NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst beim ersten Innovationsforum „80 Sekunden“. Ziel ist es, Neuentwicklungen schneller auf Baustellen zu bringen. Foto: Mert Rüttermann
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Wüst stellt radikale Änderungen der Baupolitik vor – Unternehmen setzen dagegen auf bewährte Innovation

Das Bauen und das Sanieren von Wohnungen kommen nur langsam voran, während parallel der Sanierungsbedarf und die Baukosten steigen. Eine Antwort darauf ist, den Prozess zu rationalisieren: schneller bauen und sanieren. Doch wie? Gute Ideen brauchen oft lange vom Labor bis auf die Baustelle. Vergangene Woche startete eine Veranstaltungsreihe, bei der das Publikum über Bauinnovationen von Unternehmen abstimmen konnte. Das Thema „Serielles Bauen und Sanieren“ ist politisch brisant. Deshalb stellte auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) seine „politischen Innovationen“ für das Bauen in der Mitsubishi-Electric-Zentrale in Ratingen vor – jedoch ohne Abstimmung des Publikums.

Fachjuror Guido Sinn hat nur 2 min Zeit für Fragen. Der Technische Vorstand der Beamten-Wohnungs-Baugenossenschaft eG aus Düsseldorf hat eine der vorgestellten Lösungen bereits bei der Sanierung eines fast 100 Jahre alten Quartiers mit 41 Häusern getestet. Foto: Mert Rüttermann

Der Veranstaltungsablauf wurde am 3. Juni zum ersten Mal erprobt und ist streng durchgetaktet: Unternehmen haben 5 min Zeit, ihr Produkt vorzustellen, anschließend stellt eine Jury 2 min lang Fragen. Diese Fachleute entscheiden im Vorfeld, wer überhaupt seine Innovation pitchen darf, und haben sich eingearbeitet. Ein Kriterium ist, dass sich Produkt oder Lösung bereits in echten Projekten bewiesen haben muss. Auch das ist ungewöhnlich, trifft jedoch den Nerv der Baubranche. Neue Entwicklungen setzen sich vergleichsweise langsam durch, denn bei Bauprojekten geht es schnell um viel Geld. Eine Lösung, die bereits angewendet wird, hat daher schon einiges an Überzeugungsarbeit in der Branche leisten müssen. Von 30 Unternehmen, die sich laut den beiden Veranstaltern – „Neues Bauen – 80 Sekunden“ und die Deutsche Energieagentur – beworben haben, dürfen beim Auftaktevent zwölf präsentieren.

Besonders ist in diesem Format auch, dass das Publikum nach je vier Vorträgen bestimmt, welche dieser Lösungen oder Produkte am meisten überzeugen. Digitale Interaktion ist auf Bauveranstaltungen sonst rar gesät, hier stimmt das Publikum per App live ab.

Inklusive Mieterkommunikation: Gesamtlösungen zur Wohnungssanierung überzeugen das Publikum

Den ersten sogenannten „Pitch-Block“ gewann die Firma Renowate, ein Generalanbieter für serielle Sanierungen, der von der Planung über den Gebäudescan, die Produktion und die Montage einer neuen Fassade bis zur Kommunikation mit den Mietenden alles übernimmt. „Sowohl Statik als auch Elektroplanung sitzen bei uns im Unternehmen“, sagt Tobias Baldischwiler, Prokurist bei Renowate. Er zeigte, wie das Unternehmen nach der Energiesprong-Methode ganze Quartiere saniert hat – von Energiestandard H mit Gasheizung zu KfW 55 mit Energieklasse A+ mit integrierten Rollläden und Lüftung in der vorgefertigten Fassade.

Energiesprong bedeutet: Erst wird das Gebäude 3D-gescannt und dann mit vorgefertigten Fassadenelementen und Energietechnik in wenigen Tagen komplett neu ausgestattet. Die Deutsche Energieagentur wirbt seit Jahren für diese Methode, um bis 2030 eine politisch angepeilte Sanierungsquote von 2 % zu erreichen.

Referent Tobias Baldischwiler, Prokurist bei Renowate, überzeugt das Fachpublikum mit serieller Sanierung nach dem Energiesprong-Prinzip. Foto: Mert Rüttermann

Die 5-min-Beschränkung war anfangs für die technischen Fachleute eine echte Herausforderung. Sie sprachen schnell und schafften es in der knappen Zeit doch kaum, alles für sie Wesentliche zu vermitteln. Das Publikum bewertete jedoch die Innovation – nicht den Vortrag. Auch die 2 min für Fragen waren knackig. Die Jury-Experten mussten sich umgewöhnen, und statt langer Fachfragen kurze und konkrete stellen, damit noch Zeit für Antworten blieb. Eine Jury-Frage an Renowate lautete: „Wie viel Prozent der Gebäude können mit Ihrer Methode saniert werden?“ Antwort von Tobias Baldischwiler, Prokurist bei Renowate: „Je einfacher die Form des Gebäudes, umso besser ist es geeignet. Mehr Ecken und Kanten machen es schwieriger.“ Dann war die Fragezeit um.

Neubau für 1095 € pro Quadratmeter netto

Den zweiten Block gewann Nyoo Real Estate. Es ist eine Tochter der Instone Group, eines großen deutschen Projektentwicklers für Wohnungen. Hier geht es um seriellen Neubau – ebenfalls alles aus einer Hand. Ein Baukastenprinzip soll Kosten sparen, und ist ein Vorteil beim Erfassen und Verwalten von digitalen Gebäudedaten, wenn der Prozess einheitlich ist. Wenn alle Schritte innerhalb einer Firma ablaufen, gibt es natürlich keine Schnittstellenprobleme, und die kompletten Daten stehen in allen Arbeitsphasen zur Verfügung. Die Alternative, das Gleiche mit klaren und akzeptierten Standards firmenübergreifend zu erreichen, funktioniert im Baubereich bisher leider nur vereinzelt, wäre jedoch für die Branche die größere Innovation. Trotzdem: „Bis zu 40 % Kosteneinsparung in den frühen Leistungsphasen“, versprach Jan Schulte im Walde, Geschäftsführer von Nyoo (ausgesprochen wie „new“) und verwies auf eines der letzten Projekte mit Baukosten von 1095 € /m2 netto. Das ist weniger als ein Drittel der sonst üblichen Baukosten.

Uwe Bigalke aus der Abteilung Serielles Sanieren der Deutschen Energieagentur fordert, das Sanieren neu zu denken, damit es schneller geht. Seriell sanieren heißt: gedämmte Wandmodule statt einzelner Styroporplatten. Foto: Mert Rüttermann

Selten, aber gut: Sprecherinnen und Start-ups

Die meisten Innovationen während dieses Events wurden entweder von etablierten Herstellern wie Velux, Würth und Vaillant oder von Töchtern etablierter Unternehmen, wie Renowate und Nyoo, vorgestellt. Echte Start-ups ohne etablierte Muttergesellschaft gab es nur eins: Towern3000 wurde 2020 in Österreich gegründet von Thomas Buchsteiner, der früher selbst Fassadenplaner war und dann eine ungewöhnliche Produktidee hatte: eine Fassade, die eine Art Fußbodenheizung zwischen Dämmung und Außenmauern legt und so die Wände heizt und kühlt. Wohngebäude können damit seriell saniert werden und für Mehrfamilienhäuser gibt es separate Heizkreisläufe je Wohnung. Laut dem Gründer zeigen erste Projekte Energieeinsparungen bis zu 80 %, auch weil vorausschauend und mit niedrigen Temperaturen geheizt wird.

Thomas Buchsteiner, Gründer von Towern3000, stellt sein Produkt vor: Dabei heizt und kühlt eine Art Fußbodenheizung zwischen Wand und Dämmschicht die Wohnungen. Foto: Mert Rüttermann

Bei der Abstimmung zum dritten Block verkündete die Moderatorin ein „Duell der Extraklasse“ – zwei Innovationen waren fast gleichauf. Zum einen überzeugte eben die Fassade des Start-ups Towern3000 das Publikum, zum anderen die Präsentation von Franziska Struck, bei der Brüninghoff-Gruppe zuständig für Innovationen. Als eine von nur zwei Frauen stellte sie eine konsequent kreislauffähige Lösung für Deckenpaneele im Wohnungsbau vor. Interessant ist, dass eine Kombination aus Holzbalken und Betonschicht die Stärken beider Materialien kombinieren soll. „Wir denken, wir brauchen alle Materialien beim Bauen und wir müssen sie jeweils dort einsetzen, wo es sinnvoll ist“, sagt Struck. Das Lebensende ist im Kreislauf schon mitgedacht, denn Holz und Beton im Bauteil lassen sich – nach mindestens geplanten 80 Jahren als Geschossdecke eines Mehrfamilienhauses oder Büros – mit einer einfachen Betonsäge, einem Akkuschrauber und einem Stemmeisen wieder trennen. Die Konsequenz dieser Entwicklung überzeugte das Publikum ebenso. Die Jury kürzte kurzerhand beide Innovationen zu Siegern der Runde, getreu dem Baustellen-Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht“.

Nachhaltigkeit gewinnt: Referentin Franziska Struck, Innovationsmanagerin bei Brüninghoff, begeistert das Fachpublikum in ihrem Vortrag für eine kreislauffähige Verbund-Decke aus Holz und Beton. Foto: Mert Rüttermann

Wüst: Vorschuss-Applaus fürs Deregulieren

Auftritt Hendrik Wüst (CDU): „Dass Politiker Applaus bekommen, bevor sie etwas gesagt haben, ist ungewöhnlich“, scherzte der Ministerpräsident von NRW zu Beginn seines Vortrags. Er verwies auf Projekte zur Deregulierung, die seine Regierung angestoßen hatte. Eines ist, dass im Zuge der neuen Bauordnung für NRW 90 % der DIN-Normen im Bau abgeschafft werden. Das gilt jedoch nur, sofern die Normen nicht sicherheitsrelevant sind. Die zweite „Innovation“, die Wüsts Regierung Anfang Mai verkündete, ist: Sie will alle landesseitigen Berichtspflichten, die zulasten der Wirtschaft gehen, abschaffen. Wenn eine Behörde künftig Daten erfassen will, muss sie den Minister überzeugen, eine Berichtspflicht wieder einzuführen. „Beweislastumkehr“, scherzt Jurist Wüst. Bei der Veranstaltung ist er der einzige Vortragende, dessen Innovationen sich bisher nicht bewährt haben.

Veranstaltungsreihe: Vier weitere Innovationsforen geplant

Der Auftaktveranstaltung des Innovationsforums gelang es, den vergleichsweise innovationsträgen Baubereich zu vernetzen. Ziel der Reihe ist es, „Innovationen schneller auf die Baustelle zu bringen“. Nicht nur beim Abstimmen war das Publikum beteiligt. Die Bereichssieger leiteten auch jeweils Diskussionsgruppen mit dem Publikum zur Frage, was getan werden kann, um den Wohnungsbau in Deutschland voranzubringen. Das zweite Innovationsforum findet am 18. Juni bei Velux in Hamburg statt, und das dritte am 1. Juli in Berlin bei Schüco. Zu Gast sind dann jeweils auch die regierenden Bürgermeister der Millionenstädte, in denen großer Handlungsbedarf herrscht. Sowohl Hamburg (Platz 3) als auch Berlin (Platz 7) haben 2026 mit die teuersten Mieten in Deutschland.

Ein Beitrag von:

Fabian Kurmann

ist Redakteur für Bauthemen. Nach einem Studium der Physik volontierte er bei den VDI nachrichten. Seine Themen umfassen zudem Architektur und Stadtplanung.

 


Fachjuror Guido Sinn hat nur 2 min Zeit für Fragen. Der Technische Vorstand der Beamten-Wohnungs-Baugenossenschaft eG aus Düsseldorf hat eine der vorgestellten Lösungen bereits bei der Sanierung eines fast 100 Jahre alten Quartiers mit 41 Häusern getestet. Foto: Mert RüttermannFachjuror Guido Sinn hat nur 2 min Zeit für Fragen. Der Technische Vorstand der Beamten-Wohnungs-Baugenossenschaft eG aus Düsseldorf hat eine der vorgestellten Lösungen bereits bei der Sanierung eines fast 100 Jahre alten Quartiers mit 41 Häusern getestet. Foto: Mert RüttermannFachjuror Guido Sinn hat nur 2 min Zeit für Fragen. Der Technische Vorstand der Beamten-Wohnungs-Baugenossenschaft eG aus Düsseldorf hat eine der vorgestellten Lösungen bereits bei der Sanierung eines fast 100 Jahre alten Quartiers mit 41 Häusern getestet. Foto: Mert Rüttermann

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