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Vanessa Weber

Vanessa Weber

für Unternehmertum, Marketing, Nachfolge, Führung

Warum ich mehrmals im Jahr schweige

Copyright: Steffi Henn

Chefin zu sein ist großartig, aber auch wahnsinnig anstrengend – und oft einsam. Als Führungskraft oder Unternehmer hat man schließlich selten jemanden an der Seite, der einem sagt, wie es in schwierigen Zeiten weitergeht. Für einen klaren Kopf hilft mir deshalb vor allem eins: schweigen!

Mir wird häufig vorgeworfen, dass ich auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig tanze. „Vanessa, wie schaffst du das eigentlich?“, höre ich dann oft, sobald ich von meinen Ehrenämtern erzähle, der Tatsache, dass ich neben meinem eigentlichen Unternehmen noch ein Start-up hochziehe oder mal wieder durch ganz Deutschland reise, um Vorträge zu halten. Natürlich klingt das viel und zeitlich gesehen ist es das auch, aber ich habe immer Spaß dabei, sonst könnte ich das alles wahrscheinlich auch gar nicht wuppen.

Und trotzdem hat dieser Eifer seine Schattenseiten: Mein eigener Anspruch, immer alles geben zu wollen und so Vorbild für andere zu sein, hat in der Vergangenheit schon oft dazu geführt, dass ich mich selbst aus den Augen verloren habe. Monatelang fehlte mir der Antrieb, die Gedanken drehten sich nachts im Kreis und wenn ich morgens aus dem Bett kroch, war ich schon komplett gerädert. Aus Angst, dass mir meine Offenheit als Schwäche ausgelegt würde, habe ich mein Tief lange verheimlicht und keinem davon erzählt. Bis zu dem Tag, an dem mir alles zu viel wurde und ich wahrscheinlich geradewegs in ein Burnout geschlittert wäre, wenn ich nicht die Reißleine gezogen und eine Auszeit genommen hätte.

Mir ging es eine Weile besser, bis ich Ende vergangenen Jahres schon wieder an meine Grenzen kam. Nicht etwa meine Motivation machte mir dieses Mal Sorgen, sondern meine finanziellen Ausgaben. Es war das erste Mal, dass ich große Investitionen getätigt und dadurch mehr ausgegeben habe, als ich das Jahr über eingenommen hatte. Das war neu für mich und ziemlich unangenehm, obwohl es doch eigentlich völlig normal ist, auch mal Miese zu machen, um in die Zukunft zu investieren. Weil ich das aber nicht gewohnt war und Angst hatte, mich vielleicht verkalkuliert zu haben, kreisten die Gedanken schon wieder. Plötzlich war ich mir unsicher, wo ich eigentlich hin will mit meinem Unternehmen und wie ich mir diesen Stress von der Seele schaufeln kann.

Zum Glück habe ich mich an meine Auszeit zurückerinnert, die mich schon während meines ersten Tiefs aus der Patsche gezogen hat. Mein Rezept schon damals: schweigen!

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Reden ist Silber – Schweigen ist Gold!

Mitarbeiter merken, wenn der Chef nicht mit dem Herzen dabei ist

Keine Sorge: Das klingt auf den ersten Blick viel dramatischer als es ist. Ich schweige natürlich nicht, um meinen Kummer noch tiefer in mich reinzufressen, sondern habe damit einen Weg gefunden, zu mir selbst zurückzufinden. Dass das helfen soll, habe ich das erste Mal bei einem Vortrag bei Bodo Janssen gehört, der sich vor einigen Jahren mit Pater Anselm Grün zusammengetan hat, um sein Unternehmen aus der Krise zu führen. Wenige Jahre zuvor hat er die damals noch schwächelnde Hotelkette Upstalsboom von seinem Vater übernommen und wollte sie mit den neusten Methoden, Erkenntnissen und Strategien aus der Wirtschaft in die Zukunft führen – was leider grandios gescheitert ist. So sehr, dass sich seine Mitarbeiter sogar einen neuen Chef wünschten.

Um aus diesem Tal wieder herauszukommen, entschied er sich für eine Radikalkur und ging ins Kloster, auch um zu schweigen. Mit dem Wissen, das er dort gelernt hat, ist Janssen heute erfolgreicher als je zuvor und klarer in dem, was er sein will und wo er hinmöchte – genau der Antrieb also, der mir in meinem Motivationsloch fehlte.

Lange Zeit fehlte mir der Blick für’s große Ganze

Noch während seines Vortrags meldete ich mich zu einem Schweigeseminar an. Zum Glück kenne ich einen evangelischen Pfarrer, der genau solche Auszeiten anbietet. Stefan Hund habe ich vor einigen Jahren über die Wirtschaftsjunioren kennengelernt und wusste, dass er Schweigeseminare speziell für weibliche Führungskräfte anbietet. Vor anderthalb Jahren bin ich das erste Mal in seinen Kurs im „Ruferhaus Stauffenburg“, einem alten Fachwerkhaus am Rand des Harzes. Als ich dort ankam, war ich die Letzte in der Runde und wäre am liebsten direkt wieder gegangen, so furchtbar fand ich es dort im ersten Moment. Die Einrichtung war spartanisch, die Umgebung düster vor lauter Bäumen, es gab Stockbetten wie in der Jugendherberge und der gusseiserne Ofen sah so aus, als würde er nachts anfangen zu sprechen. „Was habe ich mir da nur eingebrockt?“, war mein erster Gedanke – und was, wenn mein Gedankenkarussell hier vor lauter Schweigen erst recht ins Drehen kommen würde?

Der erste Abend verlief dann aber doch ganz anders als gedacht. Wir saßen zusammen, aßen gemeinsam und verstanden uns alle prima. Erst am nächsten Tag, nach einem morgendlichen Impuls von Pfarrer Stefan, sollten wir wirklich schweigen. Ein total spannendes Experiment, das mich in den verschiedensten Situationen beeindruckt hat, zum Beispiel beim Essen: Normalerweise spiele ich zu Tisch immer den Alleinunterhalter und versuche durch Witze und Gespräche die Stimmung aufrecht zu erhalten, weil mir Stille sonst schnell peinlich wird. Hier war es ganz anders: die Ruhe war angenehm, wir konzentrierten uns voll und ganz auf das Essen und den Geschmack auf der Zunge. So intensiv wie damals habe ich meine Speisen selten wahrgenommen.

„Ich gehe, wie es mir geht!“
Pfaffer Stefan Hund

Auch die Kommunikation verlief anders. Sprechen war ja nicht erlaubt, also kommunizierten wir mit kleinen Berührungen, wie ein Antippen an der Schulter, oder bloßem Augenkontakt. Wenn ich mir zum Beispiel etwas zu trinken geholt habe, und wissen wollte, ob noch jemand Wasser haben wollte, dann habe ich einfach meinen Blick schweifen lassen und geschaut, ob irgendwer mit mir Blickkontakt aufnimmt, um demjenigen dann die Flasche entgegen zu strecken und zu signalisieren: „Hey, ich hole mir was zu trinken. Willst du auch was?“ Man hat also automatisch für die anderen mitgedacht. Genauso bei Wanderungen: es konnte ja keiner rufen, dass wir bitte langsamer gehen sollten, also hat jeder auf jeden aufgepasst und geschaut, dass die Gruppe zusammenbleibt.

Bei einer der Wanderungen gab uns Stefan außerdem folgenden Satz mit. „Ich gehe, wie es mir geht“. Aber tue ich das wirklich? Ich begann sofort darüber nachzudenken, wie ich mich gerade fühle: bin ich schlapp oder motiviert, planlos oder habe ich ein Ziel vor Augen? Tatsächlich fiel mir auf, dass ich die ganze Zeit über nur auf meine Füße geschaut und nicht einmal in die Ferne geblickt habe, obwohl die Umgebung doch so schön war. Es ging immer nur um den nächsten Schritt, aber nie um das große Ganze. Und genau so geht es mir leider auch oft in meinem beruflichen Alltag!

Heute habe ich meine Termine wieder selbst in der Hand

Nach drei Tagen Auszeit war die Stille vorbei – und schon am zweiten Tag hatte sich mein Gedankenkarussell beruhigt. War mein Kopf vorher noch wie ein See, in den permanent Steine geschmissen wurden, die weite Kreise auf der Oberfläche zogen, war der See plötzlich spiegelglatt und ich kam zur Ruhe. Ich war mir plötzlich viel bewusster, wollte nicht mehr ständig den Alleinunterhalter spielen und hatte Zeit, mich nur mit mir selbst zu beschäftigen. Selbst auf der Rückfahrt mit dem Auto habe ich das Radio, was normalerweise immer läuft, einfach mal ausgelassen. Ich hatte das Gefühl, die Stille bringt mich wirklich weiter.

Seit dieser Erfahrung versuche ich mehrmals im Jahr bewusst zu schweigen. Ende vergangenen Jahres, als mir meine finanziellen Sorgen über den Kopf stiegen, bin ich deshalb erneut in ein solches Seminar, dieses Mal allerdings bei der Gutshof Akademie, die weniger „streng“ ist und wunderschön gelegen. Das Konzept hier: Statt tagelang kein Wort zu sprechen, gliedert sich der Aufenthalt in Einheiten, in denen man spricht und vier stündige Blöcke, in denen man nur für sich ist, bevor man sich zum Abendessen wieder begegnet und die Gedanken austauscht. Natürlich sind solche Seminare oft christlich angehaucht, mit Bibelstunde und Beten, aber auch als nicht besonders gläubige Personen kann man durchaus sinnvolle Ansätze für’s eigene Leben dazugewinnen. Durch Weltoffenheit und verschiedene Anschauungen erweitert sich schließlich jeder Horizont.

Der Fisch fängt immer vom Kopf an zu stinken!

Denn umso älter man wird, desto mehr richtet man sich nach innen, zumindest geht das mir so, auch wenn ich nach außen so dynamisch wirke. Inzwischen treffe ich Entscheidungen selten ad hoc, sondern möchte erstmal Klarheit darüber, wo ich mich als Chefin hin entwickeln möchte, wo mein Unternehmen in einigen Jahren stehen soll und wie ich mich als Mensch persönlich dabei fühlen will. Denn nur so kann ich in der Hektik des Alltags sicher gehen, dass ich meinen Mitmenschen, Mitarbeitern und mir trotz Stress ein gutes und positives Gefühl gebe.

Für das neue Jahr habe ich mir deshalb schon jetzt alle Auszeiten im Kalender notiert und Seminare gebucht, unter anderem bei Pater Anselm Grün. Oft ist es ja so, dass eigene Terminkalender von außen befüllt wird und man selbst oft gar keinen Einfluss auf irgendwelche Seminare oder Workshops hat, die plötzlich anstehen oder Tagungen oder wichtige Meetings und Besprechungen. Mit meinen Blockern wissen jetzt alle: da kann ich nicht! Da verbringe ich Zeit mit mir allein und für mich selbst. Denn als Unternehmer sollte man niemals nur auf Umsatz, Gewinn und Eigenkapital achten – sondern vor allem auf sich selbst! Denn nur wenn es uns gut geht, kann es auch dem Unternehmen gut gehen, da bewahrheitet sich das Sprichwort: der Fisch fängt immer vom Kopf an zu stinken.

Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser:

Mit welchen Methoden, kriegen Sie Ihren Kopf am besten frei? Und wie begegnen Sie Stress im Alltag? Haben Sie schon mal mehrere Tage geschwiegen? Ich bin gespannt auf Ihre Erlebnisse und Tipps!

Über den Autor

Vanessa Weber
Vanessa Weber

Geschäftsführerin, Werkzeug Weber GmbH & Co KG

für Unternehmertum, Marketing, Nachfolge, Führung

Vanessa Weber ist Geschäftsführerin und Unternehmerin aus Leidenschaft. Heute ist sie neben ihrer Tätigkeit für ihre Firma als Vortragsrednerin tätig und vermittelt ihr Fachwissen sowie ihren Erfahrungsschatz an andere Unternehmer. Sie ist eine Frau aus der Praxis für die Praxis.
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