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Mensch werden – Mensch sein – Mensch bleiben

Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe Prof. Josef H. Reichholf plädiert dafür, „die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Dann macht man sich keine falschen Hoffnungen.“ In seinem aktuellen Buch „Mensch“ zeichnet er unsere Evolutionsgeschichte in ihren wesentlichen Verläufen nach und fragt nach der Verantwortung des Menschen.

Wir verschieben die Zukunft heute permanent in die Zukunft, „wie die viel beschworene, aber nie wahrgenommene Verpflichtung für die folgenden Generationen auch.“ Probleme werden heute immer wieder verlagert und verstärkt, statt sie wirklich zu lösen. „Überall dominiert das Profitstreben die wirtschaftlichen Aktivitäten“, so Reichholf. Unsere Einflüsse auf die Natur werden immer stärker und führen zu dauerhafter Schädigung oder Zerstörung. Deshalb geht es heute vor allem um unsere Rolle im Naturgeschehen und die Herausforderungen, die mit dem Anthropozän verbunden sind.

Die Welt ist aufgeteilt, verkauft, verbraucht.“
Josef H. Reichholf

Nach gegenwärtigem Forschungsstand entstand der Mensch, Homo sapiens, vor fast 300 000 Jahren in Afrika. Wir leben erstmals in einer Epoche der Weltgeschichte, in dem der Mensch als Spezies die geologischen Zusammenhänge für die Zukunft kausal bestimmt. Der niederländische Wissenschaftler und Pionier der Erdsystemforschung Paul J. Crutzen (1933–2021) prägte dafür den Begriff Anthropozän (von ánthropos = Mensch und kainós = neu). Er soll den Zeitabschnitt der ca. letzten 60 Jahre in der Erdgeschichte umfassen, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Viele Ereignisse der Menschheitsgeschichte, so Reichholfs These, lassen sich auch durch Klimaveränderungen erklären. In seinem aktuellen Buch beschreibt Reichholf in drei Teilen die menschliche Entwicklungsgeschichte:

I. „Mensch werden“

Durch den großen rundlichen Kopf und die weitgehend nackte Haut lässt sich der Mensch von Menschenaffen und allen anderen Lebewesen unterscheiden. Der aktuelle Stand der Evolutionsbiologie wird in diesem Kapitel ausführlich erläutert. Beschrieben werden auch die evolutionären Vorteile des aufrechten Ganges: „Die Vormenschen waren bereits mehr oder minder gute Läufer, bevor die Gehirnvergrößerung einsetzte und sich die frühen Menschenformen entwickelten.“ Menschen waren schon früh in der Lage, „jedes größere flüchtende Säugetier einzuholen.“ Interessant auch die Ausführungen zum Thema Macht und Stärke: Bereits bei den Schimpansen deutet sich an, „dass nicht Kraft allein die Alpha-Position garantiert. ‚Köpfchen‘ kann den Ausschlag geben.“

II. „Mensch sein“

Das Kapitel widmet sich typisch menschlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen sowie dem Leben in Gemeinschaften, die nur über hierachrische Ordnungen funktionieren. Erst die Sprache macht „uns im Selbstverständnis erst so richtig zum Menschen“ – sie ermöglicht einen Austausch auch zu komplexen Themen. Allerdings führen unterschiedliche Sprachen und Dialekte auch zu Trennungen, was zu Ausschluss und Gruppenbildung führt€. „Fremd zu sein war und ist genetisch der Normalfall“, schreibt er, „akzeptiert wird das dennoch äußerst ungern“. Gezeigt wird auch, dass Ideologien nicht plötzlich vom Himmel fielen, sondern immer eine Vorgeschichte hatten: „Alle entsprangen sie dem zutiefst in den Menschen verankerten Prinzip: ‚Wir gegen die Anderen‘.“

Auch Ungleichheit bestimmte das Leben der Menschen, seit sie in großen Gruppen zusammenwohnen: So gab es beispielsweise vor 5000 Jahren im Karpatenbecken auch Städte mit mehreren Tausend Einwohnern ohne deutliche soziale Schichtung. Ungleichheit entsteht nach Reichholf also nicht zwangsläufig. Bereits in seinem Buch „Mein Leben für die Natur“ blickt Reichholf nicht nur auf ein wunderbares Leben in Fülle und Schönheit zurück, sondern hat auch die Gegenwart im Blick, um die er sich sorgt. Viele Nachhaltigkeitsthemen daraus wie der Verlust der Biodiversität werden in seinem aktuellen Buch vertieft. So wird heute auch vernachlässigt, dass wir weniger emotional „mit Insekten, Schnecken oder Würmern um[gehen]. Sie liegen außerhalb unseres Mitleids. Die gesamte Pflanzenwelt wird behandelt, als ob sie nicht lebendig wäre.“

Die Menschen entscheiden egoistisch und auf kurze Sicht, wo immer das geht, nicht im Interesse von vielleicht gar nicht vorhandenen Kindeskindern.“
Josef H. Reichholf

Ihre schlimmsten Feinde seien nach Ansicht des Naturforschers andere Menschen, nicht Gefahren der Natur.

III. „Mensch bleiben“ 

Im Fokus stehen die Zukunftsaussichten unserer Spezies. Vor dem Hintergrund von Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Kriegen sind sie Reichholf zufolge eher düster: „Das Uralte, den Menschen Innewohnende ist viel zu stark. Es strebt nach Individualisierung, nach höherem Status und größerem Erfolg.“ Das Gemeinwohl käme immer erst an zweiter Stelle. Doch es braucht die Gesellschaft zur menschlichen Existenz. Damit verbunden sind auch Pflichten, die der Selbstverwirklichung Grenzen setzen. Das Kapitel widmet sich auch dem Leitmotiv der Umweltdebatte, dem Mind-Behaviour-Gap: die Lücke zwischen Wissen und Handeln. Reichholf fragt, warum es bei Klimagipfeln so schwer ist, das Notwendige umzusetzen. Wirkliche Veränderungen und aktives Gestalten gehen immer von kleinen Gruppen und von Einzelnen aus. Es geht um pragmatisches Handeln im Hier und Jetzt. Das Zusammenleben im Anthropozän erfordert ein anderes Denken, Entscheiden und Handeln.

Das Buch:

  • Josef H. Reichholf: Mensch. Evolution einer besonderen Spezies. Hanser Verlag, München 2025.

Weiterführende Informationen:

Dr. Alexandra Hildebrandt schreibt über Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Kernthemen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Beim Verlag SpringerGabler habe ich die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement herausgegeben sowie "Klimawandel in der Wirtschaft".

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