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Was Headhunter wirklich über KI-Bewerbungen denken

Warum KI dich nicht disqualifiziert – aber Copy and Paste schon.

Vor Kurzem hat mir ein Executive-Headhunter im Gespräch etwas gesagt, das mich überrascht hat: „Ob jemand KI benutzt hat, ist mir egal. Früher hat die ganze Familie mit an dem Anschreiben gearbeitet, heute ist es halt die KI. Was mir aber wichtig ist: dass der Text zu der Person passt. Das ist entscheidend.“

Viele Fach- und Führungskräfte haben Angst, mit KI-Unterstützung „aufzufliegen“. In der Praxis sieht das Bild aber sehr viel differenzierter aus. Headhunter sehen heute täglich Bewerbungen, die mit KI erstellt oder überarbeitet wurden. Sie sehen aber auch, wer sich dahinter versteckt – und wer die Technologie klug nutzt. (Über die kluge Nutzung von KI für Bewerbungen habe ich diesen Artikel verfasst: „KI als Sparringspartner – nicht als Ghostwriter“.)

Zeit für einen ehrlichen Blick auf die Perspektive von Headhuntern und Recruitern.

Was Headhunter und Recruiter heute auf dem Tisch haben

Im Executive-Search und bei spezialisierten Headhuntern hat sich der Arbeitsalltag spürbar verändert:

  • Mehr Bewerbungen, weniger Aussagekraft. Unterlagen sind professioneller, passen genau zur Ausschreibung, sind aber auch viel einheitlicher und oft auf einem ähnlichen sprachlichen Niveau.

  • Viele Standardformulierungen. „Leidenschaft für innovative Lösungen“, „Hands-on-Mentalität“, „umfassende Erfahrung in der Steuerung komplexer Transformationsprojekte“. Das alles sind Phrasen, die sich durch viele Lebensläufe ziehen.

  • Geringere Streuung in der Qualität der Texte – aber große Streuung in der Substanz. Auf dem Papier klingen viele Kandidat:innen stark. Im Gespräch zeigt sich dann schnell, wer wirklich liefern kann.

Headhunter und Recruiter sind es gewohnt, mit Unsicherheit umzugehen. Aber seit KI im Bewerbungsprozess angekommen ist, hat sich ein Muster verstärkt: Die Form der Bewerbung sagt immer weniger über die Person dahinter aus. Genau deshalb schauen sie heute anders hin.
Silke Grotegut

Was Headhunter über KI wirklich denken

Die kurze Antwort: Die Nutzung von KI wird nicht als Problem gesehen, Unklarheit und Unaufrichtigkeit aber schon. Wenn ich mit Headhuntern oder Recruitern spreche, dann sagen sie Dinge wie:

  • Wer KI nutzt, zeigt mir, dass er mit modernen Tools umgehen kann – das ist grundsätzlich positiv.

  • Ich erwarte auf C-Level fast schon, dass jemand KI zumindest testweise verwendet hat.

  • Problematisch wird es, wenn ich das Gefühl habe, jemand versucht, sich größer zu schreiben, als er oder sie ist.

Headhunter und Recruiter trennen sehr klar zwischen KI als Werkzeug (völlig in Ordnung, teilweise sogar Pluspunkt) und KI als Ghostwriter oder Tool, dass mehr aus dir macht, als du wirklich bist oder dass von dir als Person nichts durchscheinen lässt. Das ist eine rote Flagge.

Gefährlich wird es immer dann, wenn:

  • Lebenslauf und LinkedIn-Profil nicht mehr zusammenpassen,

  • die Sprache in den Unterlagen deutlich anders wirkt als die Sprache im Gespräch,

  • Beispiele im Anschreiben vage bleiben und bei Nachfragen keine Substanz kommt.

Dann ist weniger die KI das Problem – sondern der Versuch, ein Bild zu erzeugen, das du im Alltag nicht ausfüllst.

Drei Typen von KI-Bewerbungen – aus Headhunter-Sicht

In den Interviews für das Buch, das ich zusammen mit Marcel Zimmermann verfasst habe, haben sich grob drei Typen von KI-Bewerbungen herauskristallisiert:

1. Die „Copy and Paste“-Bewerbung
Die KI hat nahezu alles geschrieben. Der Text ist:

  • generisch,

  • voller Buzzwords,

  • ohne konkrete Beispiele.

Im Gespräch bricht das Konstrukt schnell zusammen. Headhunter finden heraus, wenn jemand die Behauptungen nicht mit Leben füllen kann.

2. Die „Kosmetik“-Bewerbung
Die Person hat die Inhalte geliefert, die KI hat sie nur „schön gemacht“:

  • Grammatik, Struktur, Übergänge verbessert,

  • leicht aufgepeppt,

  • aber Inhalt und Beispiele stammen aus dem echten Werdegang.

Diese Bewerbungen funktionieren, zumindest fallen sie nicht negativ auf, bleiben aber oft austauschbar.

3. Die „Sparringspartner“-Bewerbung

Hier wird KI bewusst genutzt, um:

  • Erfolge sauber zu strukturieren,

  • rote Fäden sichtbar zu machen,

  • komplexe Stationen verständlich zu erklären,

  • die Sprache zu schärfen, ohne die eigene Stimme zu verlieren.

Im Gespräch passen Unterlagen, Auftritt und Beispiele zusammen. Das braucht es, um Vertrauen zu erzeugen und zu Headhunter zu überzeugen. (Siehe auch: „KI als Sparringspartner – nicht als Ghostwriter“)

Woran Headhunter „zu viel KI“ erkennen

Headhunter nutzen keine geheimen Detektoren. Sie nutzen Erfahrung, Mustererkennung und gezielte Nachfragen. Typische Signale, auf die sie achten:

  • Unverhältnismäßig glatte Formulierungen, besonders bei Menschen, die im Gespräch sehr bodenständig, direkt oder nüchtern formulieren.

  • Sehr ähnliche Sätze in verschiedenen Bewerbungen.

  • Kein einziges konkretes Beispiel im Anschreiben, nur Behauptungen.

  • Überhöhte Selbstbeschreibung, die nicht zum Karriereweg passt, zum Beispiel „visionärer Transformationsleader“ bei einer klaren Fachrolle ohne Führungsverantwortung.

Spätestens im Gespräch kommen dann Fragen wie:

  • Erzählen Sie mir bitte die Geschichte hinter diesem Projekt, das Sie hier beschreiben.

  • Sie schreiben, Sie seien „führungsstark in komplexen Umfeldern“. An welchem Beispiel würden Sie das festmachen?

  • Diese Formulierung hier – was genau meinen Sie damit?

Wer dann nicht liefern kann und nur wiederholt, was im Text steht, verspielt seine Chancen.

Was Headhunter sich von guten KI-Bewerbungen wünschen

Spannend ist, was Headhunter positiv hervorheben, wenn es um gelungene KI-Nutzung geht:

  • Klarheit statt Floskeln.
    Sie wünschen sich sauber strukturierte Lebensläufe, klare Projekterfolge, nachvollziehbare Rollenwechsel.

  • Beispiele statt Adjektive.
    Ein Satz wie „Leitung eines Teams von zwölf Personen über drei Jahre, Reduktion der Durchlaufzeiten um 18 Prozent“ überzeugt mehr als jede „Hands-on-Mentalität“.

  • Konsistenz über alle Kanäle.
    CV, Anschreiben, XING-/LinkedIn-Profil und Gespräch sollten ein stimmiges Bild ergeben. Das heißt nicht, dass der komplette Lebenslauf eins zu eins in den Onlineprofilen wiedergegeben werden sollte. Aber die Geschichte sollte die gleiche sein.

  • Ehrlicher Umgang mit Brüchen.
    KI kann helfen, Phasen der Neuorientierung oder schwierige Wechsel verständlich zu erklären, aber sie sollte sie verstecken oder umdeuten.

Viele sagen ganz offen: „Wenn jemand mir im Gespräch erzählt, dass er KI genutzt hat, um Struktur reinzubringen, dann ist das super. Das zeigt Reflexion und einen bewussten Umgang mit KI. Problematisch sind die, die versuchen, mit KI etwas zu kaschieren.“

Wie du KI so nutzt, dass du Headhunter überzeugst

Was heißt das jetzt konkret für dich als Fach- oder Führungskraft?

1. Inhalt vor Form

Bevor du startest, deine Bewerbung mit KI zu schreiben, kläre für dich:

  • Welche Rollen strebst du an?

  • Welche drei bis fünf Erfolge willst du unbedingt sichtbar machen?

  • Welche Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch deinen Werdegang?

KI kann diese Inhalte mit dir erarbeiten und so ordnen, dass du das für den gesamten Bewerbungsprozess nutzen kannst.

2. KI als Struktur- und Klarheits-Booster nutzen

Gute Einsatzzwecke sind zum Beispiel:

  • Stationen und Erfolge im PAR- oder STAR-Format aufbereiten,

  • Wiederholungen im Lebenslauf reduzieren,

  • ein langes Projekt in drei klar verständliche Bulletpoints verdichten,

  • ein Anschreiben auf die Kernaussage zuspitzen.

Schlechte Einsatzzwecke:

  • komplette Lebensläufe aus dem Nichts generieren.

  • „Lücken“ einfach schönschreiben.

  • Verantwortungsbereiche deutlich größer darstellen, als sie waren.

3. Stimme und deinen Tonfall bewahren

Wenn du einen Entwurf von der KI bekommst:

  • Lies ihn laut.

  • Markiere alles, was du so nie sagen würdest.

  • Formuliere diese Stellen aktiv um – in deinem Ton.

Dein Ziel ist nicht, wie ein Karriereratgeber zu klingen. Dein Ziel ist, als professionelle Version deiner selbst rüberzukommen.

4. Dich auf Nachfragen vorbereiten

Gehe jedes stärker formulierte Statement in deinen Unterlagen durch:

  • Kann ich dazu mindestens ein konkretes Beispiel erzählen?

  • Habe ich Zahlen oder Situationen, die das greifbar machen?

  • Fühle ich mich wohl damit, das im Vorstellungsgespräch genauso zu sagen?

Wenn du diese Fragen mit Ja beantworten kannst, ist deine Bewerbung auch aus Headhunter-Sicht interessant.

Fazit: KI ist für Headhunter Alltag – Authentizität bleibt die Währung

Headhuntern und Recruitern ist klar, dass sie zukünftig noch mehr KI-unterstützte Bewerbungen auf den Tisch bekommen. KI wird fester Bestandteil von Arbeit und Bewerbungen werden.

Was sich nicht geändert hat:

  • Am Ende geht es um Passung, Substanz und Vertrauen.

  • Unterlagen bleiben das Eingangstor zum Bewerbungsgespräch.

  • Die stärksten Kandidat:innen sind die, bei denen Texte und Auftritt zusammenpassen und die überzeugen.

Wenn du KI nutzt, um klarer, strukturierter und verständlicher zu werden, spielst du aus Sicht von Headhuntern ganz vorn mit. Wenn du jedoch versuchst, dich hinter perfekten Formulierungen zu verstecken, läufst du Gefahr, dass man das Interesse an dir ganz schnell verliert.


Wenn du verstehen möchtest, wie Headhunter und HR deinen Einsatz von KI wirklich bewerten – und wie du deine Unterlagen so aufsetzt, dass sie im Gespräch tragen – findest du in unserem Buch „Mit KI zum Karrieresprung“ ein eigenes Kapitel dazu.

Gemeinsam mit Marcel Zimmermann zeige ich dort:

  • welche Signale Headhunter in KI-Bewerbungen lesen,

  • wie du mithilfe eines kleinen KI-Teams dein Profil schärfst,

  • und wie du KI so einsetzt, dass du glaubwürdig rüberkommst.

In meinen nächsten Artikeln hier bei XING gehe ich noch tiefer in die Perspektive von HR und ins Thema ATS-Systeme.

Silke Grotegut schreibt über Verdeckter Arbeitsmarkt, Frauen und Karriere, KI gestützte Bewerbungen

Als Karriere- & Bewerbungscoach unterstütze ich meine Klienten, neue berufliche Perspektiven zu entwickeln, überzeugende Unterlagen und erfolgreiche Bewerbungs- und Verhandlungsstrategien zu erarbeiten. Dabei nutze ich gerne meine langjährige HR-Erfahrung, die ich in ein DAX-Konzern gesammelt habe.

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