Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

for Karriere, Neuorientierung, Bewerbung, gesunde Führung

Stellenanzeigen lesen: Bist du ein Gefahrensucher oder Chancenfinder?

Bild: 123rf.com

Flexibel. Belastbar. Teamfähig. Fast alle Stellenanzeigen klingen heute ähnlich und die stupide Suche langweilt viele Bewerber. Hier erfährst du, worauf du beim Lesen von Stellenausschreibungen achten solltest. 

"Du bist belastbar, flexibel, durchsetzungsstark und teamfähig? - Dann komm zu uns!"  

Ja, in Stellenanzeigen wimmelt es heute nur so von Worthülsen – sowohl in der Beschreibung der Tätigkeiten, als auch bei den Anforderungen an Bewerber. "Kommunikationsstark" ist mein persönliches Lieblingsbeispiel. Wer soll sich als Jobwechsler hiervon angesprochen fühlen? Jemand, der gut mit Kunden telefonieren kann oder ein Meister in der Erstellung spannend bunter PowerPoint-Präsentationen ist? Jemand, der besonders kreativ und sprachlich anspruchsvolle Texte schreiben oder ergreifende Reden halten kann? Oder vielleicht jemand, dem es leichtfällt, Wissen zu vermitteln? Alles ist Kommunikation!  

Bei den meisten dieser Begriffe ist völlig unklar, welche Erwartungshaltung an einen neuen Mitarbeiter konkret dahinter steckt. Es bringt also nichts und es ist aus meiner Sicht reine Zeitverschwendung, alle diese Floskeln deuten zu wollen. Wer es bis ins Vorstellungsgespräch schafft, der sollte seinen potenziellen zukünftigen Chef fragen „Woran werden Sie in unserer Zusammenarbeit konkret bemerken, dass ich (…) bin?“ Flexibel, durchsetzungsstark, belastbar, teamfähig, kommunikationsstark, engagiert, oder was auch immer. Erst dann können nämlich beide Seiten echte Klarheit darüber schaffen, was diese Begriffe als Erwartungshaltung auf Arbeitgeber- und als individuelle Stärken oder Persönlichkeitseigenschaften auf Mitarbeiterseite wirklich bedeuten - und sie auch bewerten. Lass dich also von diesen pauschalen Schlagworten in Stellenanzeigen nicht verunsichern und interpretiere nicht zu viel in sie hinein. 

Mal ehrlich: Traust du dir selbst diese Aufgaben zu? 

Ich erlebe viele Bewerber in der Karriereberatung, die zu schnell inhaltlich eigentlich passende Stellen aufgrund der in der Ausschreibung aufgeführten Anforderungen für sich verwerfen. Ich kenne Personaler, die sagen, dass sich Jobwechsler auf ihre ausgeschriebenen Stellen bewerben sollen, wenn mindestens 60 Prozent der Anforderungen erfüllt sind. Ich persönlich empfinde diese Aussage jedoch zu pauschal und empfehle Bewerber*innen stattdessen ein Vorgehen in zwei Schritten:

Schritt 1: Lies dir die Beschreibung der Aufgabe durch und versuche, dich in diesen Job hinein zu versetzen. Wie wird dein Tag aussehen? Mit wem wirst du in Kontakt sein, auf welchen Ebenen wirst du dich bewegen? Welches Fachwissen wird zwingend nötig sein, um diese Position gut ausfüllen zu können? Über welches Erfahrungswissen solltest du verfügen, um schnell einsatzfähig zu sein und einen guten Job zu machen? Stelle dir am Ende die Frage: Traust du dir nach einer gewissen Einarbeitung diese Aufgaben selbst zu?

Schritt 2: Wenn du Schritt 1 mit „Ja“ beantwortet hast, dann wirf einen Blick auf die Anforderungen. Gibt es klare k.o.-Kriterien, die eindeutig gegen eine Bewerbung sprechen? In der Anzeige steht etwa „Sie verfügen über mindestens 5 Jahre Berufserfahrung in der (…)-Branche“ oder „Sie haben in der Vergangenheit große Teams geführt“. Dann wäre deine Bewerbung bei solchen Formulierungen vermutlich Zeitverschwendung, wenn du als Berufseinsteiger Branchen-Neuling bist bzw. nie Mitarbeiterverantwortung hattest.

Achte auf Formulierungen, wie „idealerweise“, „wünschenswert“, „zwingend“ und andere Zusätze zu Anforderungen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie wichtig bestimmte Kompetenzen wirklich sind. Und oft gilt noch: Je weiter oben in der Aufzählung eine Anforderung steht, umso wichtiger ist sie. Gibt es aus deiner Sicht keine eindeutigen k.o.-Kriterien, traust du dir den Job selbst zu und hast Lust auf diesen Arbeitgeber oder dessen Produkte, dann solltest du dich bewerben.

Haltung zählt: Bist du Gefahrensucher oder Chancenfinder?

Viele Bewerber interpretieren aus meiner Erfahrung viel zu viel. Ein Beispiel: Aktuell entscheiden sich manche Arbeitgeber, Bewerber in Stellenausschreibungen mit „Du“ anzusprechen: „Komm in unser Team“ und „Bewirb dich jetzt“. Solche Du-Stellenanzeigen begegnen mir immer häufiger – und dies über alle Positionen und Hierarchieebenen hinweg. Neulich brachte ein Klient die Anzeige eines mittelständischen Unternehmens mit, in der ein kaufmännischer Leiter gesucht wurde – per Du. Mit Studium sowie langjähriger Berufs- und Führungserfahrung. Mein Klient, Anfang 50, erfüllte sämtliche Anforderungen und hatte Lust auf diese Stelle sowie den Arbeitgeber, fühlte sich jedoch überhaupt nicht von der auf jugendlich getrimmten Ausschreibung angesprochen. „Die suchen doch nicht mich!“, war er sich sicher und hatte die Anzeige gedanklich bereits aussortiert. Er hat sich schließlich darauf beworben – konsequent auch per Du – und am Ende den Job bekommen.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob Bewerber nur nach diesem einen versteckten Hinweis zwischen den Zeilen suchen, der es ihnen erlaubt, sich dort lieber nicht zu bewerben. Wenn du jetzt denkst „Ja, das stimmt“, dann steckst auch du in einer Haltung, in der du mehr Gefahrensucher als Chancenfinder bist. Du durchleuchtest jedes Wort, vermutest unerfüllbare Erwartungen und hinterfragst alles. Du bist der kritische Prüfer statt der neugierige Entdecker. 

Mache dir im Bewerbungsprozess immer wieder bewusst, mit welcher Haltung du in diesem Moment unterwegs bist. Suchst du das Haar in der Suppe, weil alle Arbeitgeber hinterlistige Ausbeuter sind oder hast Du echte Lust, deine berufliche Zukunft zu gestalten und einen neuen Job zu entdecken, der wirklich zu Dir passt? 

Fachwissen punktet, Persönlichkeit entscheidet

"Sie haben Ihr Studium in Betriebswirtschaftlehre abgeschlossen oder verfügen über eine vergleichbare Ausbildung". So oder ähnlich beginnt fast jede Aufzählung im Bereich der Anforderungen an Bewerber. Das Fachwissen steht immer an Punkt 1, doch Arbeitgeber senden hiermit ein aus meiner Erfahrung falsches Signal aus. Denn Noten, Abschlüsse und Zertifikate gehören zwar sicherlich zu jeder Bewerbung und Auswahlentscheidung mit dazu, doch sie sind längst nicht alles. Mache dir bewusst, dass du immer vier wertvolle Dinge in einen neuen Job und für einen potenziellen Arbeitgeber einbringst: 

  • Dein Fachwissen: Alles Erlernte aus Ausbildung, Studium, Weiterbildungen. 
  • Dein Erfahrungswissen: Wertvolles, das du durch deine bisherige Berufserfahrung sowie durch Projekte oder Sonderaufgaben neben dem Tagesgeschäft erlebt und erfahren hast: Branchen- und Produktwissen, Führungserfahrung, interkulturelle Erfahrungen, Verhandlungen mit Kunden und vieles mehr ...
  • Deine Stärken & Talente: Was dir Freude bereitet und dir besonders gut liegt. 
  • Deine Persönlichkeit: Wie Du als Mensch „tickst“ und was andere über dich sagen, was sie an dir schätzen. 

Du siehst, das Fachwissen und die Noten sind nur ein Bruchteil dessen, was dich als Bewerber (und Menschen) auszeichnet. Was glaubst du, für wen sich ein Arbeitgeber entscheidet: Den Bewerber mit 1,0 Abi und Prädikatsabschluss von der Elite-Uni, der alles besser weiß und im Bewerbungsgespräch seinen perfekt auswendig gelernten Elevator-Pitch aufsagen kann – oder den Bewerber mit mittelmäßigen Noten, der sympathisch rüberkommt und richtig Lust hat, gemeinsam im Team Ziele zu erreichen? Ok, ich gebe zu, dieser Fall ist etwas konstruiert und es kommt natürlich auch auf die zu besetzende Position an, doch meine Erfahrung in der Arbeit mit Bewerbern zeigt eindeutig: Fachwissen punktet, Persönlichkeit entscheidet.

Lass Stellenanzeigen als Ganzes auf dich wirken

Es sind weniger einzelne Schlagworte, die dich abschrecken oder begeistern sollten, sondern vielmehr die Aufmachung einer Stellenausschreibung sowie das Gefühl, das du selbst beim Lesen hast. Lass die Anzeige als Ganzes auf dich wirken. Klingt das alles super spießig nach Hierarchie, Konzernpolitik und Anweisung und Kontrolle und macht dir Angst - oder klingt es nach guter Zusammenarbeit auf Augenhöhe, Gestaltungsfreiraum, moderner Führungskultur und weckt die Lust in dir, dich näher mit diesem Arbeitgeber zu beschäftigen? 

Sieh dir auch die Homepage des Unternehmens und die Karriereseiten an. Wie passt das alles zur Stellenausschreibung und welches Bild bekommst Du von diesem Arbeitgeber? Sinnvoll ist auch immer ein Blick in Arbeitgeberbewertungsportale, wie etwa kununu. Verschaffe dir einen guten Überblick über die Position und den Arbeitgeber und überlege dir, ob du dir vorstellen kannst, dort die nächsten Jahre viel Zeit deines Lebens zu verbringen.

Wenn du ein gutes Gefühl hast und du dir die Aufgabe zutraust, dann bewirb dich. Meine Erfahrungen mit Bewerbern zeigen, dass du frühestens nach einem Vorstellungsgespräch erst einigermaßen beurteilen kannst, ob dieser Job wirklich etwas für dich ist. Zu oft kommt es vor, dass sich Stellen im Gespräch als völlig anders als aufgrund der Anzeige vermutet entpuppen und du nur so eine Entscheidung treffen kannst. 

Mach dich "nackig" und zeig Kante mit deiner Bewerbung

Die meisten Bewerber machen sich einen wahnsinnigen Kopf über die Erwartungen auf der Gegenseite. Was denkt ein Personaler wohl über meine Bewerbung? Wie kommen meine Hobbies im Lebenslauf an? Habe ich nicht zu lange studiert und was ist mit dem halben Jahr Lücke zwischen Ausbildung und Studium? Wie sieht es aus, wenn ich den Nebenjob in der Kneipe aufführe und sollte ich schreiben, dass ich Kapitän der Fußballmannschaft bin? – Das zeigt ja schließlich Teamfähigkeit.

Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Zeit und Energie Bewerber dafür verwenden, sich auf der Basis einer Stellenausschreibung Gedanken über irgendwelche Erwartungen von Recruitern und Arbeitgebern zu machen, die sie nicht kennen (können). Sie pimpen ihre Unterlagen, weil es so und nicht anders erwartet wird. Sie kopieren sämtliche Keywords aus der Stellenanzeige in Lebenslauf und Anschreiben und hoffen auf ein möglichst hohes Matching. Sie schreiben, was sie glauben, was Arbeitgeber hören möchten. Und am Ende klingt jede Bewerbung gleich: Langweilig, Schema-F, 08/15. Eben die perfektke Antwort auf eine langweilig nichtssagende Stellenausschreibung :) 

Mein Rat: Bleibe bei dir! Mach dich „nackig“ und zeige mir deiner Bewerbung Profil mit klarer Kante. Schreibe in der Bewerbung und sage im Gespräch, was dir persönlich im Job wichtig ist, was deine Ziele für die nächsten Jahre sind und erzähle bei der berühmten Frage nach den Schwächen ehrlich, was du glaubst, in diesem konkreten Job in den nächsten Monaten wirklich noch lernen zu müssen - und zu wollen. Ohne Worthülsen, ohne Honig um den Bart schmieren, ohne Schleimspur. 

Lies bei mir im Blog: 3 Gründe, dich als Bewerber richtig "nackig" zu machen

Je mehr echte Klarheit Bewerber schaffen und sich richtig greifbar machen, umso höher ist die Einladungsquote und umso entspannter verlaufen die Vorstellungsgespräche. Auch wenn es dir manche Ratgeber einreden wollen: Es gibt nicht diese eine perfekte, bis ins letzte Detail durchoptimierte Bewerbung, sondern nur  d e i n e  Bewerbung mit alldem, was ein vielleicht zukünftiger Arbeitgeber über dich besser erfahren sollte, bevor ihr gemeinsam einen Arbeitsvertrag unterschreibt.

Ich wünsche Dir viel Erfolg als "Chancenfinder", solltest du aktuell auf Jobsuche sein.

www.bernd-slaghuis.de

Was ist deine Meinung oder sogar persönliche Erfahrung zum Thema Stellenausschreibungen? Ich bin gespannt auf deine Sichtweise unten als Kommentar.

Sollten wir hier noch nich vernetzt sein und du hast Lust, in Zukunft noch mehr von mir zu lesen, dann folge mir einfach als XING-Insider oder schicke mir eine Kontaktanfrage.

About the author

Dr. Bernd Slaghuis
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Karriere- und Business-Coach, Dr. Bernd Slaghuis

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Bernd Slaghuis steht als Karrierecoach und Ökonom für eine neue Sicht auf Karriere, Bewerbung auf Augenhöhe und gesunde Führung. Sein Blog "Perspektivwechsel" ist einer der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs und er wurde 2020 als "XING Top Mind" ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Köln.
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