Warum Massenbewerbungen selten zum passenden Job führen | © 123rf.com

Die Bewerbungsflut wird zum Problem – für Bewerber und Arbeitgeber

Immer mehr Bewerbungen, immer weniger Passung: Warum die Jobsuche im KI-Zeitalter zum Gefangenendilemma wird und beide Seiten verlieren.

Der Arbeitsmarkt verändert sich gerade spürbar. Weniger offene Stellen treffen auf mehr Arbeitssuchende. Gleichzeitig war es noch nie so einfach, Bewerbungen zu verschicken.

Viele Bewerber reagieren darauf mit einer Strategie, die auf den ersten Blick logisch erscheint: Sie erhöhen die Zahl ihrer Bewerbungen. Aus Unsicherheit bewerben sie sich zunehmend auch auf Stellen, die eigentlich nur noch teilweise passen.

Ich halte das für einen Fehler. Nicht nur für den einzelnen Bewerber, sondern für den gesamten Bewerbungsmarkt.

KI macht Massenbewerbungen einfacher – nicht unbedingt erfolgreicher

KI, Bewerbungs-Apps und One-Click-Plattformen haben die Hürden für Bewerbungen massiv gesenkt. Eine Stellenanzeige ist gefunden, der Lebenslauf wird automatisch angepasst, das Anschreiben formuliert perfekt mal eben die KI. Ein Klick – und die Bewerbung ist verschickt.

Die Grenzkosten einer weiteren Bewerbung tendieren heute gegen null. Damit verändert sich aber auch die Bedeutung einer Bewerbung. Früher war sie meist ein bewusstes Signal: Diese Stelle interessiert mich wirklich. Heute ist sie oft nur noch ein weiterer Klick. Für die nächste Zeile in der Excel-Tabelle, das gute Gewissen, als Nachweis für die Arbeitsagentur.

Die Folge bekommen Unternehmen in den vergangenen Monaten immer stärker zu spüren. Recruiter sprechen inzwischen vom „Bewerbungs-Tsunami“ oder von „Application Inflation“.  Je stärker die Zahl generischer, KI-gestützter Bewerbungen steigt, die beliebig wirken oder schon auf den ersten Blick nicht zur ausgeschriebenen Stelle passen, desto schwerer wird es für Unternehmen, eine Auswahl zu treffen. Ist eine erste Gruppe geeigneter Kandidaten identifiziert und sind die ersten Einladungen verschickt, sinkt zwangsläufig die Aufmerksamkeit für jede weitere Bewerbung.

Mehr Bewerbungen führen zu mehr Filtern

Unternehmen reagieren nachvollziehbar. Sie setzen stärkere Filter ein. Bewerbungen werden automatisiert vorsortiert. Recruiting-Prozesse dauern länger. Immer häufiger erhalten Bewerber gar keine Rückmeldung mehr.

Die Folge auf Bewerberseite? Noch mehr Unsicherheit. Also erhöhen sie ihre Aktivität, verschicken noch mehr Bewerbungen. Nicht unbedingt bessere, sondern mehr vom Gleichen. Damit beginnt ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.

Das Gefangenendilemma der Jobsuche im KI-Zeitalter

In der Spieltheorie gibt es dafür einen Begriff: das Gefangenendilemma. Es beschreibt eine Situation, in der jeder Einzelne rational handelt und trotzdem am Ende alle schlechter dastehen.

Genau das beobachte ich aktuell auf dem Bewerbungsmarkt. Für den einzelnen Bewerber wirkt es vernünftig, lieber hundert statt zehn Bewerbungen zu verschicken. Wenn das aber alle tun, steigen die Bewerbungszahlen, Unternehmen filtern stärker, individuelle Bewerbungen gehen leichter unter, Bewerber erhalten weniger Rückmeldungen und reagieren wiederum mit noch mehr Bewerbungen. Was individuell logisch erscheint, verschlechtert kollektiv die Situation für alle.

Eine Bewerbung ist kein Lottoschein

Hier liegt aus meiner Sicht ein Denkfehler. Viele Menschen behandeln Bewerbungen inzwischen wie Lottoscheine: Je mehr Lose ich kaufe, desto größer meine Chance. So funktioniert Jobsuche aber nicht. Die Zahl Deiner Bewerbungen kannst Du beliebig erhöhen, doch die Zahl der wirklich passenden Stellen nicht.

Nicht jede Stelle ist Deine Stelle. Wer sich auf immer weniger passende Positionen bewirbt, steigert deshalb häufig nicht seine Erfolgschancen, sondern vor allem die Zahl seiner Absagen. Passung lässt sich nicht skalieren.

Qualität beginnt lange vor dem Lebenslauf

Deshalb bleibt für mich auch im Zeitalter von KI eine alte Wahrheit bestehen: Weniger ist mehr.

Nicht weil Bewerber möglichst wenige Bewerbungen schreiben sollten (da hätten auch die Arbeitsagenturen etwas dagegen), sondern weil jede Bewerbung auf einer bewussten Entscheidung beruhen sollte.

Die wichtigste Vorbereitung beginnt deshalb nicht mit ChatGPT, sondern mit Deiner eigenen Klarheit:

  • Was ist Dir im Beruf wirklich wichtig?

  • In welchen Rollen kannst Du Deine Erfahrungen und Stärken am besten einsetzen?

  • Welche Aufgaben motivieren Dich langfristig?

  • Welche Unternehmenskultur passt zu Dir?

  • Welche Größenordnung, Branche und Art der Zusammenarbeit suchst Du überhaupt?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, entsteht aus meiner Sicht eine wirklich überzeugende Bewerbung.

Du hast immer noch eine Wahl

Was ich in Coachings häufig beobachte: Je mehr Absagen Bewerber erhalten, desto stärker verlieren sie das Vertrauen in ihre eigene Auswahl. Sie beginnen, sich auf nahezu alles zu bewerben, was ihnen vor die Füße fällt. Wer nur noch möglichst schnell irgendwo unterkommen möchte, läuft Gefahr, genau den nächsten unpassenden Job anzunehmen – und wenige Monate später erneut auf Stellensuche zu sein.

Auch wenn der Markt gerade schwieriger ist: Du hast immer noch eine Wahl. Es ist Deine Entscheidung, wie konsequent Du Deinen Suchkriterien treu bleibst – bis hin zur Ablehnung eines Jobangebots, wenn es für Dich nicht passt.

Passung schlägt Masse – auf beiden Seiten

Nicht der neueste KI-Prompt, das glatteste Anschreiben oder die höchste Zahl verschickter Bewerbungen führen Dich zum passenden neuen Job. Selbstreflexion, Klarheit in der Kommunikation und Konsequenz im Handeln gehören aus meiner Erfahrung zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren einer erfolgreichen Jobsuche.

Meinen Klientinnen und Klienten rate ich daher:

Starte keine Bewerbung, von der Du nicht selbst überzeugt bist, dass es dort passen könnte.

Alles andere verschlechtert nicht nur Deine persönliche Trefferquote, es trägt auch dazu bei, dass das Gefangenendilemma auf dem Bewerbungsmarkt weiter an Dynamik gewinnt.

„Passung schlägt Masse“ gilt für beide Seiten. Auch Arbeitgeber sollten sich von der Vorstellung verabschieden, möglichst viele Bewerbungen auf eine Ausschreibung seien automatisch ein Zeichen für erfolgreiches Recruiting. Wer Stellen möglichst breit ausschreibt, Anforderungen unklar formuliert oder weiterhin die eierlegende Wollmilchsau sucht, darf sich über eine Masse unpassender Bewerbungen nicht wundern.

Ich wünsche mir, dass wir diesen Teufelskreis unterbrechen. Auf beiden Seiten. Damit Bewerber und Arbeitgeber wieder besser zusammenfinden.

👉 Was sind Deine Erfahrungen? Wie nimmst Du den Markt aktuell wahr?


Seit 2011 begleite ich als Karriere-Coach Angestellte aller Hierarchieebenen und Branchen dabei, Klarheit über ihren nächsten beruflichen Schritt zu gewinnen, passende Positionen und Arbeitgeber zu identifizieren und sich überzeugend zu bewerben.

Wenn Du Deinen Jobwechsel nicht mit noch mehr Bewerbungen, sondern mit mehr Klarheit angehen möchtest, unterstütze ich Dich gerne dabei. Hier findest Du weitere Informationen.

Dr. Bernd Slaghuis schreibt über Job & Karriere, berufliche Neurorientierung, Bewerbung

Karriere ist heute mehr als nur "höher, schneller, weiter". Seit 2011 habe ich über 2.500 Angestellte bei ihrem nächsten Schritt im Beruf begleitet. Von der Neuorientierung und Bewerbung bis zum Onboarding. Meine Erfahrungen teile ich hier als XING Insider, auf meinem Blog und als SPIEGEL-Kolumnist.

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