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Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

for Karriere, Neuorientierung, Bewerbung, gesunde Führung

Quereinstieg: Was Sie beim Jobwechsel durch die Seitentür beachten sollten

Bild: 123rf.com,  Denis Ismagilov
Der Weg durch die Seitentür kann beschwerlich sein.

Quereinsteiger willkommen, so die Botschaft vieler Arbeitgeber heute. Doch Bewerber spüren, dass sie es als Quereinsteiger schwer haben. Worauf Sie beim Jobwechsel durch die Seitentür achten sollten. 

Quereinsteiger denken anders, bringen Vielfalt ins Team und Erfahrungen aus anderen Branchen mit. Soft-Skills zählen hierfür mehr als Fachwissen, so zumindest der Lockruf von Arbeitgebern auf der Suche nach Quereinsteigern. Die großen Strategieberatungen haben vor Jahren damit begonnen, offensiv auch fachfremde Absolventen vor allem aus den Natur- und Geisteswissenschaften für ihre Branche zu begeistern. Inzwischen wimmelt es in den großen Jobbörsen an Quereinsteiger-Jobs, vor allem für Stellen in personalintensiven Dienstleistungsbereichen und überall dort, wo tatsächlich ein Fachkräftemangel herrscht – Stichwort Pflege. Masse statt Klasse scheint hier die Devise, um überhaupt noch Bewerbungen zu erhalten. Doch viele Jobwechsler, die als Quereinsteiger gezielt neues Terrain betreten möchten, bekommen hierzulande als Bewerber schnell zu spüren, dass eine Karriere durch die Seitentür immer noch alles andere als gewöhnlich ist.

Quereinsteiger willkommen! – Wirklich?

Neulich erhielt ich eine Mail einer jungen Bewerberin, im Betreff: „Keine Chance als Quereinsteigerin?“. Ihren Lebenslauf hatte sie gleich mitgeschickt. Sie hat Mathematik studiert und vor einigen Monaten ihren Master mit Eins bestanden. Während des Studiums diverse Praktika und Auslandsaufenthalte. Sie interessiere sich für den Einstieg bei einer der großen Strategieberatungen, schreibt sie mir. Es sei ihr Ziel, viele unterschiedliche Unternehmen in Projekten kennenzulernen, sich in verschiedenen Themen Wissen anzueignen und sie schrecke auch vor langen Arbeitszeiten und vielen Nächten in Hotels nicht zurück. Ich spürte in der Mail die Begeisterung für diesen Karriereschritt und bis dahin war mir nicht klar, warum sie mir schrieb.

Sie hatte sich bei einigen Strategieberatungen beworben und viele positive Rückmeldungen erhalten. Sie wurde zu Recruiting-Event eingeladen und hatte Einzelgespräche geführt. In der nächsten Runde saß sie dann mit anderen Kandidaten im Assessment-Center – und hier hörte die Reise für sie auf. Denn sie hatte keine Antworten auf Fragen zu Methoden der Unternehmensbewertung und kannte weder die Balanced Scorecard noch das Modell des Kundenlebenszyklus. Ihre Mitbewerber mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund konnten selbstverständlich besser punkten.

Sie fragt mich nun, ob sie sich das ganze BWL-Wissen schnell aneignen müsse, um überhaupt eine Chance zu haben. Ich bin der Meinung. wenn Diversity im Team und Vielfalt der Fachrichtungen mehr ist als ausgerufen bunte Fassade, dann kann und darf dies nicht die Lösung sein, um es als offensichtlich erwünschter Quereinsteiger durch den formalen Recruitingprozess zu schaffen. Ich habe ihr geraten, das Thema anzusprechen, wenn sie das nächste Mal in der Situation ist, als Quereinsteigerin zwar höchst willkommen zu sein, jedoch nicht als solche im Bewerbungsprozess behandelt wird.

Quereinstieg: Die Jobs für Masse statt Klasse

Ich habe mal in Jobbörsen nach „Quereinsteiger“ gesucht. Die Deutsche Bahn präsentiert allerhand offene Stellen für Quereinsteiger, vom 1. Klasse Steward über den Fahrdienstleister bis zum Triebfahrzeugführer. Auch für die Besetzung von Lehrerstellen gibt es je nach Bundesland mitunter sehr lockere Regelungen für Seiteneinsteiger, jedoch auch eine wie ich finde berechtigte Diskussion, ob zwei Wochen pädagogischer Crash-Kurs ausreichen, um Lehrer ohne Lehramtsstudium auf den heutigen Schulalltag vorzubereiten.

Die Durchsicht der Stellenangebote in den großen Jobbörsen zeigt, dass Quereinsteiger vor allem dort gefragt sind, wo die Zahl der offenen Stellen das Angebot im Markt um ein Vielfaches übersteigt und es daher um Masse geht: In vielen Bereichen der kommunalen Verwaltung sowie insbesondere in den Gesundheits- und Pflegeberufen. Auch etliche Positionen im Vertrieb bei Banken und Versicherungen sind dabei, häufig als selbständige Handelsvertreter. Unter den Stellen finden sich ebenfalls Angebote von Franchise-Systemen, die Quereinsteiger aller Couleur als Franchise-Nehmer suchen. Und auch in personalintensiven Bereichen, wie etwa im Call-Center oder der Kundenbetreuung werden sie gesucht:

Stellengesuche für Quereinsteiger.

Mich hat bei meiner Recherche überrascht, dass es mitunter auch stark spezialisierte Positionen sind, für die Quereinsteiger gesucht werden. Arbeitgeber werben damit, dass neue Mitarbeiter eine intensive Einarbeitung und fachliche Schulung durchlaufen, bevor sie mit dem Job starten. Liegt es womöglich daran, dass Schädlingsbekämpfer, Gerichtsvollzieher, Steuerberater oder Kundenberater im Jobcenter nicht zu den beliebtesten Berufen zählen und nur der Stempel „Quereinsteiger erwünscht!“ überhaupt noch zum Eingang von Bewerbungen führt?

Alle diese Positionen haben eines gemeinsam: Auf ein bereits vorhandenes Fachwissen - ob aus Studium, Ausbildung oder Berufserfahrung - kommt es den Arbeitgebern hier offenbar nicht an. Die Soft-Skills stehen angeblich im Vordergrund, wenn es um Vertriebspersönlichkeiten oder Kundenberater geht. Ich frage mich, wie sehr vor allem bei den vertriebsorientierten Jobs Quereinsteiger mit attraktiven Verdienstmöglichkeiten, Home-Office-Freiheiten und der Chance auf ein neues Berufsleben auch gelockt werden. Es wird suggeriert, jeder einigermaßen Aufgeweckte könne im Außendienst nach einer fachlichen Schulung erfolgreich Lebensversicherungen verkaufen oder ein eigenes Geschäft als Franchise-Nehmer hochziehen. Sind das wirklich alles Spielplätze für jedermann oder ziehen sich Unternehmen hier vor allem solche Bewerber an Land, die aus orientierungsloser Verzweiflung naiv blindlings zuschlagen?

Als Bewerber sollten Sie genau hinschauen und spätestens im gemeinsamen Gespräch in Erfahrung bringen, was hinter „Quereinsteiger willkommen!“ wirklich steckt: Geht es nur darum, die Zahl der Bewerbungen zu erhöhen, am Ende jedoch zur Sicherheit den Fachexperten zu favorisieren oder hat ein Arbeitgeber tatsächlich echtes Interesse, offene Stellen als Bereicherung für das Team mit fachfremden Persönlichkeiten zu besetzen? 

Fragen Sie sich zudem bei allen Quereinsteiger-Jobs, für die Sie durch eine „kurze Einarbeitung“ fachlich qualifiziert werden sollen, ob Sie diese in der Regel durch einen hohen Anteil an Routineaufgaben geprägte Jobs (z. B. Servicekraft im Bahn Bistro) mehrere Monate oder Jahre ausüben möchten oder ob die Gefahr besteht, dass Ihnen allzu schnell und auf Dauer langweilig wird.

Quereinstieg nach beruflicher Neuorientierung

Ich begleite viele Angestellte bei einer beruflichen Neuorientierung. Sie möchten nach Jahren im Beruf noch einmal etwas ganz anderes beginnen. Auch wenn sie reichlich Berufserfahrung besitzen und mit beiden Beinen im Leben stehen, werden Sie zu diesem Zeitpunkt immer zu Quereinsteigern. Sie stehen vor der Aufgabe, einem neuen Arbeitgbeber in einer für sie fremden, aber spannenden Branche nicht nur zu erklären, dass sie den Anforderungen an eine Position gewachsen sind, sondern warum er sich nicht für einen Bewerber vom Fach mit Erfahrungen in der Branche und geradlinigem Lebenslauf entscheiden soll.

Bei einer beruflichen Neuorientierung nach solchen Massen-Quereinsteiger-Positionen zu suchen, wie ich sie gefunden und oben aufgelistet habe, halte ich nicht für sinnvoll. Das wäre maximal Plan B. Denn die „Neuorientierer“, die ich kennenlerne, suchen mehr als einen Job für jedermann mit kurzer Fachschulung. Sie entscheiden sich ganz bewusst für Branchen, Arbeitgeber und Aufgaben, die ihren heutigen Wertevorstellungen, Zielen und vor allem Anforderungen an ein für sie optimales Arbeitsumfeld genügen. Sie haben einen sehr klaren Plan im Kopf, was und wer zu ihnen passt, womit sie sich identifizieren können, was sie ausfüllt und in den nächsten Jahren motivieren wird.

Und genau dies ist es auch aus meiner Sicht, was echte Neuorientierungs-Quereinsteiger von anderen Bewerbern unterscheidet, die Stellenausschreibungen für Quereinsteiger als willkommene Aufforderung betrachten, ihre Unterlagen unreflektiert weiter zu streuen. Quereinsteiger hingegen, die ganz bewusst diesen Weg beschreiten möchten, haben sich intensiv mit ihren Fähigkeiten und Stärken auseinandergesetzt und ihre Ziele definiert. Ein Arbeitgeber kann nach einem solchen Prozess relativ sicher sein, dass sein neuer Mitarbeiter hoch motiviert ist und ein großes Interesse daran hat, sich vor allem fachlich, aber auch persönlich weiterzuentwickeln.

Jeder Quereinstieg erfordert quere Bewerbungsstrategien

Wer sich in letzter Zeit beworben hat, der weiß, dass undurchsichtige Lebensläufe und ein nicht greifbares Bewerberprofil kaum Begeisterung auf Personalerseite hervorrufen. Recruiter, die sich maximal wenige Minuten Zeit für die erste Sichtung einer Bewerbung nehmen, können es nicht schaffen, den Lebenslauf und die echte Motivation eines Quereinsteigers zu verstehen. Zu viele Fragezeichen bleiben am Ende stehen und führen dazu, dem fachfremden Kandidaten entweder abzusagen oder seine Bewerbung auf den Stapel „Sonstiges“ zu legen.

Als Quereinsteiger benötigen Sie eine andere Bewerbungsstrategie als Ihre Mitbewerber, deren Werdegang und Ausbildung perfekt zum gesuchten Profil passen. Ich gehe noch einen Schritt weiter und bezweifele, dass Sie es als echter Quereinsteiger selbst mit einem perfekten, aber klassischen Anschreiben sowie Ihrem formal korrekten Lebenslauf über die Hürde der Unterlagenprüfung schaffen. Oft höre ich von Quereinsteigern auch, dass die Bewerbungsportale der Unternehmen keine ausreichenden Möglichkeiten bieten, die Besonderheiten ihres Werdegangs zu erfassen. Standardprozesse sind einfach nicht für Ausnahmen gemacht.

Ich rate allen Quereinsteigern daher zu alternativen Bewerbungswegen. Suchen Sie den direkten Kontakt zu Entscheidern aus dem Unternehmen außerhalb des normalen Bewerbungsprozesses. Das können Job- und Karrieremessen sein, eigene öffentliche Recruiting-Veranstaltungen des Unternehmens oder auch die direkte Ansprache von Mitarbeitern aus HR- oder Fachabteilungen, beispielsweise hier über XING oder Linkedin. Oder gehen Sie getreu dem Motto von Lars Hahn mit für Sie interessanten Menschen einfach mal systematisch Kaffee trinken.

Entscheiden Sie sich doch für den klassischen Weg der Bewerbung, dann sollten Sie mit Ihrem Anschreiben echte Klarheit schaffen, warum der Quereinstieg ein gut überlegter Schritt für Ihre berufliche Entwicklung ist und welche Kompetenzen, Berufserfahrungen sowie auch Soft-Skills Sie für die Zielposition konkret mitbringen. Schließlich sind Sie als Quereinsteiger alles andere als ein Einsteiger. Auch eine Initiativbewerbung kann erfolgreich sein, wenn es Ihnen gelingt, sich als Quereinsteiger Ihrem Wunsch-Arbeitgeber mit Ihrer Idee für eine neue Position im Unternehmen selbst auf dem Silbertablett zu präsentieren.

Arbeitgeber sollten ihre Türen im Recruiting öffnen

Viele Arbeitgeber haben heue erkannt, dass Quereinsteiger wertvolle Ressourcen in ein Unternehmen und in Teams einbringen. Hier meine ich weniger die Arbeitgeber mit Jobs für massenweise jedermann, sondern solche, die Vielfalt echt leben.

Doch dazu gehört in der Konsequenz, auch im Recruiting wirklich echtes Interesse an außergewöhnlichen Werdegängen zu zeigen und bunte Lebensläufe nicht automatisiert systematisch auszusortieren, sondern ein zweites Mal hinzuschauen, wenn Bewerber auf den ersten Blick nicht die gewünschten Standards erfüllen. Sonst gehen die ungeschliffenen Rohdiamanten der Quereinsteiger am Ende doch wieder im Getümmel der gleichförmig breiten Masse unter.

Quereinstieg: Echte Klarheit auf beiden Seiten schaffen

Sowohl die Motivation als Jobwechsler als auch die Motivation für die Suche von Arbeitgebern nach Quereinsteigern sind sehr unterschiedlich. Wie bei jeder beruflichen Veränderung sollten Sie für sich selbst zuerst Klarheit schaffen, was Ihnen in den nächsten Jahren wichtig ist und was genau hinter Ihrem Wunsch steckt, in einem anderen Berufsfeld zu arbeiten. Erst wenn Sie selbst Klarheit über Ihre Motivation für Ihren beruflichen Schritt zur Seite besitzen, werden Sie diese auch gegenüber einem neuen Arbeitgeber vermitteln können. 

Auf der anderen Seite sollten sich auch Arbeitgeber stärker bewusst machen, warum sie Positionen explizit für Quereinsteiger ausschreiben und was dies für ihren Recruitingprozess bedeutet. Geht es wirklich um Vielfalt, frisches Denken und Know-how aus anderen Branchen? Oder verfolgt die Ausschreibung von Stellen für Quereinsteiger nur das Ziel, sich als hippes Unternehmen zu präsentieren sowie die Anzahl der Bewerbungen zu maximieren, um HR-Kennzahlen zu erfüllen? 

Als Jobwechsler sollten Sie in ihrer Rolle als Quereinsteiger also nicht nur ein klares Profil zeigen und Ihre Motivation für diesen Schritt seitwärts in der Bewerbung kundtun, sondern anhand gezielter Fragen im Gespräch auch in Erfahrung bringen, was hinter „Quereinsteiger willkommen!“ tatsächlich steckt. Denn wer möchte schließlich in einem Job für jedermann landen? 

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihren nächsten Schritt - ob quer, nach oben, unten oder geradeaus. Denn Karriere ist die berufliche Entwicklung, die Ihnen guttut.  

Ihr

Diesen und weitere Beiträge rund um neue Karrieren, Bewerbung auf Augenhöhe und gesunde Führung lesen Sie in meinem Karriereblog "Perspektivwechsel".

Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen als Quereinsteiger/in hier teilen - und natürlich über Ihr "Like", wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat :-)  Folgen Sie mir schon als XING Insider?

About the author

Dr. Bernd Slaghuis
Dr. Bernd Slaghuis

Karriere- und Business-Coach, Dr. Bernd Slaghuis

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Bernd Slaghuis steht für eine neue Sicht auf Karriere, Bewerbung und gesunde Führung. Sein Karriere-Blog "Perspektivwechsel" erreicht > 100 Tsd. Leser im Monat. Er ist WELT-Kolumnist und gefragter Experte in Presse & TV. Slaghuis arbeitet als Karriere- und Führungskräfe-Coach in seinem Büro in Köln.
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