War das schon sexuelle Belästigung? 5 Fragen, die Dir helfen, Deine Situation bei der Arbeit einzuschätzen
Ist ein Kommentar zu meinem Outfit schon Belästigung? Wo endet ein harmloser Scherz und wo beginnt Übergriffigkeit? In unserer neuen Podcastfolge sprechen wir über die Grauzonen sexueller Belästigung im Job und Du erfährst, warum Deine Gefühle dabei eine besonders große Rolle spielen.
Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, hat jede fünfte Person bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Ob als Opfer oder Zeug·in. Als wir Rechtsanwältin Yara Hofbauer in unserem Podcast mit dieser Zahl konfrontieren schüttelt sie den Kopf. "Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Dunkelziffer bei 100 Prozent liegt. Zumindest, was Frauen betrifft. Es gibt Studien, die sagen, jede dritte Frau ist betroffen; andere sprechen von jeder fünften. Meine Erfahrung zeigt mir aber, dass diese Zahlen nur einen Bruchteil von dem eigentlichen Problem widerspiegeln.", erläutert sie – und wir müssen schlucken.
Ich kenne keine Frau, die nicht irgendwann in ihrem Leben sexuelle Belästigung im Arbeitskontext erlebt hat.Yara Hofbauer, Rechtsanwältin
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Yara Hofbauer ist selbstständige Anwältin. Mit ihrer Arbeit steht sie tagtäglich Opfern von sexualisierter Gewalt in Gesprächen, Prozessen und vor Gericht bei. Mir ihrem Kollektiv upright unterstützt sie außerdem Unternehmen dabei, Fälle sexueller Belästigung am Arbeitsplatz aufzuarbeiten und Strukturen zu etablieren, um diese in Zukunft zu verhindert.
Mit anderen Worten: Wenn eine Person die Lage auf dem Arbeitsmarkt einschätzen kann, dann ist es wohl Yara. Und wir haben sie eingeladen, um mit ihr in unserem Podcast Work Exposed über ein Tabu zu sprechen, dass Unternehmen sonst eigentlich am liebsten unter den Teppich kehren: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.
Strafrecht und Arbeitsrecht: Wo liegen die Unterschiede?
Wir wollen von Yara wissen: Wie wird sexuelle Belästigung per Gesetz definiert? Und schnell wird deutlich: Am Arbeitsplatz gelten sehr viel strengere Gesetze als im öffentlichen Raum. Im Strafrecht (§184n StGB) wird sexuelle Belästigung erst dann als solche anerkannt, wenn eine körperliche Berührung vorliegt, erläutert Yara. Das Arbeitsrecht erkennt hingegen schon sexuell konnotiertes Verhalten als Form der sexuellen Belästigung an. Selbst dann, wenn es verbal oder non-verbal ist: anzügliche Bemerkungen, aufdringliche Fragen zum Privat- oder Intimleben, starrende und unangenehme Blicke reichen aus, um Anzeige zu erstatten.
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist jedes sexualisierte Verhalten, das von der betroffenen Person nicht erwünscht ist. Dazu zählen nicht nur verbale und physische Belästigungen, wie sexualisierte Sprüche oder unerwünschte Berührungen, sondern auch nonverbale Formen wie anzügliche Blicke oder das Zeigen pornografischer Bilder.Definition der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
Yara ergänzt diese Definition um den Nachsatz, dass das Verhalten geeignet sein muss, die Würde des Menschen zu verletzen. Dann kommt die Definition dem Sinngehalt des Gesetzestextes sehr nah. Doch warum entscheiden sich nur 23 Prozent der Opfer, Beschwerde einzureichen und nur ein Prozent den Rechtsweg zu beschreiten, wollen wir wissen.
Laut Einschätzung der Expertin liegt das vor allem daran, dass viele Betroffene zunächst gar nicht erkennen, dass das, was sie erlebt haben, im rechtlichen Sinne bereits sexuelle Belästigung ist. Erst in Gesprächen oder durch Aufklärung wird ihnen klar, dass eine auch im rechtlichen Sinne eine Grenze überschritten wurde. Vielen fehlt das Wissen, ihre Situation zu reflektieren.
Wenn du die rechtlichen Grundlagen besser verstehen und mehr über konkrete Beispiele erfahren möchtest, hör dir unbedingt die ganze Folge mit Rechtsanwältin an.
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5 Fragen, die Du Dir stellen kannst, um besser einschätzen zu können: War das schon sexuelle Belästigung?
🤔 1. Was sagt Dein Bauchgefühl?
"Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, dann ist es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht richtig. (…) Der erste Punkt ist, dass ich akzeptiere: Für mich war das unangenehm. Ich muss das nicht kleinreden." – Yara Hofbauer
Gerade weil Belästigung oft subtil beginnt – mit Blicken, Kommentaren oder vermeintlichen Witzen – ist es entscheidend, dass Du Deinem Bauchgefühl vertraust. Es ist Dein stärkster Kompass, wenn es darum geht, Grenzen zu erkennen und ernst zu nehmen.
📝 2. Ist es für Dritte eindeutig, dass eine Grenze überschritten wurde?
"Je eindeutiger eine dritte Person nachvollziehen kann, warum das Erlebte problematisch war, desto schneller ist klar: das war objektiv betrachtet entwürdigend." – Yara Hofbauer
Oft hilft es, die Situation laut auszusprechen oder aufzuschreiben. Entscheidend ist dabei nicht nur, was passiert ist, sondern auch, wie es sich für Dich angefühlt hat. Anstatt zu notieren: „Er hat mir beim Vorbeigehen über den Rücken gestrichen“, kannst Du ergänzen: „…und ich habe mich dabei unwohl, beschämt und ausgeliefert gefühlt.“ Je konkreter und subjektiver Du beschreibst, desto leichter wird sichtbar: Hier wurde eine Grenze überschritten.
🔄 3. Wie oft ist die Belästigung vorgekommen?
Belästigung ist selten ein Einzelfall. Sie wiederholt sich – mit ähnlichen Sprüchen, Blicken, Situationen. „Je häufiger Vorfälle auftreten, desto eher ist klar: Das ist ein Muster. Und Muster sind keine Missverständnisse, sondern Machtspiele.“, sagt Yara dazu.
Aber: Auch ein einzelner Vorfall kann schon eine klare Grenzverletzung sein – und völlig ausreichen, damit Du Dich belästigt fühlst – Du allein entscheidest, wo Deine Grenze liegt. Wiederholungen machen das Muster nur offensichtlicher.
👀 4. Wie war der Kontext der Situation?
Eine Bemerkung im Vier-Augen-Gespräch ist schon unangenehm. Doch vor einer Gruppe hat dieselbe Bemerkung eine andere Wirkung – sie wird demütigend.
„Wenn jemand über Dich lacht oder einen sexistischen Witz macht und andere stimmen mit ein, dann hat das einen ganz anderen demütigenden Effekt.“Yara Hofbauer, Rechtsanwältin
Belästigung hängt nicht nur vom Inhalt ab, sondern auch von den Begleitumständen. Bedeutet: nicht nur die gesprochenen Worte sind am Ende entscheidend, sondern vor allem ihre Wirkung auf Dich – und die kann im Kontext einer Gruppendynamik besonders verletzend sein.
⚖️ 5. In welche Machtverhältnis stehst Du zu der belästigenden Person und über welche Ressourcen verfügst Du, um Dich aus der Situation zu befreien?
Wäre das auch passiert, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Diese Frage ist entscheidend. Menschen in unsicheren Positionen – Praktikant:innen, Berufseinsteiger:innen, Personen mit befristeten Verträgen oder in prekärer sozialer Lage – sind deutlich häufiger von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen. Denn sie haben weniger Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen, ohne negative Konsequenzen für ihre Karriere und damit im Zweifel auch ihre Existenzgrundlage befürchten zu müssen. Belästiger·innen nutzen diese Abhängigkeiten bewusst aus – und genau deshalb ist die Frage nach dem Machtgefälle zentral für die Einordnung.
„Wenn ich alleinerziehend bin und mein Aufenthaltstitel von dem Job abhängt, dann werde ich mir sehr viel mehr gefallen lassen.“Yara Hofbauer, Rechtsanwältin
📌 Fazit
Sexuelle Belästigung hat viele Gesichter – körperlich, verbal, nonverbal. Dein Bauchgefühl, die Begleitumstände und die Machtverhältnisse helfen Dir, die Situationen besser einzuordnen.
👉 In zwei Wochen geht es weiter: Dann sprechen wir mit Yara darüber, was Du tun kannst, wenn Du tatsächlich betroffen bist – welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt, wie Du dir Unterstützung holst und warum auch Zeug:innen eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, den Arbeitsplatz sicherer zu gestalten.
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🆘 Hier findest Du Hilfe:
Antidiskriminierungsstelle des Bundes
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
BFF – Frauen gegen Gewalt e. V.
Hilfe-Portal sexueller Missbrauch
upright – wenn ihr Fragen an Yaras Kollektiv habt
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