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Was Familienbetriebe von New Work lernen können – Interview mit Dr. Joana Breidenbach

©Foto: betterplace lab

Familienbetriebe sind nach wie vor eine der wichtigen Säulen der deutschen Wirtschaft. Doch angesichts von Digitalisierung und Wertewandel tun sich sehr viele dieser Unternehmen schwer, vor allem mit der Übernahme durch die nächste Generation. Im Interview mit XING spricht New-Work-Expertin Joana Breidenbach über diese Probleme – und die Wettbewerbsvorteile, die familiär geführte Betriebe in diesen Zeiten (eigentlich) haben.

XING: Joana, viele Familienbetriebe haben Nachfolgesorgen, der Generationswechsel gelingt längst nicht immer. Warum ist das so?

Joana Breidenbach: Da kommen zwei Bereiche zusammen, die schon für sich alleine potentiell spannungsvoll sind: Familien und Unternehmen.

In meinem Bücherschrank steht ein autobiographisches Buch des britischen Komikers John Cleese mit dem Titel „Families, and how to survive them“ (dt.: „Familien, und wie man sie überlebt“). Familien sind komplexe Gebilde, voller tiefer psychologischer und wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Die Beziehungen sind oft existentiell: Kinder lernen sich selbst und die Welt dadurch kennen, dass sie von ihren Eltern angemessen in ihrer Gefühlswelt gespiegelt werden. Doch viele Familiensysteme sind dazu nicht in der Lage, mit der Folge, dass wir als Erwachsene unklar und unsicher sind. Unternehmertum erfordert jedoch Klarheit und Vertrauen.

Wenn dann unausgesprochene Spannungen, schräge Kommunikationsmuster und wirtschaftliche Abhängigkeiten im Unternehmensumfeld aufeinandertreffen, kann das lähmend oder explosiv sein. Unternehmen brauchen reife Menschen, die fähig sind offen miteinander zu kommunizieren und sich selbst zu reflektieren. Das ist für sich genommen schon nicht einfach. Im Unternehmen steigern sich die Schwierigkeiten oft exponentiell. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Übergabe von einer Generation an die nächste nicht gelingt.

Familienunternehmen gelten besonders durch die Digitalisierung gefährdet. Warum?

Joana Breidenbach: Ein Grundpfeiler vieler Familienunternehmen ist Tradition und Kontinuität. Doch im Wandel vom national-industriellen Zeitalter zum global-digitalen erleben wir schnelle, abrupte Veränderungen. Herkömmliche Märkte, Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodelle und Arbeitsformen verändern sich radikal. Hierarchische Organisationsformen, die in der Welt des 20. Jahrhunderts adäquat waren, sind es im 21. Jahrhundert nicht mehr: Sie sind zu starr für die viel flexiblere, flüssigere, schnellere digitale Welt.

Dieses neue Umfeld erfordert mutige Entscheidungen, die ggf. mit der Tradition brechen. Die sind für Neugründer und junge Unternehmen oft einfacher zu realisieren als für Firmen, die stark in der Vergangenheit verwurzelt sind. Aber dies ist kein Automatismus. Genauso wäre es möglich, dass Familienunternehmen eine starke Basis und Identität bieten und deshalb gerade Freiräume für Innovationen bieten.

Du bist ausgewiesene New-Work-Expertin, mit großen Erfahrungen in neuen Formen von Zusammenarbeit und Führung. Gibt es etwas aus diesem neuen „Werkzeugkasten“, dass gerade Familienbetrieben in Zeiten des Übergangs helfen kann?

Joana Breidenbach: Ich glaube, ja. Im Zuge von New Work werden äußere Strukturen – feste Hierarchien und Rollenbeschreibungen – reduziert. Dadurch gewinnen Menschen zwar ganz neue Freiheiten, aber viele können die nicht nutzen, weil sie sich plötzlich unsicher fühlen. Die äußeren Strukturen haben ihnen ja viel Orientierung und Sicherheit gegeben. Jeder Mensch braucht ein gutes Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Zugehörigkeit auf der einen Seite, und Wandel und Kreativität auf der anderen. Deshalb habe ich gelernt, dass es wichtig ist, Sicherheit in sich selbst zu finden. Je unsicherer unsere Außenwelt ist, desto wichtiger ist es, Orientierung und Klarheit im eigenen Inneren zu finden. Das ist ein Prozess der psychologischen Reifung.

New Work lädt Chefs und Mitarbeiter dazu ein, als Menschen zu wachsen. Damit neue flexible Führungsformen gelingen, müssen wir neue Kompetenzen erwerben. Dazu gehören Fähigkeiten wie Selbstreflexion (weiß ich, wer ich bin, was mir wichtig ist, was ich brauche?), Empathie und transparente Kommunikation (kann ich andere wirklich wahrnehmen und offen und klar mit ihnen sprechen? Bin ich beziehungs- und konfliktfähig?). Vor allem müssen wir lernen, unsere Gefühle besser zu kennen und ihre Bedeutung für die Zusammenarbeit und Konfliktsituationen zu verstehen. Viele vermeintliche Sachkonflikte - in Familien ebenso wie in Unternehmen - sind ja eigentlich eher auf der menschlich-emotionalen Ebene angesiedelt. Wenn Familienunternehmen präziser zwischen der Sach- und Beziehungsebene unterscheiden könnten, wäre das ein Riesensprung,

So ein Lernprozess ist evolutionsgeschichtlich absolut nichts Neues. Mit jeder großen technologischen Transformation mussten unsere Vorfahren ein neues Kompetenzset erwerben. Im Übergang von Jägern und Sammlern zu Ackerbauen wurde es viel wichtiger zu kooperieren, in längeren Zeitzyklen zu denken etc.

Wenn Familienunternehmen sich dieser Dynamiken bewusstwerden und die Veränderungen aktiv gestalten, könnten sie einen echten Wettbewerbsvorteil haben. Denn sie bieten potentiell ja eine stabile Basis für Veränderung und Innovation.

Zudem sehe ich einen echten Wettbewerbsvorteil für Familienunternehmen darin, dass sie von ihrer Besitzerstruktur her eher in der Lage sind, neben dem rein wirtschaftlichen Profit noch andere Ziele zu verfolgen. Da sie nicht dem Druck ihrer Shareholder ausgesetzt sind, können sie Profit PLUS ökologische Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Inklusion und Mitarbeiterwachstum verfolgen. Ich bin davon überzeugt, dass holistischere Unternehmen zukunftsfähiger sind. Schon alleine, weil neue Generationen darauf Wert legen.

Was sind denn ansonsten Deine Empfehlungen, damit der Wechsel von einer Generation auf die andere gelingt?

Joana Breidenbach: Vieles hat mit Haltung zu tun. Es ist wichtig, dass die neue Führung sowohl Respekt für das Erreichte und Vergangene zeigt als auch sich ihrer eigenen Motivation klar wird. Was bewegt mich, was möchte ich erreichen, was sind meine Werte und Ziele? Eine respektvolle Verneigung vor der Vergangenheit und die Verbindung mit der eigenen „Purpose“ kann ein tolles Scharnier zwischen den Generationen sein. Aus dieser Klärung heraus kann ein eigener kohärenter Stil entstehen, der auch den Mitarbeitern Orientierung gibt.

Maßgeblich für einen erfolgreichen Generationenwechsel ist zudem die Fähigkeit, sich die Veränderungen auf der Prozessebene anzusehen. Also zu verstehen, welche Dynamiken, Glaubenssätze, Machtverhältnisse das Unternehmen prägen. Es ist sehr hilfreich, wenn die neue Generation dieses meist unbewusste Wissen explizit machen kann und dann auch offen ansprechen kann. Erst dann können Sachen verändert werden.

Nicht immer, aber oft sind es die Alten, die zu lange an ihrem Posten festhalten. Wie können alle Beteiligten gemeinsam dieses Problem lösen?

Joana Breidenbach: Ich habe diesen Prozess selbst durchlebt, als ich mich als Chefin vom betterplace lab verabschiedete und als „Godmother“ (so der Titel auf meiner Visitenkarte) in den Aufsichtsrat wechselte. Der Wechsel fiel mir leicht, weil ich mich vom Team nach wie vor sehr wertgeschätzt fühlte. Ich konnte loslassen, weil ich das Vertrauen hatte, dass die nächste Generation es zwar anders, aber schon gut machen würde. Ganz wichtig ist es aber auch, dass die Abtretenden sich nicht nur über den Beruf und die Identität als Firmenchefs definieren. Wenn man nichts anderes hat, was einem im Leben „zieht“ und begeistert, wird man nur schwer loslassen können.

Und die andere Seite des Problems ist, dass auch Kinder immer öfter – laut Statistiken zu fast 50 Prozent – gegen eine Übernahme entscheiden. Kann oder sollte man etwas dagegen tun?

Joana Breidenbach: In dem Maße, in dem unsere Gesellschaften sich ausdifferenzieren und die Wahlmöglichkeiten exponentiell wachsen, werden auch unsere Arbeitsbiographien individualisierter. Für immer mehr Menschen ist es wichtig sich mit der eigenen Motivation – neudeutsch: Purpose – zu verbinden. Sie fragen sich: was ist mein unverwechselbarer Beitrag zur Welt? In manchen Fällen wird der im Familienunternehmen befriedigt werden können, in anderen nicht.

Ich mache mir um den Fortbestand von Familienunternehmen wenig Sorgen. Wie jeder Mensch, so oszilliert auch die Gesellschaft zwischen den Polen Sicherheit/Tradition und Innovation/Wandel. Auch Familienunternehmen werden sich wandeln und könnten bald schon wieder zur Avantgarde gehören. Dann nämlich, wenn sie freier und flexibler als börsennotierte Unternehmen agieren und nicht nur Profit, sondern Menschen und das gesellschaftliche Wohl ins Zentrum stellen.

Event-Info: Joana Breidenbach ist eine der viele hochrangigen Speaker der XING New Work Sessions „Innovationskultur“, die am 4. Juni in Kooperation mit der OstWestfalenLippe GmbH und weiteren Partnern aus der Region veranstaltet werden. Bei dem Event in Bielefeld stehen neue Arbeitszeitmodelle, innovative Formen der Zusammenarbeit und frische Ideen für eine motivierende Arbeitskultur im Mittelpunkt. Mehr Informationen und Tickets finden Sie unter diesem Link.

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Alles zur Zukunft der Arbeit: Auf dieser News-Seite finden alle New Work-Interessierten multimedialen Content rund um das Thema. Neben Experten-Interviews, Debatten, Studien, Tipps und Best Practices, erwarten die Leser auch Video- und Podcastformate. Und natürlich ein Überblick unserer gesamten New Work Events, die mehrmals im Jahr im gesamten deutschsprachigen Raum stattfinden. Weitere spannende Inhalte zum Thema New Work finden Sie auf: nwx.xing.com Anfragen gerne an: lisa.noelting@xing.com
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