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Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

für Karriere, Bewerbung und Führung

Meinung: „Das Anschreiben abzuschaffen ist populär, aber dumm.“

Der Tod des Bewerbungsschreibens wurde lange herbeigesehnt. Die Deutsche Bahn hat es nun für ihre Ausbildungsplätze beerdigt. Ein populärer Schachzug, als Trend im Arbeitsmarkt jedoch kurzsichtig und dumm. 

„Die Deutsche Bahn schafft das Anschreiben ab.“ Eine Meldung, die am 25. Juni wie ein Lauffeuer durch die deutsche Presselandschaft ging. Mich rief an diesem Vormittag die Süddeutsche Zeitung an und am Nachmittag war das Interview online. Seitdem wurde viel diskutiert, schließlich ist es eine Botschaft, die von der breiten Masse der vom nervigen Anschreiben traumatisierten Angestellten lauten Applaus erntet und damit ein garantierter Like-Fänger im Netz ist. „Schafft endlich das Anschreiben ab!“ ist einfach maximal populär.

Leider geht die Diskussion in vielen Fällen über ein plattes „Weg damit!“ nicht hinaus und es wird oftmals auch übersehen, dass die Deutsche Bahn dies aktuell nur für die Auswahl ihrer Auszubildenden beschlossen hat. Eine vergleichsweise kleine Gruppe von Bewerbern, bei der Arbeitgeber  – wie auch bei Stellen für Praktika – aus meiner Sicht leicht auf ein Anschreiben als Dokument neben dem in diesem Lebensabschnitt übersichtlichen und meist selbsterklärenden Lebenslauf verzichten können. 

Es ist jedoch falsch und meiner Meinung nach sowohl aus Arbeitgeber- als auch aus Bewerbersicht dumm, aus dieser Meldung ein allgemeines "Das Anschreiben hat ausgedient!" zu machen. 

"Weg mit dem Anschreiben" ist Abbild gestriger Karrieredenke

Wer heute pauschal und alternativlos die Abschaffung des Anschreibens für alle Positionen fordert, der scheint noch fest in gestriger Karriere-Denke zu stecken. Einer Sicht auf Lebenslaufkarrieren, die sich als tiefroter Faden im geradlinig und logisch tabellarischen Werdegang eines Arbeitnehmers widerspiegelt. 

Dem Glauben, man könne offene Stellen kosteneffizient automatisiert mit Kandidaten besetzen, die ihre schnurgeraden Lebensläufe mit genau solchen Keywords gespickt haben, wie sie sie in den mit nichtssagenden Worthülsen wohlklingenden Stellenausschreibungen heute vorfinden. Eine schnelle und damit ungenaue Entscheidung zwischen passt und passt nicht. Ein Trend, der in den letzten Jahren seine Auswüchse im sogenannten „Robot Recruiting“  gefunden hat und an kurzsichtiger Eindimensionalität im komplexen Arbeitsmarkt mit vielzitiertem Fachkräftemangel kaum zu übertreffen ist.

Was ist schließlich mit den vielen hochqualifizierten und stark generalistisch ausgerichteten Bewerbern, die heute im Zuge einer beruflichen Umorientierung den Quereinstieg oder gezielt einen Branchenwechsel suchen? "Generalisten verzweifelt auf Jobsuche" habe ich kürzlich einen Beitrag hier betitelt und eine enorme Welle der Zustimmung erfahren. Welche Chancen haben sogenannte Downshifter, die bewusst einen Schritt auf der Karriereleiter zurückgehen möchten, um wieder mehr Freude und Motivation in ihrem Beruf zu spüren? 

Die Zahl der Jobwechsler mit von Außen betrachtet krummen und bunten Lebensläufen nimmt zu – und das ist gut so, denn dies steht für gesellschaftliche Öffnung sowie Freiheit bei der persönlichen Gestaltung des eigenen Berufs- und Lebensweges.

Gleichzeitig ist auf den Karriereseiten vieler Arbeitgeber die Rede von Mosaikkarrieren, familiengerechten Tandem-Jobs und agil neuem Arbeiten zwischen temporären Führungs-, Projekt- und Fachkarrieren. Ich frage mich, was soll das alles, wenn am Ende all jene Bewerber keine Chance auf solche Jobs haben, deren Lebenslauf anders als gewöhnlich und erwartet ist? Von „New Work" und  „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“-Parolen bleibt so nichts weiter übrig als eine schöne Scheinwelt für das glänzende Employer Branding.

Wer als Arbeitgeber jedoch echtes Interesse hat, neue Karrieremodelle und zukunftsweisende Arbeitsformen wirklich zu leben – und für Jobwechsler erlebbar zu machen, der darf Bewerber in dieser frühen Phase des Auswahlprozesses nicht auf ihr Fach- und Erfahrungswissen der Vergangenheit, ihre Schulnoten sowie auf selbst verfasste Arbeitszeugnisse reduzieren. 

In neuen Arbeitswelten, in denen Agilität, Flexibilität, Kooperation, Kreativität und Mindset immer mehr gefragt sein werden, wird es immer weniger auf Spezialistentum und tiefe Fachkenntnisse ankommen, sondern mehr auf die Persönlichkeit eines Menschen mit seinen individuellen Talenten, Erfahrungen, Kompetenzen und Stärken.

Wer diese Aspekte, die sämtlich aus den heute vorherrschenden Lebenslauf-Formaten nicht ersichtlich sind, bei der Auswahlentscheidung für Bewerbungsgespräche ignoriert, der verlagert nicht nur Recruitingkosten von der Erstauswahl auf (unnötige) Gespräche, sondern der läuft vor allem Gefahr, die vielen Talente mit vermeintlich unpassenden Lebensläufen im großen Stil zu übersehen.

Arbeitgeber und Bewerber tun sich beide keinen Gefallen

Vielleicht können es sich die insbesondere bei Absolventen noch beliebten großen Arbeitgebermarken leisten, doch die Masse der unbekannten Mittelständler und Arbeitgeber in unattraktiven Regionen, die seit Jahren mangelnde Quantität und Qualität von Bewerbungen bejammern und nun mit auf den populären „Wir schaffen das Anschreiben ab“-Zug aufspringen, werden sich damit im Wettbewerb um gute Talente keinen Gefallen tun und am Ende entweder einen Anstieg ihrer Recruitingkosten verzeichnen oder die Fluktuationsquote infolge von Fehleinstellungen erhöhen. 

Ebenso können auch solche Bewerber, die heute noch genervt die Abschaffung des Anschreibens bejubeln, selbst in Zukunft in eine berufliche Veränderungssituation kommen, in der sie glücklich sind, nicht nur auf ihren Lebenslauf und alte Zeugnisse reduziert zu werden. Wer heute als Angestellter die ersatzlose Abschaffung des Anschreibens herbeisehnt, der wird in Zukunft noch mehr Bewerbungen verschicken und noch mehr Gespräche führen müssen, bis es wirklich passt.

Arbeitgeber sollten nicht das Anschreiben als Standard abschaffen, sondern mehr Vielfalt erlauben und Kreativität fördern

Ja, ganz sicher ist das Anschreiben in seiner heute von Bewerbern gelernten Form nicht mehr zeitgemäß. Weil es voller Worthülsen steckt, in geschwurbelter Sprache Inhalte maximal weichgespült zwischen den Zeilen transportiert und am Ende jeder Bewerber sein Profil mit Teamfähigkeit und Belastbarkeit abrundet. Ja, solche Anschreiben bieten keinen Mehrwert und sind Zeitverschwendung! Ich verstehe jeden Recruiter gut, der es satt geworden ist, diesen Einheitsbrei vorgesetzt zu bekommen. Doch wer sagt, dass Anschreiben immer eine Last und derart inhaltsleer sein müssen? 

Meine Erfahrungen aus der Arbeit mit Bewerbern sind eindeutig: Mehr Klarheit im Anschreiben und ein persönliches Profil mit Ecken und Kanten führen heute unmittelbar zu höheren Einladungsquoten und entspannteren Gesprächen. Viele meiner Klienten entwickeln sogar Freude daran, ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber mit dem Anschreiben mehr über sich und ihre Ideen für die Zukunft mitzuteilen. Vielleicht bekommen Sie mit meinem (überspitzt) ehrlichen Anschreiben eine Idee davon, in welche Richtung aus meiner Sicht die Reise gehen sollte. 

Ich wünsche mir darüber hinaus mehr Denken in Alternativen, statt einfach nur ein „Weg mit dem Anschreiben!“ zu fordern. Vielleicht ist es in Zukunft nicht mehr nur das ehrlich klare Anschreiben, das einen sinnvollen Mehrwert zu einem Lebenslauf bietet. "Diversity" bedeutet auch mehr Vielfalt bei der Art der Bewerbung: Wer gut vor der Kamera wirkt, der sollte ein Bewerbungsvideo drehen. Wer gut programmiert, der darf sich mit einer eigenen Homepage zeigen. Wer gut schreibt, der kann einen Text verfassen. Das ist die Vielfalt, die Menschen mit ihren individuellen Stärken abbildet und sie für Arbeitgeber erst richtig greifbar macht. 

Vielleicht kommen wir in Zukunft an den Punkt, dass sich Arbeitgeber in der Breite bei potenziell  Wechselwilligen bewerben werden. Für manche Branchen und Positionen ist dies bereits heute Realität. Spätestens dann hat das gue alte Anschreiben ausgedient – doch bis dahin werden noch Millionen von Bewerbungen an Arbeitgeber verschickt werden und Jobwechsler in der Rolle sein, sich von anderen Kandidaten positiv zu unterscheiden und die Neugierde für den persönlichen Austausch mit und bei ihrem Wunscharbeitgeber zu wecken.  

Statt das Anschreiben abzuschaffen, sollten wir auf beiden Seiten Schluss machen mit dem Denken in Standards und "So macht man das!", sondern mehr Kreativität und Individualität erlauben. Denn das ist es, was uns Menschen in der Arbeitswelt der Zukunft von Kollege Roboter unterscheidet. 

Weder die nächste Investition in noch ausgefeiltere Bewerber-Management-Systeme, deren standardisierte Eingabemasken schon heute viele Bewerber verschrecken, noch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz oder Big-Data im Talent-Scouting wird Arbeitgeber und Bewerber allein in Zukunft erfolgreicher zusammenführen, sondern vor allem die Investition in echtes Interesse und Zeit für die Beschäftigung mit den Menschen, ihren Talenten, Werten und persönlichen Zielen.

Schafft nicht das Anschreiben ab, sondern lasst uns die alten Mauern in den Köpfen abschaffen. Für mehr Vielfalt, Individualität und Mensch sein. 

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Was ist Ihre Meinung - als Arbeitgeber, Recruiter oder Bewerber? Ich bin gespannt auf Ihre Sichtweisen unten als Kommentar.

Alle meine bisherigen Beiträge finden Sie hier. Ich freue mich, wenn Sie mir als XING Insider folgen.

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Über den Autor

Dr. Bernd Slaghuis
Dr. Bernd Slaghuis

Karriere- und Business-Coach, www.bernd-slaghuis.de

für Karriere, Bewerbung und Führung

Dr. Bernd Slaghuis steht für eine neue Sicht auf Karriere, Bewerbung auf Augenhöhe und Führung mit gesunder Haltung. Er ist WELT-Kolumnist, Autor und Redner, sein Blog "Perspektivwechsel" ist einer der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs. Er arbeitet als Karriere- und Business-Coach in Köln.
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