Dr. Max Neufeind

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Warum uns unsere Arbeit nicht glücklich machen muss

Annika Nagel

Wer sein Glück nur in der Arbeit sucht, sucht oft vergeblich – und wird dadurch erst richtig unglücklich. Deshalb: Machen Sie sich von der Vorstellug frei, dass Sie ihr Glück im (Home-)Office finden.

In letzter Zeit spreche ich immer wieder mit Menschen, die zwischen 20 und 30 Jahren alt sind, erst vor Kurzem ihren ersten Job begonnen haben und schon wieder die Arbeitsstelle wechseln wollen. Warum? Weil sie ihren Job schon irgendwie ok finden, aber nicht das Gefühl haben, in diesem Job wirklich glücklich zu sein. Stellt sich die Frage: Muss unsere Arbeit uns glücklich machen? Oder besser: Wie sinnvoll ist die Erwartung, unsere Arbeit müsse uns glücklich machen?

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Das Glücksversprechen der Arbeit macht uns unglücklich

“Das Leben ist zu kurz, um bei der Arbeit unglücklich zu sein”, heißt es in Ratgebern. Oder: “Tue was du liebst und du musst nie einen Tag arbeiten.” Fast vier Millionen Mal wurde auf YouTube die Rede von Steve Jobs an der Stanford University geschaut, in der er die jungen Absolventen auffordert, ihren Träumen zu folgen. Gleichzeitig geben in Umfragen nur die wenigsten Arbeitnehmer in Deutschland an, bei ihrer Arbeit sehr glücklich zu sein. Liegt das daran, dass die meisten Jobs schrecklich sind? Nein! Natürlich gehen viele Menschen einer Arbeit nach, die durchaus beschwerlich ist. Aber es ist auch das Glücksversprechen selbst, das uns unglücklich macht. 

Die Erwartung, Arbeit müsse glücklich machen, ist für viele Ältere abwegig

Wenn wir kein Glück bei der Arbeit verspüren, haben wir schnell das Gefühl, dass mit uns oder unserem Job etwas nicht in Ordnung ist. Dabei ist dieses Ganz-OK-Gefühl die Normalität. Arbeit ist zunächst einmal ein Mittel zum Zweck. Sich in der Arbeit zu verwirklichen und Glück zu verspüren, ist eine riesige Chance, die wohlhabende Gesellschaften wie unsere bieten. Aber diese Möglichkeit wird sich nicht für jeden und zu jedem Zeitpunkt realisieren lassen. Um uns (und andere!) nicht unglücklich zu machen, sollten wir daher ehrlich prüfen, ob wir wirklich ein Problem mit unserer konkreten Arbeit haben oder ob uns nicht eher die allgemeine Erwartung, dass Arbeit zur Selbstverwirklichung beitragen muss, überfordert.

Für viele Menschen der älteren Generation ist die Vorstellung, dass Arbeit glücklich machen müsse, geradezu abwegig. “Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen”, heißt es in der Bibel. Dass Arbeit für viele Menschen unserer Generation eine wichtige Quelle zur Erfüllung einer Identität sein kann, die wir selbst gewählt haben, ist erstmal ein riesiges Geschenk. Aber dieses Geschenk wird dann gefährlich, wenn wir unsere Identität zu eng an unseren Beruf binden.

Wenn die Liebe oder Hobbys unter der Arbeit leiden, läuft etwas falsch

Menschen, die erwarten, dass ihre Arbeit sie glücklich macht, werden emotional abhängig, wie die dänische Organisationswissenschaftlerin Susanne Ekman zeigt. Sie erwarten, dass ihre Vorgesetzten ihnen ständig Anerkennung zeigen und sind verunsichert, wenn diese emotionale Rückmeldung ausbleibt.

Andere Lebensbereiche verlieren außerdem oftmals an Bedeutung: Wenn es mir nicht mehr so wichtig ist, ob ich eine funktionierende Liebesbeziehung habe, weil meine Liebe ja meiner Arbeit gilt, ist etwas verkehrt. Wenn Freizeitaktivitäten mich nicht mehr glücklich machen, weil ich mich schuldig fühlen, da ich doch eigentlich arbeiten müsste, dann läuft etwas falsch.

Die Vorstellung, Arbeit müsse glücklich machen, wertet gewöhnliche Berufe ab

Die zwanghafte Vorstellung, Arbeit müsse uns glücklich machen, macht außerdem nicht nur uns selbst unglücklich. Sie ist auch Ausdruck eines Mangels an Respekt für die gewöhnliche Arbeit. Wir hören viel von Schauspielern oder Popstars, die als Winzer oder Restaurantbesitzer endlich ihr echtes berufliches Glück gefunden haben. Uns kommt aber nur wenig von Sachbearbeitern, Busfahrern und Krankenpflegern zu Ohren, die mit ihrer Arbeit eigentlich ganz zufrieden sind.

Wer schon mal in Japan mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen gefahren ist, wird vielleicht auch davon beeindruckt gewesen sein, mit wie viel Würde und Pflichtbewusstsein die Männer und Frauen der Reinigungsmannschaften an den Stationen die Züge betreten. Ihre Gesichter scheinen zu sagen: “Ohne uns würde das hier nicht laufen.”

Die übertriebene Erwartung an das Glück und die Leidenschaft, die mit einem Beruf verbunden sein muss, wertet ganz normale Berufe ab, die die meisten von uns noch über viele Jahre ausüben werden. Die Idee, dass jeder von uns einen Job finden wird, der hundertprozentig zu seinem individuellen Charakter passt und zugleich Arbeitsplatzsicherheit und ein gutes Einkommen mit sich bringt, ist schlichtweg unrealistisch.

Wer das Glück nur in der Arbeit sucht, wird es nicht finden

Statt das Glück von unserem Beruf abhängig zu machen, sollten wir vielmehr erwarten, dass unsere Arbeit Bedeutung hat – so wie die Tätigkeit der Shinkansen-Mitarbeiter. In einer Studie des Verhaltensökonomen Dan Ariely sollten die Teilnehmer Modelle aus Lego-Bausteinen bauen. Bei der Hälfte der Teilnehmer wurden die Modelle wieder in Einzelteile zerlegt, wenn die vorgegeben Zeit abgelaufen war. Bei der anderen Hälfte blieben die Modelle stehen. Die Teilnehmer, bei denen die Modelle wieder auseinander gebaut wurden, verloren trotz Bezahlung schnell die Lust.

Das zeigt: Sinn in unserer Tätigkeit zu sehen, ist einer der wichtigsten Antriebe für uns Menschen. Wir wollen uns für Dinge einsetzen, die uns wichtig sind und die Bestand haben. Wir wollen Probleme lösen. Wir wollen lernen und wachsen. Diese Form von Sinn und Bedeutung lassen sich in fast jedem Job realisieren.

Durch übereifriges Suchen wird sich das Glück in der Arbeit nicht einstellen. Vielmehr kann uns diese zwanghafte Suche erschöpfen. Wenn wir zu viel darüber sprechen und uns zu viele Gedanken darüber machen, welcher Job uns endlich glücklich machen könnte, endet das in immer größerem Frust. Stellen wir uns also der harten Wahrheit: Arbeit ist Arbeit. Und wer das Glück nur in der Arbeit sucht, wird es nicht finden.

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About the author

Dr. Max Neufeind
Dr. Max Neufeind

Stellv. Referatsleiter Strategie, digitaler Wandel und gesellschaftlicher Dialog, Bundesministerium der Finanzen

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Dr. Max Neufeind ist Berater für die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft und Experte für den Wandel der Arbeitswelt. Neufeind promovierte an der ETH Zurich und war John F. Kennedy Fellow an der Harvard University. 2018 erschien sein Buch "Work in the Digital Age".
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