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Big Data im Profi-Fußball: Wie der HSV sein Training revolutioniert

© Martin Carrera / EyeEm

Big Data erobert den Fußball: Statistiken, Datenbanken, Diagramme, Hightech und Innovation haben die Profiklubs längst erreicht – auch den Hamburger SV. Im XING Interview spricht HSV-Datenanalyst Pierre Houben (33) über Trainingsanalysen in Echtzeit, gläserne Fußballprofis, GPS-Tracking auf dem Rasen und erklärt, wie im Hamburger Volkspark aus Big Data Smart Data wird.

XING: Herr Houben, Datenanalyse und Fußball – wie passen diese beiden Welten zusammen?

Pierre Houben: Sie passen sehr gut zusammen. Im Grunde genommen ist jeder von uns ein Datenanalyst. Täglich sammeln wir Daten, analysieren diese und treffen daraufhin Entscheidungen. Der Prozessor ist unser Gehirn. Beim HSV erfassen wir die Leistungsdaten unserer Spieler aus Trainingseinheiten und Spielen anhand moderner Trackingsysteme, um daraus Schlussfolgerungen auf deren Leistungsfähigkeit abzuleiten.

Welche Daten werden beim HSV erfasst?

Houben: Mit unserer Analyse bilden wir den kompletten Bereich der Herzfrequenz, die zurückgelegte Distanz inklusive der Geschwindigkeiten, Richtungswechsel und vertikale Parameter ab. Zudem werden auch kleine Bewegungen, die wir als Impulse bezeichnen, erfasst. Gleichzeitig analysieren wir den taktischen Bereich, also das Verhalten in den Koordinaten. Hierfür ist allerdings eine andere Abteilung zuständig, mit der wir uns im ständigen Austausch befinden.

Wie ermitteln Sie die Leistungsdaten der Profis?

Houben: Unsere Spieler werden mit speziellen Westen ausgestattet, die einen Sensor für das GPS-System und einen Beschleunigungsmesser enthalten. Zusätzlich tragen die Profis einen Herzfrequenzgurt. Da sich die Torhüter physisch anders verhalten und horizontale Bewegungen vollziehen müssen, kommt bei der Datenerfassung auch das integrierte Gyroskop zum Einsatz.

Warum werden die Daten der Spieler erfasst?

Houben: Wir nutzen die gesammelten Parameter, um Regeneration und Heilung zu optimieren und Belastungen anzupassen. Die Hoffnung ist, Schnelligkeit, Koordination, Beweglichkeit, Ausdauer und Gesundheit unserer Spieler zu verbessern. Belastungen werden dadurch unmittelbarer gesteuert und das Training größtenteils individuell dosiert. Bei Verletzungen sollen die gewonnenen Fakten helfen, über die Einsatzfähigkeit zu entscheiden. Es geht aber nicht darum, alles auf den Kopf zu stellen, sondern um Feinjustierungen im Nachkommastellenbereich. Hierbei ist besonders wichtig, dass man eine ausführliche Datenbank aufbaut und pflegt, um die gesammelten Werte mit einer Referenzmenge vergleichen zu können.

Wie hat sich die Datenanalyse in den vergangenen Jahren im Profisport entwickelt?

Houben: Die Entwicklung ist natürlich enorm. In der Ursprungsform wurde mit Session RPEs (Rate of Perceived Exertion) gearbeitet. Bei dieser Analyseform wurden Spieler nach dem Training befragt, wie sie die Intensität einer Einheit empfunden haben. Inzwischen sammeln wir während jeder Trainingseinheit zusätzlich 241 Variablen pro Spieler. Diese Datenflut muss dann entsprechend heruntergebrochen werden, um an die relevanten Informationen zu gelangen.

241 Datenpunkte pro Spieler und Einheit: Wie wird aus Big Data beim HSV Smart Data?

Houben: Aktuell habe ich mein Auswertungs-Setup mit selbst programmierten Excel-Tabellen aufgestellt. Dadurch kann ich einen schnellen Output der relevanten Daten sicherstellen. In der IT-Abteilung werden die Daten zudem in unser Sportportal eingearbeitet, damit aus Big Data auch Smart Data entsteht.

© Privat
Pierre Houben soll als neuer Analyst das Team bei der Auswertung von Spiel- und Trainingsdaten unterstützen.

Wie bereiten Sie die Daten für das Trainerteam auf?

Houben: Die graphische Auswertung ist einer der spannendsten Punkte für mich. Egal, wie sauber man am Ende rechnet oder wie signifikant sich Daten verändert haben: Es macht einen großen Unterschied, ob ich Veränderungen in rot oder gelb darstelle. Zudem besteht die größte Herausforderung darin, komplexe Daten so simpel wie möglich auf wenigen Charts darzustellen. Das ist am Ende die Kunst.

Wie muss man sich einen typischen Tagesablauf als Datenanalyst beim HSV vorstellen?

Houben: Der besteht in erster Linie aus einem regen Austausch mit den Trainerteams. Wir treffen uns rechtzeitig vor jeder Einheit und sprechen über die Auswertung vom Vortag. Gab es Auffälligkeiten bei einzelnen Spielern? Wie sieht die Belastung der Rekonvaleszenten aus? Welche Information ist wichtig für den Cheftrainer? Die Spieler müssen dann mit der Technik für das tägliche Training ausgestattet werden, um nach der Einheit die gesammelten Daten in die Datenbank einpflegen zu können. Danach findet ein erneuter Austausch mit den Trainerteams statt, um die objektiven Daten mit den subjektiven Trainingseindrücken unserer erfahrenen Experten zu kombinieren.

Die menschliche Komponente ist trotz der Datenmenge nicht wegzudenken?

Houben: Sie ist und bleibt das wichtigste Kriterium in der Analyse eines Spielers. Durch die Objektivität der Daten lassen sich die Kleinigkeiten finden, die am Ende einen Effekt auf die Leistung oder Gesundheit eines Spielers haben können. Es geht nicht darum, mit einem technischen Setup alles umzuwerfen, sondern eine weitere Entscheidungshilfe zu stellen. Erfahrungsschatz, Intuition und Menschenkenntnis sind am Ende die wichtigsten Faktoren für die Trainings- und Belastungssteuerung.

Sie würden daher von einem rein datenbasierten Training abraten?

Houben: Das wäre der komplett falsche Ansatz. Mit unserem Gehirn haben wir den besten Prozessor im Kopf. Mit den gesammelten Daten wird nur der objektive Blickwinkel gestärkt. Die jahrelange Erfahrung eines Trainers ist durch einen Datensatz nicht zu ersetzen.

Welche Auswirkungen hat die ständige Überwachung auf die Spieler?

Houben: Die wichtigste Frage ist hierbei, was und wie viel von den gesammelten Daten kommuniziert wird. Nur, weil beispielsweise ein Spieler im Vergleich weniger läuft, hat er nicht automatisch schlechter trainiert oder gespielt. Die Läufe müssen ja auch zielgerichtet sein. Würden wir alle Daten ungefiltert veröffentlichen, würde in jedem Training ein Wettkampf stattfinden, wer beispielsweise am Ende die meisten Sprints angezogen hat. Es geht uns nicht um eine Überwachung der Profis, sondern darum, den körperlichen Zustand der Spieler genau zu analysieren, damit Gesundheit und Leistungsfähigkeit erhöht werden können.

Auf welche Prozesse haben Ihre Datenanalysen bereits einen Einfluss?

Houben: Vor allem im Reha-Training haben wir vermehrt die Ergebnisse genutzt, um die Belastung der Spieler zu protokollieren und zu steuern. Es ist zum Beispiel wichtig zu sehen, ob der Spieler im Reha-Prozess bereits an die Maximalbelastung herangeführt wurde.

Wie sehen die Zukunftsperspektiven als Datenanalyst im Profisport aus?

Houben: In meinen Augen birgt Big Data im Sport auch eine gewisse Gefahr. Man darf nicht den Fehler machen und darin das Allheilmittel für das perfekte Training oder die siegreiche Taktik sehen. Ich glaube aber auch, dass in absehbarer Zukunft jedes Profiteam auf einen Datenanalysten setzen wird. Als zusätzliche Entscheidungshilfe oder Leistungsbewertung sind objektive Daten unersetzlich.

Von welcher Sportart kann sich der Fußball im Bereich Datenanalyse noch etwas abgucken?

Houben: Ganz klar vom Rugby. In Australien gehört die Datenanalyse zur Grundausstattung in jedem Profiklub. Die Athletikteams sind sehr gut geschult, haben umfangreiche Monitoringsysteme und die dazugehörige Personaldecke. Es lohnt sich immer, einen Blick über den Tellerrand zu werfen.

Welche Learnings konnten Sie beim HSV bislang für sich persönlich ableiten?

Houben: Ich bin sehr dankbar dafür, dass man mir im Klub die Zeit gibt, in Ruhe etwas aufzubauen. Die Systeme sind sehr aufwendig, weshalb meist schnelle Ergebnisse erwartet werden. Ich habe allerdings gelernt, dass man den Daten Zeit geben muss. Und:

Wenn die Kommunikation innerhalb der unterschiedlichen Abteilungen stimmt, kann man einen richtig großen Nutzen aus den Daten ziehen.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für die Datenanalyse?

Houben: Ich habe mich als Sportwissenschaftler bereits im Studium sehr für diesen Bereich interessiert und es als total spannend empfunden, wie man den digitalen Datenpunkt physisch zu verstehen und interpretieren hat. Über Weiterbildung und Seminare habe ich mir ein Fachwissen aneignen können, das mich nach Stationen im Basketball und Eishockey nun zum Fußball gebracht hat.

Warum ist die Datenanalyse für Sie der Traumjob?

Houben: Ich erlebe die gesamte Dynamik des Teamsportsund habe gleichzeitig auch meine ruhigen Momente, wenn ich mich konzentriert mit den Rohdaten befasse. Die Kombination aus beiden Welten, gepaart mit dem Zusammenspiel von Zahlen und Visualisierung, begeistern mich.

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