Luise Göbel forscht an neuen Zutaten für den Baustoff Beton an der Bauhaus Universität in Weimar. Foto: Thomas Müller/Bauhaus-Universität Weimar
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Studium: Baustoff-Ingenieure haben viele Perspektiven

Baustoffingenieuren und -ingenieurinnen bieten sich viele berufliche Möglichkeiten. In Weimar gibt es dafür bundesweit den einzigen Masterstudiengang. Als innovatives Baumaterial ist Beton eine stabile Basis für die Karriere von Baustoff-Ingenieuren.

„Hoffentlich ist es Beton.“ Der Werbespruch des Informationszentrums Beton stammt zwar aus den 1990er-Jahren, wirkt aber immer noch. Rund 110 Mio. t der grauen Masse werden jährlich allein in Deutschland verbaut. Am Jahresumsatz der Baustoff-Steine-Erde-Industrie von rund 38 Mrd. € haben Betonteile und Transportbeton einen Anteil von etwa 38 %. Während andere Industriezweige immer neue Materialien aus Verbundfasern, Polymeren oder Metallmischungen auf den Markt bringen, scheint Beton dauerhaft und unbeweglich in der Bauindustrie verankert zu sein. Doch der Blick auf die meisten Baustellen und das dort seit Jahrzehnten einträchtige Miteinander von Beton, Steinen, Stahl und Holz täuscht. „Beton ist ein hochmodernes Material, das sich dank ständiger Forschung und Entwicklung immer weiterentwickelt und zunehmend dem Anspruch an Nachhaltigkeit und Klimaschutz entspricht“, sagt Luise Göbel. Als Leiterin der Juniorprofessur „Werkstoffmechanik“ an der Bauhaus-Universität Weimar trägt die promovierte Baustoffingenieurin nicht nur zu neuen Betonmischungen bei, sondern ebnet auch künftigen Fachleuten den Weg: „Baustoffingenieure, die wir hier ausbilden, stehen vor einer abwechslungsreichen Tätigkeit und guten Karrierechancen.“

Die richtige Mischung machts – auch für die Karriere

Die Ursprünge von Beton reichen bis in die Zeit der alten Ägypter und Phönizier zurück; auch im vorchristlichen Rom wurde eine Mischung aus gebranntem Kalk, Ziegelmehl und Vulkanaschen unter der Bezeichnung „Opus caementicum“ für den Hausbau verwendet. Für Luise Göbel ist das Mischmaterial aber nicht nur wegen der historischen Komponente interessant: „Beton ist mehr als ein grauer Stein. Unter dem Mikroskop betrachtet ist er aus feinsten Nadeln aufgebaut, sodass man sofort erkennt, warum er so erfolgreich ist.“ Für die meisten Laien verbirgt sich das Besondere des Baustoffs hinter einer rauen Oberfläche. Luise Göbel war von dem, was darunter an vielfältigen Formen und Anwendungsmöglichkeiten steckt, dagegen so fasziniert, dass sie in ihrer Heimat Weimar Baustoffingenieurwissenschaft studierte und nach dem Master dort auch promovierte. Nach ein paar Jahren als Forschungskoordinatorin an der Materialforschungs- und -prüfanstalt Weimar kehrte sie an die Uni zurück und befasst sich dort nun neben der Lehre auch mit der Forschung rund um die Zukunft des traditionsreichen Baustoffs.

Neue Zutaten für die Betonmischung müssen entwickelt werden

Obwohl Beton seit Jahrhunderten in den verschiedensten Ausformungen und Mischungen zum Bauen genutzt wird, „gibt es immer wieder etwas zu entwickeln“, ist Luise Göbel überzeugt. Aktuell geht es um Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit und Klimaneutralität. „Die Verfügbarkeit von für die Betonherstellung notwendigen Materialien wie Sand geht zurück“, erläutert die Professorin. Auch andere Zusätze wie Flugasche oder Schlacke sind nicht mehr so einfach zu bekommen, weil die bisherige „Rohstoffquelle“ Stahlindustrie im Zuge der eigenen Klimaschutzstrategie auf neue, kohlenstofffreie Produktionsverfahren setzt. Entsprechend müssen neue Zutaten für die Betonmischung entwickelt werden. Die Innovationskraft der Betonhersteller ist zudem gefragt, weil die Ansprüche an die Eigenschaften des Standardbaumaterials wachsen: „Tragfähigkeit, Verarbeitungsmöglichkeiten und die Langlebigkeit gehören ebenfalls zu den aktuellen Forschungsaufgaben“, sagt Luise Göbel.

Universität in Weimar bietet den Master-Studiengang „Baustoffingenieurwissenschaft“ an

Solche und viele weitere Aspekte sprechen nach Überzeugung der Wissenschaftlerin für die guten Karriereaussichten von Baustoff-Ingenieurinnen und -Ingenieuren. „Die Spannweite der Möglichkeiten ist das Coole an diesem Beruf“, sagt sie. An der Bauhaus-Universität Weimar haben Studierende im Bachelor-Studiengang Bauingenieurwesen die Möglichkeit, sich nach dem viersemestrigen Grundstudium für „Baustoffe und Sanierung“ als Vertiefungsrichtung im fünften und sechsten Semester zu entscheiden. Außerdem bietet die Universität einen Master-Studiengang „Baustoffingenieurwissenschaft“ an. Das Aufbaustudium ist nicht nur für Bauingenieure mit oder ohne Berufserfahrung gedacht: „Grundsätzlich wenden wir uns auch an Interessierte aus anderen Ingenieur- oder angewandten Naturwissenschaften, die ihre Fach- und Methodenkompetenz rund um Baustoffe und Sanierung ausbauen möchten“, erläutert Luise Göbel.

Bedarf an maßgeschneiderten Baustoffen und multifunktionalen Materialien

Die Inhalte des bundesweit einmaligen Master-Angebots gehen weit über die vielfältigen Formen von Beton hinaus. „Der Bedarf an maßgeschneiderten Baustoffen und multifunktionalen Materialien reicht von dem Erhalt und der Sanierung historischer Bausubstanz bis zu zukunftsfähigen und innovativen Ingenieurbauten und Herstellungsprozessen“, betont die Professorin. Wer sich für diese Bandbreite interessiert, sollte selbst breit aufgestellt sein: „Neben einem grundlegenden technischen Verständnis ist ein Faible für Physik und Chemie auf jeden Fall sehr hilfreich“, meint Luise Göbel. Im selben Atemzug räumt sie mit einem Vorurteil auf, demzufolge Bauen insbesondere mit Beton eher etwas fürs Grobe sei: „Wir rechnen durchaus auch im Milligrammbereich.“

An der Schnittstelle zwischen Praxis und Forschung

Der inhaltlichen Bandbreite des Berufsbildes stehen ähnlich viele Beschäftigungsmöglichkeiten gegenüber. Mit ihrer Arbeit in der Materialforschung und jetzt als Hochschullehrerin steht Luise Göbel stellvertretend für die breiten Beschäftigungsfelder an der Schnittstelle zwischen der Praxis des Bauens, der Fortentwicklung von Materialien und der Wissenschaft. Ein ähnlich großes Spektrum bietet der öffentliche Dienst. Sowohl bei Neubauprojekten als auch bei Sanierungsaufgaben spielt das Wissen über Baustoffe eine entscheidende Rolle: „Denken Sie nur an die immense Aufgabe, die öffentliche Infrastruktur zu sanieren und instand zu halten.“ Als ebenso aussichtsreich betrachtet sie die Arbeit in der Bauwirtschaft oder in freien Ingenieurbüros. „Angesichts der wachsenden Bedeutung von Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird das Fachwissen um heutige und zukünftige Baustoffe immer wichtiger“, ist Luise Göbel überzeugt.

Ein Beitrag von:

Wolfgang Heumer

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