Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

for Job & Karriere, berufliche Neurorientierung, Bewerbung

Netzwerke nutzen: Mit Vitamin B leichter zum neuen Job

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Wie du deine Kontakte in den sozialen Netzwerken für die gute Dosis "Vitamin B" bei deiner Jobsuche und Bewerbung richtig nutzt und mit der neuen XING App demnächst noch leichter zum nächsten Job findest.

Ich erinnere mich noch gut, es war 1991 und ich 18 Jahre alt. Ich hatte mir überlegt, nach dem Abi im folgenden Jahr eine Bankausbildung zu beginnen. Ich war spät dran mit den Bewerbungen, besonders in den großen Häusern war die Bewerbungsphase für den nächsten Ausbildungsjahrgang bereits abgeschlossen. Mein Vater war damals Produktionsleiter in einem Textilunternehmen in Mönchengladbach und kannte jemanden, der jemanden kannte, der – ich glaube es war die Deutsche Bank – etwas für mich hätte tun können. Er wollte unbedingt seine Kontakte spielen lassen, damit ich doch noch unterkomme. Ich weiß noch sehr genau, wie stark ich damals dagegen war und mein Vater es nicht verstehen konnte. Ich habe ihn davon abgehalten und erst den Zivildienst vorgezogen. Ich wollte es selbst schaffen. Und ich wollte nicht nur der Auszubildende als „Sohn von“ sein.

Heute sitzen mir Bewerberinnen und Bewerber jeder Altersklasse im Karriere-Coaching gegen-über und ich bestärke sie alle darin, die Kontakte aus ihren privaten und beruflichen Netzwer-ken aktiv und mit gutem Gewissen zu nutzen. Nun ja, ich bin nicht nur selbst 30 Jahre weiter, sondern soziale Netzwerke sind für uns alle inzwischen zur Normalität geworden. Mir begegnen kaum noch Jobwechsler, die nicht auf XING oder LinkedIn ein Profil haben – ganz zu schweigen von Facebook, Twitter oder Instagram.

Doch in der Situation und Rolle als Jobwechsler Kontakte und Beziehungen als Dosis „Vitamin B“ und Türöffner gezielt zu nutzen, um schneller oder leichter an eine neue Position zu kommen, das fällt heute immer noch vielen Bewerberinnen und Bewerbern aller Generationen schwer.

Der Status „Auf Jobsuche“ ist für viele negativ besetzt

„Sollte ich meine Kontakte über mein Profil darüber informieren, dass ich aktuell auf Jobsuche bin?“ oder „Darf ich Kontakte in meinem Netzwerk einfach so anschreiben, die heute bei potenziellen Arbeitgebern beschäftigt sind?“ bis hin zu „Darf ich die Profile meiner Gesprächspartner im Vorstellungsgespräch vorher besuchen – und was ist, wenn sie es sehen?“ sind Fragen, die mir im Coaching immer wieder gestellt werden. Viele Bewerberinnen und Bewerber haben Angst davor, etwas Falsches zu tun oder negativ aufzufallen.

Sie trauen sich nicht, sich etwa auf XING öffentlich als Job suchend zu erkennen zu geben aus Sorge davor, im Markt weniger wert oder bei ihren Kontakten im Netzwerk unten durch zu sein. Der Status „Auf Jobsuche“ ist für viele Angestellte mehr Makel und Zeichen von Versagen als Chance mit suchend neugierigem Blick nach vorne. Das eigene Netzwerk zu beanspruchen ist für sie – wenn überhaupt – mehr allerletzter Strohhalm als naheliegend erster Gedanke.

Und so besteht die erste Bewerbungsaktivität der meisten Jobwechsler heute wie vor 30 Jahren darin, unsichtbar aus der sicheren Deckung heraus fleißig eine Bewerbung nach der nächsten zu verschicken. Doch gleichzeitig fragen mich vor allem jene in höheren Positionen, wie Headhun-ter stärker auf sie aufmerksam werden, sie Stellen frei Haus auf dem Silbertablett serviert be-kommen und was es damit auf sich hat, dass die spannendsten Positionen im verdeckten Stel-lenmarkt vergeben werden. Ein innerer Konflikt und Widerspruch, denn unsichtbar gefunden werden, das geht nicht zusammen.

Netzwerken ist mehr als Maximierung der Anzahl Kontakte

Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind heute in den sozialen Netzwerken und auf den Business-Plattformen vor allem Jäger und Sammler. Je mehr Kontakte, Follower oder Abonnenten, umso höher das Gefühl von Zugehörigkeit, Beliebtheit oder schlichtweg Status. Die Anzahl der Kontak-te scheint unter dem Strich wichtiger als jeder einzelne Mensch hinter einem Profilbild mit Namen. Sammeln um des Sammelns Willen – ist das wirklich Sinn der Sache?

Oft sitzen mir Klienten gegenüber, die nach 200 verschickten Bewerbungen kein Licht mehr am Ende des Jobbörsen-Tunnels sehen. „Ich habe schon alles ausprobiert – doch ohne Erfolg“, er-zählen sie mir verständlich frustriert. Frage ich sie, ob sie mit ihren Zielpositionen oder Wunsch-Arbeitgebern vor Augen einmal gezielt in ihre Kontaktlisten auf den Plattformen, auf denen sie unterwegs sind, geschaut haben, dann höre ich oft ein „Nein“ – gefolgt von „Ach ja, stimmt, da könnte ich auch mal schauen“. Warum sammeln wir alle diese Kontakte so emsig, wenn wir sie in jenen Momenten, wie etwa der Suche nach einem neuen Arbeitgeber, nicht im Blick haben oder uns nicht trauen, sie als Mittel zum Zweck zu nutzen?

Darüber hinaus vergessen viele, dass sie auch als Privatperson Teil etlicher Netzwerke sind. Klar, die Business-Plattformen liegen auf der Hand, doch was ist mit deinen guten Bekannten und Freunden aus Sportvereinen, der alten Skat-Runde, dem Rotary-Club, deinem Ehrenamt, den anderen Eltern in der Musikschule deiner Kinder, den heutigen oder ehemaligen Nachbarn oder den Urlaubsbekannten von vor drei Jahren? Wer weiß, vielleicht kennt sogar die freundliche Bäckereiverkäuferin um die Ecke einen anderen Kunden, der aktuell neue Mitarbeiter sucht?

„Vitamin B“ ist kostenlos, jedoch nie umsonst

Jobsuche ist heute so viel mehr als nur routiniertes Bewerbungen verschicken. Wir alle sind Teil von unterschiedlichen privaten und beruflichen Netzwerken – online und im echten Leben. In der Rolle als Jobwechslerin oder Bewerber lohnt es sich, nicht nur alle diese Netzwerke, Kontakte und Bekanntschaften systematisch und gezielt genauer unter die Lupe zu nehmen, sondern auch mit gutem Gewissen die kostenlose Dosis „Vitamin B“ in Anspruch zu nehmen und so womöglich leichter zum neuen Job zu finden.

Wer kennt wen, der jemanden kennt, der dich jetzt in dieser Situation unterstützen könnte? Wer von deinen Kontakten arbeitet heute dort, wo auch du gerne arbeiten wollen würdest? Wer sucht Menschen mit Profilen, wie deinem? Wer wäre in der Lage, deiner Bewerbung einen extra Hingucker in der Personalabteilung zu verschaffen? Wer kann dich womöglich sogar offiziell im Rahmen eines Mitarbeiterempfehlungs-Programms intern vorschlagen? Wer hat tiefere Einblicke in für dich attraktive Branchen und kann dir wertvolle Impulse für deine berufliche Orientierung geben? Wer weiß, wer gerade wen wo sucht? Wer kennt Headhunter und kann einen Kontakt für dich herstellen? Ich sehe in der Karriereberatung: Je vielfältiger und kreativer Job Suchende wortwörtlich unterwegs sind, umso schneller finden sie ihren passenden neuen Arbeitgeber.

Jobsuche und Bewerbung dürfen auch leicht sein

Was ist denn insbesondere heute in unserer digitalisiert vernetzten Welt verwerflich daran, der in einer Stellenausschreibung genannten Ansprechpartnerin auf XING zu schreiben, eine Frage zur Position zu stellen oder auch eine Kontaktanfrage zu senden? Ja, es wird noch Recruiter geben, die ihr Profil als persönliche Privatsphäre definieren und deine Anfrage ignorieren oder nicht auf Nachrichten reagieren – was soll’s. Es wird jedoch auch Recruiter geben, für die soziale Netzwerke und die Business-Plattformen heute ein genauso wertvoller Kommunikationskanal wie die E-Mail ist. Nicht umsonst nutzen viele Recruiterinnen und Headhunter XING & Co., um durch sogenanntes „Active Sourcing“ selbst nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Markt zu suchen. Warum es also nicht auch in der Rolle als Bewerber genauso tun?

Was kann im schlimmsten Fall geschehen, wenn du über die XING-Suche den Geschäftsführer eines Mittelständlers ausfindig machst und kontaktierst, mit dessen Produkten oder Firmen-Philosophie du dich super identifizieren und dir gut vorstellen kannst, dort als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter einen wertvollen Beitrag zu leisten? Was kann geschehen, wenn du einen ehemaligen Kollegen auch jetzt nach Jahren anschreibst, der heute bei dem Arbeitgeber beschäftigt ist, dessen Stellenausschreibung dich gerade brennend interessiert? Wo lauert die konkrete Gefahr, wenn du deinem privaten Umfeld und Netzwerk von deiner aktuellen Jobsuche erzählst oder sogar um Unterstützung bittest? 

Es ist am Ende vor allem deine eigene innere Haltung und persönliche Positionierung als Bewerberin oder Bewerber, die darüber entscheidet, wie erfolgreich du zum neuen Job findest. Bewerbung muss kein harter, steiniger Weg sein. Verlasse dich nicht darauf, dass dich irgendjemand rettet, sondern nutze als Chefin oder Chef deines eigenen Lebens all jene Möglichkeiten und so viele Kanäle wie möglich, die sich dir heute über soziale Netzwerke, Business-Plattformen und auch private Kontakte bieten. Ich hätte meinen Vater damals ruhig seine Kontakte spielen lassen sollen, denn Jobsuche und Bewerbung dürfen mit etwas „Vitamin B“ auch leichter sein. 

Ich wünsche dir viel Freude beim Kontakte knüpfen und Netzwerken – online oder offline, sichtbar auf der großen Bühne oder leiser im privaten Gespräch.

Liebe Grüße aus der Hauptstadt des Klüngelns,

Apropos Netzwerke ... XING launcht eine komplett neue App

Vielleicht hast du ja schon mitbekommen, dass es  bald eine komplett neue XING App geben wird. Ich durfte sie in den letzten Monaten bereits intensiv testen und finde, dass es XING gut gelungen ist, Netzwerken noch einfacher zu gestalten. Mit einer neuen, deutlich übersichtlicheren Struktur sowie Kontakt- und Nachrichtenfunktionen an zentraler Stelle. 

Die neue App ist inzwischen an 300.000 Mitglieder ausgespielt worden und auch ihr Feedback fließt in die Plattform mit ein. Ich finde das für den Entwicklungsprozess mutig, doch eigentlich ist es auch nichts anderes, als das wertvolle Potenzial und das Wissen eines Netzwerks zu nutzen. Wenn du mehr zur Entwicklung des "neuen XING" erfahren willst, findest du hier einen Beitrag der XING Geschäftsführerin Sabrina Zeplin. 

Und falls wir beide hier noch nicht vernetzt sein sollten, freue ich mich, wenn du mir als XING Insider folgst oder mir eine Kontaktanfrage schickst. Wer weiß, wofür es morgen gut ist ;)

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Karriere- und Business-Coach, Dr. Bernd Slaghuis

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Dr. Bernd Slaghuis steht als Karriere-Coach für eine neue Sicht auf Karriere & Bewerbung. In seinem Kölner Büro hat er seit 2011 über 1.500 Angestellte bei ihrem nächsten Schritt im Beruf begleitet. Er teilt diese Erfahrungen hier als XING-Insider, in seinem Karriere-Blog und als SPIEGEL-Kolumnist.
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