Innovationstreiber: 5 Säulen der Kreativität im Alltag
Unternehmen mit kreativen Mitarbeitern und Teams haben gerade in Zeiten von KI einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Doch welche Voraussetzungen hat Alltagskreativität überhaupt? Was hat sie mit der Gesundheit und Resilienz von Mitarbeitern zu tun? Und welche beliebte Maßnahme von Führungskräften wirkt eher kontrakreativ?
Kreativität ist DER Innovationstreiber. Und unsere von KI und Permakrisen geprägte Zeit fordert in nahezu allen Branchen neue nützliche Lösungen. Aber wie kreativ kann jeder einzelne von uns, jeder Mitarbeiter, jede Führungskraft überhaupt sein? Und welche Voraussetzungen müssen für Menschen und Unternehmen dafür erfüllt sein? Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage ist nicht nur für jeden Einzelnen spannend und hilfreich, sie kann auch Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen.
Wirklich kreativ sind doch nur Künstler, könnte man denken. Doch die Fähigkeit zur Kreativität ist in uns allen angelegt. Das muss sie auch, denn Kreativität ist eine notwendige Alltagskompetenz. Eine sehr schöne Formulierung findet dafür der Psychiater Rainer Matthias Holm-Hadulla: Schon Säuglinge „komponieren“ ihre Welt. Sie verarbeiten Reize aus ihrer Umwelt und „gestalten eine immer wieder neue und einzigartige Innen- und Außenwelt“. Ein Leben lang müssen wir unser Leben kreativ gestalten, um es überhaupt führen zu können. Natürlich ist diese Kreativität eine andere als die außergewöhnliche von Künstlern. Es ist eine Alltagskreativität, mit der wir in jedem Bereich, bei der Arbeit und im ganzen Leben, neue nützliche Lösungen für Herausforderungen schaffen.
Vier von fünf Voraussetzungen für Kreativität sind beeinflussbar
In der Kreativitätsforschung definieren „Die großen Fünf“ die Grundlagen von Kreativität. Ein Blick auf diese Säulen der Kreativität kann auch für Unternehmen hilfreich sein, um zu verstehen, wie man die Zukunftskompetenz Kreativität bei Mitarbeitern fördern kann. Die Big Five der Kreativität sind
Begabung und Talent,
Wissen und Können,
Motivation und Disziplin,
Widerstandsfähigkeit (Resilienz) und
fördernde und fordernde Umweltbedingungen.
Begabung und Talent bringt jeder individuell mit, doch alle anderen vier Voraussetzungen kann man fördern. Diese Faktoren zu unterstützen, zu stärken und sie für innovative Lösungen angesichts einer sich rasant und tiefgreifend verändernden Arbeitswelt zu nutzen, müsste heute auf der Agenda jedes Unternehmens stehen.
Wo liegt der Sinn von meiner Arbeit mit KI, wenn sie mich bald ersetzen wird?
Kreatives Potenzial zu nutzen, bedeutet in Unternehmen auch, Mitarbeitern das Gefühl zu geben, in unserer herausfordernden Zeit etwas Sinnvolles zur Entwicklung von Lösungen beizutragen. Dieser Faktor wird in der Resilienzforschung Sinnhaftigkeit genannt. Er ist kein Nice-to-have. Sinnhaftigkeit wurde in der Salutogenese – der Forschung über das, was unsere Gesundheit erhält – als zentrales Prinzip erkannt. Und dies umfasst das gesamte Leben, eben auch die eigene Arbeit.
Selbst an kreativen Lösungen mitwirken zu können, trägt damit in Zeiten hoher Transformationsdichte und Unsicherheit schlichtweg zur Gesunderhaltung von Mitarbeitern bei. Eine der Herausforderungen hierbei wird die Frage sein: Welchen Sinn hat meine Arbeit mit KI, wenn sie mich möglicherweise bald ersetzen wird? Können Unternehmen diese Frage nicht positiv beantworten, geht der Sinn für ihre Mitarbeiter verloren. Und mit ihr deren Gesundheit.
Resilient bleiben die Mitarbeiter, die angesichts KI ihre Kreativität in die Lösungsfindung einbringen können
Wenn bei den Big Five die Widerstandsfähigkeit als Säule vier der Kreativität benannt ist, dann geht es hier nicht allein darum, über besondere innere Stärke oder psychische Wiederaufsteherqualitäten zu verfügen. Es geht auch darum, in einer krisenhaften Zeit den Sinn des eigenen Beitrags sehen zu können. Ist in Unternehmen gerade Innovation besonders gefragt, gewinnt die Resilienz von Mitarbeitern also eine weitere Dimension: Resilient bleibt, wer seine Kreativität in den gemeinschaftlichen Prozess der Lösungsfindung einbringen kann. Schließlich liegt gerade in diesem Einbringen der eigenen Kreativität eine Form der Anpassungsfähigkeit in einer krisenhaften Situation, was der Kern von Resilienz ist.
Kreativ sein zu dürfen, reguliert das Angst- und Emotionszentrum unseres Gehirns herunter.
KI und eine mit ihr einhergehende unsichere berufliche Zukunft lösen bei vielen Mitarbeitern Ängste aus. Kreativität einbringen zu dürfen, kann diese Ängste reduzieren. Und dies nicht nur aus einem inhaltlichen Grund, sondern auch aufgrund der Arbeitsweise des Gehirns. Kreativität bedeutet ja, neue Sichtweisen zu entwickeln. Chancen in Krisen zu erkennen. Dies ist eine Form der kognitiven Neubewertung. Bei diesem Prozess wird der präfronatale Cortex aktiviert, also der Bereich, der mit logischem Denken in Verbindung steht. Gleichzeitig wird das sogenannte Angst- oder Emotionszentrum, die Amygdala, beruhigt. Kreativ sein zu dürfen, kann uns also herunterregulieren und wieder funktionsfähig machen, wenn die (Arbeits-) Welt immer unberechenbarer wird.
Brauchen wir auch noch das x-te Tool zur Kreativitätsförderung?
Kritisch werden in der aktuelleren Forschung die unzähligen Methoden zur Kreativitätsförderung betrachtet. Was viele Mitarbeiter und auch Führungskräfte fühlen, spiegelt sich immer öfter in der Forschung: Wir brauchen kein x-tes Tool, um kreativer zu werden. „Letztlich erscheint die methodische Fixierung auf Kreativität sogar kontrakreativ, denn der kreative Akt ist und bleibt ein unverfügbares Phänomen, das sich dem Wunsch nach Planung und Berechnung entzieht“, so das Zukunftsinstitut. Stattdessen empfiehlt es eine Rückbesinnung auf die kreativen Grundpotenziale des Menschen.
Entscheidender als die Anzahl der in Workshops, Offsites und Meetings angewandten Kreativitätsübungen ist der Umgang mit dem Potenzial für Alltagskreativität, das uns allen innewohnt. Hierin liegt eine der größten Chancen für Unternehmen und ihre Mitarbeiter mit Blick auf die kommenden Transformationen.
Quellen
„Role of Creativity in the Effectiveness of Cognitive Reappraisal“, 2017, in „Frontiers in Psychology“ Department of Psychology, Capital Normal University, Beijing, China
„Die kreative Bewältigung von Verzweiflung, Hass und Gewalt“, Rainer Matthias Holm-Hadulla
Zukunftsinstitut
