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Über 50 und auf der Suche nach Arbeit – ist das wirklich so schwierig?

Das Stichwort Fachkräftemangel war aus fast jeder Branche schon zu hören. Andererseits klagen ältere Arbeitnehmer häufig über Probleme bei der Jobsuche. Wie geht das zusammen?

Wer mit Ü 50 keinen Job findet, steht sich selbst im Weg

Dr. Bernd Slaghuis
  • Es ist bequem, Arbeitgebern vorzuwerfen, Bewerbern Ü 50 keine Chance zu geben
  • Viele Berufserfahrene verkennen dabei ihren Wert und stehen sich selbst im Weg
  • Wer mit der richtigen Haltung gezielt nach Stellen sucht, schafft den Wechsel

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Mein Beitrag ist womöglich unbequem für alle, die mit Ü 50 aktuell auf Jobsuche sind und über den Arbeitsmarkt schimpfen: Dass kein Arbeitgeber mehr Berufserfahrung wertschätzt, allerorts Recruitingsysteme schonungslos jeden ab 40 aussortieren, junge Hüpfer in der Personalabteilung keine Ahnung haben und jüngere Führungskräfte älteren Bewerbern als Mitarbeitern nicht über den Weg trauen.

Ja, es ist leicht, derart pauschalisierend allen Arbeitgebern dieser Welt den schwarzen Peter zuzuschieben und als armes Opfer der Umstände den Kopf in den Sand zu stecken, wenn es mit dem Jobwechsel nicht funktioniert. Denn wer möchte schon gern an die Selbstverantwortung für sein eigenes Leben erinnert werden?

Arbeitgeber im Jugendwahn – na und?

Bevor Sie mir nun vorwerfen, vom Arbeitsmarkt da draußen keine Ahnung zu haben: Sicherlich gibt es Unternehmen, die in ihrer Personalpolitik hinter verschlossenen Türen entschieden haben, keine Bewerber ab einem definierten Alter einzuladen. Sicherlich gibt es junge Führungskräfte, die ein persönliches Problem damit haben, ältere Kollegen für ihr Team einzustellen. Und sicherlich gibt es Recruiter, die frische Abschlüsse und den roten Faden im Lebenslauf zur Sicherheit 20 Jahren bunter Berufserfahrung vorziehen.

Ja, auch ich beobachte, dass unter dem Deckmantel der Digitalisierung und trendiger New Work bei manchen Arbeitgebern und insbesondere in den alten Konzernzentralen der Jugendwahn ausgebrochen ist. Wir befinden uns offenbar in einer Zeit, in der jungen Menschen mehr Innovationskraft und frischere Energie für den vielerorts dringend notwendigen Wandel zugetraut wird als älteren Berufs- und Lebenserfahrenen.

Doch so sehr ich persönlich diese Entwicklung für Arbeitgeber als zu kurz gedacht und strategisch falsch erachte, so schädlich sind oberflächliche Verallgemeinerungen und eine Flucht in eine Opferhaltung auf Bewerberseite. Ich bin der Meinung: Sollen doch manche Arbeitgeber auf Verjüngungskur ihre Erfahrungen machen, solange wir selbst unsere Berufs- und Lebenserfahrung nicht entwerten.

Viele Jobwechsler Ü 50 stehen sich selbst im Weg

Ich habe in den vergangenen Jahren mehr als 1000 Klienten bei ihrer beruflichen Neuorientierung und Bewerbung begleitet – schätzungsweise die Hälfte von ihnen waren älter als 50. Ich beobachte, dass die Bewerbungsphase mit steigendem Alter länger wird und es auch sechs bis zwölf Monate bis zum neuen Jobantritt dauern kann – was sich viele in diesem Alter auch leisten können. Doch der fest in ihren Köpfen verankerte Glaubenssatz, mit über 50 keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen, ist definitiv falsch.

Im Coaching höre ich von langjährig Berufserfahrenen immer wieder ähnliche Fehleinschätzungen: „Ist mein Fachwissen noch etwas wert, oder muss ich fix einige Weiterbildungen belegen, um eine Chance zu haben?“ – „Die 20 Jahre Berufserfahrung, das ist doch alles nichts Besonderes.“ – „Wenn ich nicht mehr wechseln kann, sollte ich mich zur Not selbstständig machen … aber mit was?“ – „Muss ich irgendeinen Job auch unter meinem Niveau annehmen und auf Gehalt verzichten, um einen Wechsel zu schaffen?“

Mit den meisten Bewerbern arbeite ich intensiver daran, wieder zu einem Bewusstsein über ihre Erfahrungen und Stärken sowie einer gesunden Haltung sich selbst gegenüber zu finden, als ihre Unterlagen auf Vordermann zu bringen. Wer nicht an sich selbst glaubt, der kann keinem Arbeitgeber dieser Welt das sichere Gefühl vermitteln, eine gute Entscheidung über die gemeinsame Zukunft zu treffen.

Es gibt sie, die Stellen, wie gemacht für Jobwechsler Ü 50

Mit seinem Lebenslauf im Reinen zu sein und sein umfangreiches Erfahrungswissen sowie die eigenen Stärken und Talente wortwörtlich wertzuschätzen, das ist die Basis. Ohne Tschakka, sondern durch ehrliche Reflexion. Doch wer sich aus gewohnter Frustration weiterhin auf Stellen mit gefordert idealerweise drei Jahren Berufserfahrung bewirbt, der kann nur die Bestätigung erhalten, dennoch keine Chance zu haben. Weil es nicht passt.

Erst die gezielte Suche nach Positionen und Arbeitgebern, die die wertvollen Ressourcen erfahrener Arbeitnehmer zu schätzen wissen, führt zum Erfolg. Diese Recherche ist aufwendiger und verlangt mehr Kreativität als die täglich monotone Sichtung der immer gleichen Stellenbörsen. Doch es gibt sie, die Aufgaben, die wie gemacht sind für Jobwechsler über 50: Dort, wo Lebens- und Berufserfahrung zählen, etwa im Kontakt mit Kunden, Dienstleistern, in Teams oder Projekten. Wo Vertrauen durch Expertise und Seniorität wichtig ist. Wo Führung kein Nebenjob, sondern Garant für den Erfolg eines Teams ist. Wo Loyalität, Integrität und starke Persönlichkeit Erfolg im Beruf ausmachen. Wo tiefe oder breite Branchen- oder Produktkenntnisse mehr zählen als der frische Bachelorabschluss von Digital Natives.

Wer sich mit Ü 50 nicht selbst im Weg steht, sondern ausgestattet mit eigener Klarheit gezielt sucht und diese in den Arbeitsmarkt kommuniziert, der findet einen neuen Job. Klare und ehrliche Kommunikation auf beiden Seiten ist der Schlüssel. Selbstmitleidige Opferhaltung infolge von empfundener Altersdiskriminierung nutzt Arbeitnehmern ebenso wenig wie Arbeitgebern die Jammerei über einen Fachkräftemangel. All das vergrößert nur den unnötigen Graben zwischen ihnen. Erst das echte Bewusstsein über den Wert von Erfahrungswissen auf Arbeitgeber- sowie Bewerberseite wird dazu führen, dass sich beide wieder besser finden.

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Dr. Bernd Slaghuis
© Privat
Dr. Bernd Slaghuis

Ökonom, Karriere- und Business-Coach

for Karriere, Neuorientierung, Bewerbung, gesunde Führung

Dr. Bernd Slaghuis ist promovierter Ökonom, Systemischer Coach und Experte für neue Karrieren und gesunde Führung. In seiner Kölner Coaching-Praxis hat er sich auf Anliegen der Karriereplanung und beruflichen Neuorientierung sowie das Coaching von Führungskräften aus dem mittleren Management spezialisiert. Er schreibt in seinem Karriere-Blog „Perspektivwechsel“ über seine Sichtweisen auf Karriere, Bewerbung sowie Führung und hält zu diesen Themen deutschlandweit Vorträge und gibt Seminare.

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