Der beste Zeitpunkt für einen Jobwechsel ist nicht, wenn du unglücklich bist
Die meisten Menschen wechseln aus Frust. Und genau das ist der Fehler, der sie ein Jahr später wieder in meinem Postfach landen lässt.
Es war ein Dienstag im Mai, kurz nach halb acht abends, als mich eine Nachricht auf dem Handy erreichte. Ein Kandidat, den ich ein knappes Jahr zuvor vermittelt hatte. Erfahrener Vertriebler, Anfang vierzig, damals hochzufrieden mit dem neuen Job. Jetzt schrieb er nur einen Satz: „Moritz, ich glaube, ich muss hier wieder raus.“
Ich habe das Handy weggelegt und mir einen Kaffee gemacht, obwohl es viel zu spät für Kaffee war. Weil ich diese Nachricht kannte. Nicht von ihm, sondern von Dutzenden anderen. Immer derselbe Ton, immer dasselbe Muster. Und fast immer derselbe Grund, den die Leute selbst gar nicht sehen.
Er war damals gewechselt, weil er seinen alten Job satthatte. Der Chef nervte, die Ziele waren unrealistisch, die Stimmung im Team war im Keller. Also wollte er weg. Und als das Angebot kam – mehr Geld, schickeres Büro, netterer erster Eindruck –, hat er zugegriffen. Verständlich. Nur hat er dabei eine Frage nie gestellt, die alles verändert hätte.
Er wusste ganz genau, wovon er weg wollte. Aber er hatte keine Ahnung, wo er eigentlich hin wollte.
Die zwei Arten, einen Job zu verlassen
In meinem Alltag als Personalberater sitze ich jede Woche Menschen gegenüber, die wechseln wollen. Am Telefon, per Video, manchmal bei einem Kaffee in der Stadt. Und nach ein paar Jahren fällt mir ein Muster auf, das ich vorher nicht sehen konnte.
Es gibt zwei völlig verschiedene Bewegungen, auch wenn sie von außen gleich aussehen. Die eine nenne ich für mich die Weg-von-, die andere die Hin-zu-Bewegung. Klingt nach Ratgebersprech, ich weiß. Aber der Unterschied entscheidet öfter über Erfolg oder Reue als jedes Gehalt, jeder Titel und jede Benefits-Liste.
„Weg von“ heißt: Ich halte es hier nicht mehr aus. Der Antrieb ist Schmerz. Frust über den Chef, Langeweile, das Gefühl, unterbezahlt zu sein, ein Streit, der nachhängt. Man will raus. Irgendwohin. Hauptsache, anders als jetzt.
„Hin zu“ heißt: Ich will da hin, weil es mich weiterbringt. Der Antrieb ist ein Ziel. Eine Aufgabe, die reizt. Eine Branche, in die man rein will. Ein Schritt, der zur eigenen Richtung passt, die man sich vorher überlegt hat.
Das Problem ist simpel, und trotzdem übersieht es fast jeder: Aus dem Weg-von-Modus trifft man fast immer schlechte Entscheidungen. Nicht weil man zwingend töricht ist, sondern weil Schmerz ein miserabler Ratgeber ist.
Wer nur weg will, akzeptiert alles, was nicht das Jetzige ist. Und das ist eine gefährlich niedrige Messlatte.
Warum Frust die Sicht verengt
Wenn du unglücklich in deinem Job bist, passiert etwas mit deiner Wahrnehmung. Alles Neue wirkt attraktiv, einfach weil es neu ist. Das neue Unternehmen bekommt einen Bonus, den es sich gar nicht verdient hat. Der neue Chef im Vorstellungsgespräch wirkt sympathisch – verglichen mit dem, den du gerade loswerden willst, wirkt nämlich fast jeder sympathisch.
Ich habe Kandidaten erlebt, die im Gespräch mit dem neuen Arbeitgeber nicht eine kritische Frage gestellt haben. Keine einzige. Nicht zur Einarbeitung, nicht zum Team, nicht dazu, warum die Stelle überhaupt frei ist. Sie waren zu erleichtert, überhaupt eine Tür zu sehen, durch die sie gehen konnten.
Und dann sitzen sie sechs Monate später da und merken: Der neue Job hat andere Probleme. Nicht bessere, nicht schlechtere. Andere. Der Chef ist nicht mehr distanziert, dafür ein Mikromanager. Das Team ist nett, aber die Zahlen, die man erreichen soll, sind reine Fantasie. Das Gehalt stimmt, aber die Rolle ist eine andere als versprochen.
Der Frust, vor dem sie geflohen sind, hat sie eingeholt. Nur in neuer Verkleidung. Und weil sie die alten Warnsignale beim neuen Arbeitgeber nie gesucht haben, sehen sie die neuen erst, wenn sie schon drinstecken.
Die Kandidatin, die ich nie vergessen habe
Vor zwei Jahren hatte ich eine Kandidatin, nennen wir sie Sabine. Vertriebsleiterin, richtig gut in ihrem Feld. Sie kam zu mir, weil sie ihren Job hasste. Der neue Geschäftsführer hatte das Unternehmen umgekrempelt, ihr Verantwortung weggenommen, sie fühlte sich übergangen. Sie wollte weg, und zwar sofort.
Ich hätte ihr in zwei Wochen drei Stellen besorgen können. Der Markt war gut, ihr Profil war stark. Aber ich habe etwas anderes gemacht, was Personalberater angeblich nie tun sollten: Ich habe ihr geraten, erst mal nicht zu wechseln.
Wir haben stattdessen gut zwei Stunden telefoniert. Nicht über offene Stellen, sondern über die Frage, was sie eigentlich will. Nicht wovon sie weg will; das war klar. Sondern wo sie in drei Jahren stehen möchte. Was für eine Aufgabe sie morgens aus dem Bett holt. Ob sie überhaupt noch Vertriebsleiterin sein will oder etwas ganz anderes.
Es stellte sich heraus: Sie wollte in Richtung Geschäftsführung. Nicht seitwärts in die nächste Vertriebsleitung, wo sie in zwei oder drei Jahren wieder dasselbe Gefühl gehabt hätte. Sondern einen Schritt nach oben, in ein kleineres Unternehmen, wo dieser Schritt realistisch war.
Als sie schließlich wechselte, war es keine Flucht mehr. Es war ein Zug, den sie geplant hatte.
Sabine wechselte vier Monate später. In eine Rolle, die sie selbst beim ersten Gespräch mit mir noch gar nicht auf ihrem Radar hatte. Heute ist sie in der Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens. Und sie hat mir nie um halb acht Uhr abends geschrieben, dass sie rausmuss.
Wann der richtige Zeitpunkt wirklich ist
Hier kommt der Teil, der viele überrascht. Der beste Moment für einen Wechsel ist nicht, wenn es am schlimmsten ist. Sondern wenn es dir eigentlich noch ganz okay geht.
Klingt paradox. Ist es aber nicht. Wenn du in deinem Job noch funktionsfähig bist, noch Energie hast, noch nicht ausgebrannt bist, dann triffst du klarere Entscheidungen. Du kannst wählerisch sein. Du kannst ein Angebot ablehnen, weil es nicht passt – statt es zu nehmen, weil du es nicht mehr aushältst.
Die stärksten Kandidaten, die mir begegnen, sind selten die Verzweifelten. Es sind die, die sagen: „Mir geht es eigentlich ganz gut, aber ich habe das Gefühl, ich könnte den nächsten Schritt machen.“ Diese Menschen verhandeln besser, sie wählen weiser und sie bleiben länger, weil sie selbst aus einer Position der Stärke entschieden haben.
Das heißt nicht, dass du bleiben musst, bis alles perfekt ist. Es heißt: Fang an, dir die Hin-zu-Frage zu stellen, bevor der Frust so groß wird, dass er für dich antwortet.
Wie du herausfindest, in welchem Modus du steckst
Es gibt einen einfachen Test, den ich Kandidaten manchmal mitgebe. Nimm dir einen Zettel und beantworte zwei Fragen ehrlich.
Erste Frage: Wenn dein aktueller Arbeitgeber morgen deine drei größten Ärgernisse beheben würde – der Chef, das Gehalt, die Aufgabe, was auch immer dich am meisten stört –, würdest du dann noch wechseln wollen?
Wenn die Antwort Nein lautet, dann bist du im Weg-von-Modus. Dann ist dein Problem nicht der Job an sich, sondern konkrete Reibungspunkte, die man vielleicht auch dort lösen könnte. Ein Wechsel ist dann oft die teuerste Art, ein Problem zu lösen, das man auch billiger hätte lösen können.
Zweite Frage: Kannst du in einem Satz sagen, wohin du willst – ohne das Wort „weg“ zu benutzen und ohne über deinen aktuellen Job zu sprechen?
Wenn dir das schwerfällt, hast du noch keine Richtung. Und ohne Richtung ist jeder Wechsel ein Glücksspiel. Nimm dir die Zeit, diese Richtung zu finden, bevor du dein Profil aktualisierst und anfängst, dich zu bewerben. Diese Reihenfolge macht den ganzen Unterschied.
Erst die Richtung, dann die Bewegung. Nie umgekehrt.
Zum Schluss
Der Vertriebler, der mir im Mai geschrieben hatte, ist übrigens geblieben. Wir haben am nächsten Tag lange telefoniert, und dabei kam heraus, dass sein neuer Job per se gar nicht das Problem war. Er hatte sich nur nie gefragt, was er eigentlich wollte – bei keinem seiner letzten drei Wechsel. Er war immer nur geflohen. Von einem Frust zum nächsten.
Wir haben das diesmal anders gemacht. Erst die Richtung geklärt. Und siehe da: Die Richtung führte gar nicht aus seinem jetzigen Unternehmen heraus, sondern in eine andere Rolle innerhalb desselben Hauses, die er sich vorher nie zugetraut hatte. Er hat sie bekommen.
Nicht jeder Frust im Job ist also ein Grund zu gehen. Und nicht jeder Wechsel ist ein Fortschritt. Der Unterschied liegt in einer einzigen Frage, die man sich stellen muss, bevor man das erste Bewerbungsschreiben aufsetzt:
Läufst du weg oder läufst du auf etwas zu?
Wenn du die Antwort nicht kennst, dann ist es vielleicht noch nicht der richtige Zeitpunkt. Nicht weil du bleiben sollst. Sondern weil du erst wissen solltest, wohin.
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