb reicht es heute nicht mehr, einen Fußballkicker für Mitarbeiter in Aufenthaltsräume zu stellen?

Das hat auch vorher schon nicht gereicht, zumal er im Schnitt ohnehin wohl nur relativ selten genutzt wurde, genau wie Tischtennisplatte, Spielekonsole, Kletterwand und Bällebad. Heute ist der hippe Kicker-Tisch schon zum Klischee verkommen. Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom unterstreicht das: Sogar bei den Start-ups setzt nur noch eine Minderheit auf Spiel- und Unterhaltungsangebote, um die Mitarbeiter zu motivieren. Was dafür wichtiger wird, sind eine gute Arbeitsatmosphäre, eine gute Arbeitseinrichtung und eine gute Arbeitsausstattung. Außerdem, dass man Sinn in seiner Beschäftigung sieht, sich weiterentwickeln und etwas erreichen kann. Obstkörbe und Sofas sind schön, aber nicht wesentlich für das, was wir unter Arbeit verstehen sollten.

Hat das alte Büro, in dem die Chefs morgens hinter dicken gepolsterten Türen ihre Zeitungen lesen konnten, ausgedient?

Ja, das Chefbüro ist tot. Natürlich gibt es noch viele solcher repräsentativen Räume, aber sie sind Relikte einer vergangenen Zeit. Viele moderne Manager waren schon vor Corona so selten in der Firma, dass sie dort gar keinen festen Arbeitsplatz mehr hatten, sondern sich bei Bedarf einen freien Schreibtisch suchten. Das wird sich auch nach der Pandemie kaum ändern. Allerdings könnten Großraumbüros künftig wieder zunehmend Einzelbüros weichen, die man im Sinne eines Room-Sharings belegen kann. So ist die Ansteckungsgefahr geringer und man kann ohne akustische und visuelle Störungen konzentriert arbeiten – bei den meisten ist das schließlich die eigentliche Arbeit.

Neue Bürokonzepte spiegeln die Identität von Unternehmen wider und sollen den Mitarbeitern zugleich ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Welche Trends können Sie nennen?

Der langjährige Trend zum Open Space, den offenen Bürolandschaften, hat sich erfreulicherweise in einen zum Multispace gewandelt, in dem das sogenannte Activity-Based-Working praktiziert wird. Für jede Tätigkeit gibt es hier entsprechende Räumlichkeiten: Teambereiche, Telefonzellen, Huddle Rooms etc. Die meisten arbeiten allerdings weiterhin traditionell in Mehr-Personen- und Kombibüros. Ein weiterer Trend ist die Stärkung von zentralen Cafeteria-Bereichen, die das Wohlbefinden und den Austausch fördern. Die Gemeinschaft bzw. die Community wird auch bei Coworking-Spaces großgeschrieben. Sie werden vor allem von Selbstständigen, Start-ups und temporär von Firmenteams genutzt.

Welche Vor- und Nachteile haben Coworking-Arbeitsplätze?

Coworking-Spaces stellen komplette Arbeitsumgebungen zur Verfügung. Sie sind in der Regel bezahlbar und kurzfristig kündbar. Im Idealfall gibt es immer dort einen Space, wo ich mich gerade befinde. Auch auf dem Land entstehen immer mehr von ihnen. Coworking-Spaces sind aufgrund der großen Flexibilität, die sie bieten, zu einer echten Alternative zu Firmenbüro und Homeoffice geworden. „Echte“ Spaces sind auch zu Recht stolz auf eine aktive Community und bieten zahlreiche Events für diese an.

Die Pandemie setzt derzeit auch den Coworking-Spaces zu. Enges Beisammensein bedarf hier ebenfalls aufwendiger Lösungen. Mehr noch als die Heimarbeit ist Coworking auch eine Typfrage. Introvertierte Menschen, die ihre Stärken erst bei Bibliotheksatmosphäre entfalten können, sind hier tendenziell falsch.

Es wird häufig kommuniziert, dass offene und transparent gestaltete Büroumgebungen den Wissensaustausch und die Generierung neuer Ideen fördern. Doch wie steht es mit jenen Menschen, die das Bedürfnis nach einer ruhigen Arbeitszone haben, in denen sie konzentriert arbeiten können? Wie kann die Arbeitsumgebung nutzerfreundlich gestaltet werden?

2018 zeigte eine Studie der Harvard Business School, dass sich beim Umzug von kleinen Büros in eine offene Bürofläche die direkten Gespräche mit Kollegen um 70 Prozent reduzierten. Wer so offen für alles arbeitet, kann also nicht ganz dicht sein, wie man so sagt. Aber im Ernst: Deep Work, also fokussierte Einzelarbeit, ist nicht nur für Introvertierte und Bearbeiter vertraulicher Daten von zentraler Bedeutung. Homeoffice gefällt auch so vielen, weil sie endlich einmal unterbrechungsfrei arbeiten und so richtig was wegschaffen können. Deshalb sollten offene Bürolandschaften unbedingt um schall-, sicht- und nun auch spuckgeschützte Bereiche ergänzt werden.

Welche Rolle spielen optimale Licht- und Klimaverhältnisse sowie die Auswahl der Möbel und Inneneinrichtung für effizientes und konzentriertes Arbeiten?

Eine passende – ergonomische, qualitativ hochwertige und zweckmäßige – Möblierung, eine entsprechende Planung sowie die Faktoren Licht, Luft, Lärm sind wesentliche Erfolgsfaktoren. Sie wirken sich direkt auf Gesundheit, Wohlbefinden und Produktivität der Office-Worker aus. Die aktuelle Studie „Raumpsychologie“ des Fraunhofer IAO fasst wichtige Erkenntnisse in diesem Kontext zusammen. Ein Aspekt, der genau wie die richtige Beleuchtung und eine gute Raumakustik oft vernachlässigt wird, ist eine gute Luftqualität in Office-Umgebungen. Deshalb hat das in unserem Verlag angesiedelte Deutsche Institut für moderne Büroarbeit DIMBA gerade die Initiative PRIMABÜROKLIMA gegründet.

Weshalb liegt gerade Holz im Trend bei Inneneinrichtungen?

Als Material ist es schon eine ganze Weile in Mode. Es strahlt Wärme und Natürlichkeit aus. Damit passt es zum einen wunderbar zum Trend der loungigen Verwohnzimmerung von Büros. Zum anderen konnte in einer Studie aus Finnland festgestellt werden, dass der Stresslevel mit zunehmendem Holzanteil in einem Raum sinkt.

Am 1. Oktober erscheint Ihr Herausgeberband „OFFICE PIONEERS: Ausblicke auf das Büro 2030. Visionen. Chancen. Herausforderungen“. Konzipiert hatten Sie das Buch vor der Corona-Krise. Was hat sich inhaltlich alles in dieser Zeit geändert? Was sind die Haupterkenntnisse des Buches?

2019 hatten wir die Idee, renommierte Experten schildern zu lassen, wie sie sich Büros und Büroarbeit 2030 vorstellen. Was wird dann wohl wichtiger sein, was weniger? Die 46 Beiträge von 58 Autoren sind dann mitten in der Krise entstanden, nicht selten unter ziemlichen Mühen. Die jüngsten Entwicklungen hatten erkennbaren Einfluss auf viele Beiträge, auch wenn niemand so weit geht zu behaupten, dass nach der Krise alles gänzlich anders sein werde. Generell zeichnen sich in den Beiträgen vier Aspekte ab, die die Büros und die Büroarbeit in zehn Jahren charakterisieren könnten. Ich habe ihnen ein parallel erschienenes E-Book gewidmet. Büroarbeit wird voraussichtlich und hoffentlich digitaler, menschengerechter, ökologisch nachhaltiger und gesünder sein. Und keine Angst: Auch 2030 wird es wohl noch Büros geben.

Quellen und weiterführende informationen:

Studie Harvard Business School zum Open Space

Studie zur Raumpsychologie des Fraunhofer IAO

www.büro-bewegung.de

www.akustikaktion.de

www.primabueroklima.de

OFFICE PIONEERS: Ausblicke auf das Büro 2030. Visionen. Chancen. Herausforderungen. Hg. von Robert Nehring, Berlin 2020, erhältlich als Hardcover und E-Book unter www.OFFICE-PIONEERS.de

Robert Nehring: Office 2030. Zu Zukunft der Büroarbeit, E-Book, Berlin 2020.

www.OFFICE-ROXX.de

www.OFFICE-DEALZZ.de

Zur Person:

Dr. Robert Nehring, Jahrgang 1974, wurde 2010 aufgrund einer philosophischen Arbeit über das Wesen des gesunden Menschenverstandes an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Für den heutigen PRIMA VIER Nehring Verlag ist er seit 1997 tätig. Seit 2016 ist er dessen geschäftsführender Alleingesellschafter. Robert Nehring fungiert als Chefredakteur der Magazine Das Büro und Modern Office sowie der Blogs OFFICE ROXX und OFFICE DEALZZ. Außerdem ist er Leiter des Deutschen Instituts für moderne Büroarbeit DIMBA und Sprecher der Initiativen „Bewegung im Büro“, „Quiet please! Die Akustikaktion“ und „PRIMABÜROKLIMA“.

About the author

Dr. Alexandra Hildebrandt
Dr. Alexandra Hildebrandt

Freie Publizistin und Autorin, Nachhaltigkeitsexpertin, Dr. Alexandra Hildebrandt

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Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Visionären von heute und den Gestaltern von morgen. Beim Verlag SpringerGabler gab ich 2018 das gleichnamige Managementbuch sowie die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement heraus.
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