Pareidolie: Täuschung oder reales Muster?
Liegen Muster oder Konturen unvollständig vor, werden sie von unserem Gehirn vervollständigt. In der Fachwelt wird dieses Phänomen "Pareidolie“ genannt. Pareidolien (altgriechisch para, deutsch ‚daneben‘, ‚vorbei‘ und eídolon, deutsch ‚Form‘, ‚Erscheinung‘, ‚(Trug-)Bild‘, ‚Schattenbild‘) sind das Ergebnis bewusst oder unbewusst hervorgerufener Fehldeutungen durch das menschliche Gehirn, das dazu neigt, diffuse und scheinbar unvollständige Wahrnehmungsbilder und -strukturen zu vervollständigen und vertrauten Mustern und Formen anzugleichen. Vor allem der fusiforme Gesichtsbereich (FFA), eine Region in der Großhirnrinde, die für die Gesichtserkennung zuständig ist, wird bei der Wahrnehmung von pareidolischen Gesichtern aktiv. Das Gehirn scheint hier bereits bekannte neuronale Mechanismen zur Mustererkennung zu nutzen, um in zufälligen oder unspezifischen Reizen vertraute Formen zu identifizieren. Die Aktivierung dieser Gehirnregionen kann dazu führen, dass wir selbst in abstrakten oder unwahrscheinlichen Situationen bekannte Muster oder Objekte zu erkennen glauben.
Eine natürliche Pareidolie (Wolken, Wasser, Landschafts- und Felsformationen) wird in der Regel von mehreren Personen gleichzeitig wahrgenommen. Die Apophänie ist eine eingegrenzte Unterform der Pareidolie, die sie sich auf deren Aspekt beschränkt, in eine Zufallsstruktur etwas „hineinzusehen“ (die Pareidolie bezieht sich dagegen auch auf die aktiv „gesuchten“ Wahrnehmungen). Der deutsche Arzt und Autor Justinus Kerner nutzte im 19. Jahrhundert die Pareidolie für seine „Klecksographie“ (Darstellung von Mustern und Figuren aus Farbklecksen): In zufälligen Tintenklecksen „fand“ er Gestalten, die er mit wenigen Federstrichen hervorhob. Im Kinderbuch "Hannes und sein Bumpam" (1961) von Mira Lobe sieht ein Kind in Wolken und dem Putz der Hauswand Tiere und Figuren.
Die Pareidolie spielt auch im Automobil-Design eine wichtige Rolle. Jedes Auto erhält seinen eigenen Gesichtsausdruck: Sportwagen schauen oft grimmig, Kleinwagen haben häufig einen niedlichen Blick. Der Medientheoretiker Friedrich Kittler schrieb über Autos und Tiere: „Es geht eindeutig um eine (aerodynamische wohl funktionslose) Darstellung raubtierhafter Sprungbereitschaft und -Potenz." Heute fahren fast nur noch „Kampfunde aus Blech" mit großen Scheinwerferaugen, Modelle mit furchterregenden Tierfratzen. Der SPIEGEL konstatierte 2015, dass sich fast alle Modelle, darunter Renault Mégane, VW Golf, Toyota Yaris und Hyndrai i20 mit dem „bösen Blick" infiziert haben. Die Mehrheit würde den Bestienlook sogar kultivieren: „die scharfen Augen der Greifvögel, das Beißermaul der Haie, dazu Kühlrippen wie gebleckte Fangzähne und seitliche Luftschlitze, die an Lefzen erinnern." (DER SPIEGEL 39/2015, S. 121) Diese künstlichen Überformungen sind allerdings weit entfernt von der natürlichen Gesichtserkennung, die wir sogar in der Natur finden.
Als soziale Wesen suchen wir nach Menschen, denen wir uns anschließen können. In früheren Zeiten war dies auch entscheidend fürs Überleben, denn Feinde und gefährliche Tiere mussten rechtzeitig erkannt werden. Eine britische Studie aus dem Jahr 2017 belegt, dass ungeborene Babys auf Punkte reagieren würden, die wie ein Gesicht angeordnet sind. Diese wurden in den Mutterleib hineinprojiziert, und die Föten wandten sich auffällig oft dem konstruierten Gesicht zu. Bei der umgedrehten Projektion gab es keine Reaktionen. Das Fazit der Forscher: Kinder können ein Gesicht schon ab der Geburt erkennen - obwohl sie noch nie zuvor eines gesehen haben.
Schon Leonardo da Vinci (1452-1519) sprach davon, dass ihn verwitterte, fleckige oder nasse Mauern ihn künstlerisch inspirierten. Er regte sogar an, dass der Betrachter Berge, Ruinen, Figuren und Ereignisse bei ihrem Anblick erfinden soll. Er war der Erste, der erkannte, dass zeichnerische Entwürfe von Maschinen das perfekte Werkzeug und Hilfsmittel für Forschung und Analyse sind. Diese mechanischen Entwürfe waren für ihn Teil eines geistigen Prozesses, den er durch die zeichnerische Darstellung vollenden konnte. Er wollte immer wissen, was sich hinter den gezeichneten Formen eigentlich verbirgt: einerseits die theoretischen Überlegungen, mit denen ein mechanischer Entwurf überhaupt erst beginnt und andererseits die grafischen Mittel, die benötigt werden, um den Theorien eine Gestalt zu geben. Seine Theorien fasste er nicht in Worten, sondern in Bildern zusammen.
Seine „Mona Lisa“ (1503-1506) ist wahrscheinlich das berühmteste Gemälde der Welt. Bis zu seinem Tod behält der Künstler das Ölgemälde bei sich und trägt immer neue Schichten auf - sein künstlerisches Vermächtnis. Bemerkenswert ist, dass die meisten Menschen in Social Media mein Foto mit dem "Gesicht" im Wasser - aufgenommen am 3. Januar 2024 am Ludwigskanal in Burgthann - so kommentieren: "Fast wie Mona Lisa", "Lächelt wie die Mona Lisa" oder "Ähnelt der Mona Lisa". Die Reaktionen zeigen zugleich, wie tief und nachhaltig Kunst wirken kann - und dass sich der Zauber des Sehens mit den Bildern der Wirklichkeit nicht ausschließen muss.
Bauchgefühl im Management. Die Rolle der Intuition in Wirtschaft, Gesellschaft und Sport. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Neumüller. SpringerGabler Verlag 2021.
Friedrich Kittler: Baggersee. Frühe Schriften aus dem Nachlass. Hg. Tania Hron, Sandrina Khaled. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2015.
Jiang Liu et al.: Seeing Jesus in toast: Neural and behavioral correlates of face pareidolia, in: Cortex, Volume 53, Pages 60–77, 2014.
Vincent M. Reid et al.: The Human Fetus Preferentially Engages with Face-like Visual Stimuli, in: Current Biology, Report, Volume 27, ISSUE 12, 2017.

