Wenn negative Emotionen keinen Raum mehr bekommen: Toxische Positivität am Arbeitsplatz
Warum „Sieh es doch mal positiv“ mehr schadet als hilft – denn die negativen Gefühle werden nur noch intensiver, wenn man sie wegdrückt.
Im Arbeitsleben jonglieren wir verschiedene Bälle, haben die unterschiedlichsten Hüte auf und versuchen eine Extrameile nach der anderen zu gehen. Auch wenn sich diese Aneinanderreihung wie ausgeleiertes Work-Vokabular liest: Die meisten von uns finden sich darin wieder, oder?
Neben den individuellen Herausforderungen lohnt sich auch der Blick aus der Metaperspektive – und der fällt aktuell nicht unbedingt rosig aus: Studien zeigen sinkendes Engagement, Unternehmen bauen Stellen ab, während gleichzeitig Fachkräfte fehlen. Viele Menschen fühlen sich nicht gesehen, nicht wertgeschätzt oder schlicht überfordert.
Frust muss nicht nur benannt werden, sondern auch raus
Das frustriert. Und das darf auch so benannt werden. Mehr noch: Dieser Frust darf in einem gesunden Maß auch raus. Damit meine ich nicht, dass wir unsere Führungskräfte anschnauzen, in der Kaffeeküche nur noch über unseren Arbeitgeber herziehen oder all unsere Aufgaben mit einem unguten Gefühl angehen (und falls das der Fall ist, lohnt es sich ehrlich hinzuschauen, ob es nicht Zeit für eine Veränderung ist). Aber doch, dass es einen Raum geben darf für ehrliche Emotionen.
Was hingegen oft passiert: Genau dieser Raum wird zugemacht. Stattdessen begegnen uns – gut gemeinte – Aussagen aus unserem (Arbeits-)Umfeld wie: „Sieh doch mal das Gute daran“, „Wir sprechen nicht von Problemen, sondern von Lösungen“, „Kopf hoch, wird schon wieder“. Das ist kein ausgewogener Blick, das ist toxische Positivität.
Warum toxische Positivität so problematisch ist
Toxische Positivität beschreibt den Anspruch, in jeder Situation positiv denken zu müssen, egal wie schwierig sie ist. Eine Art krampfhafter Optimismus, der keinen Platz für unangenehme Gefühle lässt.
Das Paradoxe daran: Optimismus an sich ist etwas Gutes. Studien zeigen, dass positives Denken mit mehr Zufriedenheit, besserer Gesundheit und sogar einer höheren Lebenserwartung einhergeht. Ein gewisser „rosaroter Blick“ auf die Welt kann uns also durchaus helfen. Problematisch wird es dann, wenn negative Emotionen keinen Raum mehr bekommen.
Eine Studie von Laura Campbell-Sills zeigt genau das: Versuchspersonen, die ihre Gefühle unterdrücken sollten, waren im Nachhinein stärker belastet als diejenigen, die ihre Emotionen einfach zugelassen haben. Das bedeutet übersetzt: Nur weil wir Gefühle wegdrücken, sind sie nicht gleich auch weg, sondern werden oft sogar intensiver.
Wenn wir zum Beispiel schon länger genervt sind, weil ein Kollege sich immer um bestimmte Aufgaben im Team drückt, wir es aber nie ansprechen, dann kann es leicht passieren, dass wir in einer unpassenden Situation überreagieren.
Oder wenn wir uns immer wieder ein Lächeln aufzwingen, obwohl wir eigentlich gerade überfordert sind, sei es durch ein Projekt oder private Themen. Je öfter wir solche Masken tragen, desto eher werden sie zu einer zusätzlichen Belastung, die wir mit in unseren (Arbeits-)Alltag nehmen.
Wie wir ein ungesundes Arbeitsumfeld erkennen
Eines der ersten Anzeichen ist, wenn es so wirkt, als würde alles immer super laufen. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass Probleme einfach nicht thematisiert werden. Eine meiner freien Mitarbeiterinnen hat genau das erlebt: In einem ihrer früheren Angestelltenjobs hatte sie beim Blick in den unternehmensweiten Chat das Gefühl, im besten Unternehmen der Welt zu arbeiten. Auf jede Nachricht, egal von wem, wurde mit lobenden Worten oder vielen Emojis reagiert.
Doch irgendwann wurde ihr klar, dass vieles davon eine Fassade ist: Hauptsache, es sieht nach außen gut aus. Hinter den Kulissen lief es anders. Fehler wurden nicht offen angesprochen und Schwierigkeiten eher übergangen als wirklich gelöst.
Ein weiteres Zeichen ist, wie mit Feedback umgegangen wird: Wenn du mehrfach ansprichst, dass deine Arbeitslast eigentlich zu hoch ist – und ursprünglich für mehrere Personen gedacht war – du aber immer wieder vertröstet wirst mit Sätzen wie: „Nur noch bis diese Projektphase vorbei ist, dann wird es ruhiger …“
Eine persönliche Red Flag für mich ist auch, wenn Unternehmen ihre Mitarbeitenden als „Familie“ bezeichnen. Das klingt erst mal nach Nähe und starkem Zusammenhalt. In der Realität bedeutet es aber oft, dass von Mitarbeitenden mehr Einsatz erwartet wird, zum Beispiel in Form von Überstunden.
Von toxischer zu gesunder Positivität
Wie schaffen wir es nun, unsere Emotionen ehrlich auszudrücken, ohne zu sehr ins Negative zu kippen?
1. Gefühle wahrnehmen statt wegdrücken
Sie sind Information, die uns darauf hinweisen, dass etwas gerade nicht stimmt; sie zeigen uns Grenzen auf. Wer sie ernst nimmt, kann besser mit ihnen umgehen. Ein guter Start, um Gefühle wahrzunehmen, ist, zu spüren, wo im Körper sich gerade etwas regt: ein Druck auf der Brust, ein Ziehen im Bauch, ein Kribbeln im Arm. Und für ein paar Minuten einfach mal auf diese Körperempfindung fokussieren.
2. Reframing statt Schönreden
Nicht alles sofort ins Positive drehen, sondern einen neuen Blickwinkel finden, ohne das Schwierige zu negieren. Beispiel: „Das Projekt ist anstrengend“ statt „Das ist doch eine tolle Chance!“ – und dann schauen: Was brauche ich, um damit gut umzugehen?
3. Negatives Denken als Strategie nutzen
„Was könnte schiefgehen?“ – diese Frage wirkt erst mal ungewohnt, hilft aber enorm, um Klarheit zu gewinnen und konkrete Lösungen zu entwickeln, besonders bei diffusen Ängsten. Zum Beispiel: Wenn ich mir vorher überlege, was ich mache, wenn ich das Ziel nicht erreiche, schaffe ich mir Handlungsspielraum.
4. Räume für Ehrlichkeit schaffen
Das kann ganz konkret bedeuten, Meetings nicht nur mit Zahlen und To-dos zu starten, sondern auch mal mit der ehrlichen Frage: „Wie geht’s dir heute?“ Es bedeutet auch, dass es okay ist zu sagen: „Ich bin gerade überfordert“, ohne direkt das Gefühl zu haben, sich rechtfertigen zu müssen. Dass Fehler offen geteilt werden dürfen, statt sie zu verstecken oder schönzureden. Und dass Führungskräfte vorangehen, indem sie selbst ehrlich über Herausforderungen sprechen, statt immer nur Stärke zu zeigen.
Ein weit verbreiteter Kritikpunkt an der positiven Psychologie ist es, dass sie sich ausschließlich auf das Gute konzentriert und Probleme unter den Tisch gekehrt werden. Doch das greift zu kurz. Es geht nicht darum, alles positiv zu sehen oder zu denken, sondern darum, das Leben mit all seinen Facetten anzunehmen. Und dazu gehört auch, Frust zuzulassen, Überforderung ernst zu nehmen und auszusprechen, wenn etwas nicht passt. Denn genau darin liegt die Grundlage für echte Veränderung – für uns selbst und für ein gesünderes Miteinander im Arbeitsalltag.
In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Tiefen, und los geht’s!
