Wo Nachhaltigkeit (be)greifbar wird
Renate Bergmair, Jahrgang 1968, ist auf dem Weckerhof in Steindorf aufgewachsen. Ihr beruflicher und privater Werdegang wurde durch ihre Verbindung zur Natur geprägt: Als Hauswirtschaftsmeisterin versorgte sie den landwirtschaftlichen Betrieb, den sie gemeinsam mit ihrem Mann zu einem großen Agrar- und Landhandel weiterentwickelte. Im Jahr 1999 übernahm sie den elterlichen, landwirtschaftlichen Betrieb. 2009 ließ sie sich zur Fachkraft im Rechnungswesen ausbilden. Mit diesen Kenntnissen leitete sie die Finanzbuchhaltung des eigenen Handelsunternehmens. 2011 wurde der Bullenstall mit Rinderaufzucht aufgegeben und eine Getreidehalle gebaut. Seitdem ist die eigene Landwirtschaft ein reiner Ackerbaubetrieb, der im Vollerwerb bewirtschaftet wird. In ihrer Kreativ-Werkstatt vermittelt sie nicht nur das Arbeiten mit Naturmaterialien, sondern auch greifbare Bezüge zu Natur und Umwelt.
Meine Leidenschaft kreativ zu sein. Die stete und intensive Entwicklung im Torgauer Landhandel, die ich stets mit meinem Mann gemeinsam getragen habe, brachte mich dazu, dass ich mich 2009 zur Fachkraft in Rechnungswesen ausbilden ließ. Mit dem Großwerden der drei Kinder fand ich meine Liebe zu den Pflanzen wieder und begann damit Dekorationen zu gestalten und in der Küche zu experimentieren: Basilikumpesto, Quittenchutney, Holunder- und Aroniasirup, unterschiedlichste Marmelade, Pizza aus dem Holzbackofen sowie die Kunst des Brotbackens. Meine Experimentierfreudigkeit führte dazu, dass meine Phantasie, meine Ideen und deren Umsetzung immer mehr geweckt wurden und ich unterschiedliche Kreativkurse besuchte. So entstand die Idee einer eigenen Kreativwerkstatt. Gerne möchte ich meinen Erfahrungsschatz weitergeben. Ich sehe große Chancen, die Menschen in ihren kreativen Prozessen zu erreichen. Außerdem möchte ich einen Teil dazu beitragen, um die Menschen in ihrem Selbstwert und Glücklichsein zu unterstützen. Das Gestalten mit Pflanzen sowie mit Zweigen, Zapfen, Getreide, Obst aus dem eigenen Garten und Wald verbindet letztlich nicht nur mich, sondern auch viele andere Menschen mit der Natur.
Hauptsächlich arbeite ich mit Naturmaterialen wie Ton, Filz, Hackschnitzel und allem, was im Wald, Garten und auf dem Feld wächst. Es macht mir besondere Freude auch das zu verwenden, was bei der Ernte ansonsten überbleibt, ganz nach dem Motto „from root to leaf“! Dies lässt sich auch bei Obst oder Getreide gut umsetzen: die Früchte kann man in der Küche verfeinern und mit den restlichen Pflanzenbestandteilen kreativ werden, zum Beispiel Apfelschalen trocknen und als Deko verwenden, die Verwendung von Quittenmus als Restprodukt vom Quittensaft wird dann zu Quittenbrot verarbeitet. Außerdem interessierte ich mich sehr für Gewürze. Ich baute sie an und fand meine Freude im Herstellen von Leckereien wie Basilikum- Pesto, Quitten-Chutney, Holunder- und Aronia- Sirup, unterschiedlichste Marmelade, Pizza aus dem Holzbackofen sowie die Kunst des Brotbackens.
Kreative Prozesse dienen zum Wohle und Selbstzufriedenheit jedes Einzelnen. Am liebsten arbeite ich mit Produkten und genannten Materialien, die in der Natur zu finden sind. Diese verwende ich dann zur Gestaltung von Dekorationen. Außerdem experimentiere ich mit all den Dingen, die es im Garten zu genießen gibt. Der Bezug zu den Jahreszeiten und dem, was einem die Natur gibt, erfüllt mich. Kreativ unterwegs zu sein bedeutet, dass mir auch immer wieder neue Dinge einfallen. Schon das Kneten der Filz-Wolle und der ständige Kontakt zu Wasser, die Berührung mit den Materialien sind Balsam für die Seele. Aber auch das Basteln mit Moos, Zapfen, Blumen, Kräutern, Obst – all das weckt unsere Sinne.
Es bedeutet, sich von der einseitigen Konzentration zu regenerieren und zugleich etwas über das Hervorbringen der Dinge zu erfahren. Der Trend zu haptischen Themen ist vermutlich ein Reflex auf die Digitalisierung, die unseren Lebens- und Arbeitsalltag prägt. Seit Corona ist die Konsumhaltung verändert und die Menschen achten wieder mehr auf regionale und nachhaltige Angebote. Kreativität kommt im Alltag häufig zu kurz, deshalb macht es den Menschen Freude etwas mit den eigenen Händen zu herzustellen. Gleichzeitig erlebe ich auch, dass sich die Menschen danach sehnen in der Gemeinschaft etwas zusammen zu gestalten.
Bereits Säuglinge nehmen die Dinge in den Mund, um sie zu begreifen. Haptik bedeutet, die Welt zu begreifen und ist für uns evolutionsbedingt überlebensnotwendig.
… dass ich etwas entstehen lasse und nicht einfach in meiner Vorstellung machen kann. Es ist der Prozess des Gestaltens und nicht das Endprodukt.
Die Kurse für Gruppen bestehend aus Menschen mit Mobilitätseinschränkungen können im Gesundhaus stattfinden, da hier die entsprechende Infrastruktur gegeben ist. Für die Kreativwerkstatt für Kurse wie töpfern, filzen, basteln mit Naturmaterialien haben wir zudem 2020 zwei Garagen (in einem Gebäude auf dem Hof) zu einem Kreativ- Raum umgebaut. Das Gebäude wurde 1954 gebaut und immer wieder renoviert. Es gibt aber auch ein Gartenhaus für Kindergeburtstage: Es entstand im Jahre 2017. Hier wurde ein Holzbackofen angebaut. All das macht die Infrastruktur für die soziale Landwirtschaft aus. Die meisten Bereiche auf dem Hof sind leicht zugänglich. Mein größter Wunsch ist es, für Menschen einen Raum zum Entspannen, Wohlfühlen und Kreativsein zu schaffen. Außerdem biete ich individuelle Kurse als Geburtstagsfeier, Junggesellinnen-Abschiede, Familienausflüge oder für Organisationen wie den nahegelegenen Familienstützpunkt.
Momentan werden vor allem Produkte aus Filz sowie die dazugehörigen Kurse nachgefragt. Große Beliebtheit fand das Binden von Kränzen mit Filzmaterial angepasst an die Jahreszeiten mit Zapfen, Gräsern, Trockenblumen oder frischen Zwiebeln von Schneeglöckchen. Es gibt Filz, der in verschiedenen Farben gefärbt ist, in unterschiedlicher Stärke. Immer wieder bin ich überrascht, wie vielfältig jeder Kranz individuell ausfällt. Die Jahreszeiten tragen unter anderem dazu bei, die bunte Vielfalt der Naturmaterialien (z.B. Stroh, Heu, Körner) aus der heimischen Landwirtschaft zu entdecken. Beliebt sind aber auch meine Produkte aus Hackschnitzel, die neu im Sortiment sind. Die Hackschnitzel beziehe ich aus einem Holzbetrieb im Nachbardorf, die naturbelassen eingefärbt werden. Durch die unterschiedlichen Farben bieten sich einzigartige Kreationen: zum Beispiel Herzen, Schalen, Sterne und Tannenbäume für den Winter und vieles mehr. Auch hier werden bereits Kurse angeboten.
In diesem Segment tätig zu sein, bereitet mir große Freude. Meine Vorstellungen von Ernährungskultur, Genuss, Freude und Qualität kann ich hier sehr gut umsetzen. All unsere Produkte haben zudem einen eigenen Charakter und sind mit unserer Region verbunden. Neben Dekoartikeln verkaufen wir auch selbst veredelte Lebensmittel wie Senfnudeln, Senföl, Quitten Cranberry Chutney oder Senf-Salz-Mühlen als „i-Tüpferl“ Produkte.
Ich freue mich, dass unsere Kinder Interesse an unseren Betrieben haben, und so ist es für mich an der Zeit, mich aus der Landwirtschaft und dem Landhandel zurückzuziehen. Ein großer Traum ist gerade in Entwicklung: der Bau eines Cafés, in dem ich meine Werke aus der Kreativwerkstatt sowie meine erprobten Kreationen in der Küche anbiete.

