32 Stunden pro Woche in Vollzeit – machbar und gerechter

In Deutschland wird so viel gearbeitet wie nie zuvor – der Ruf nach mehr Arbeit ist darum ein Irrweg. Mehr Gerechtigkeit wäre innovativ.

Wie werden wir mutig? Wie schaffen wir Platz, um mutig Zeit und Energie für Experimente und Innovationen zu nutzen? Mutig ist es nicht, „mehr Arbeit“ zu fordern. Das geht rückwärts und vergisst Care-Arbeit, Ehrenamt, Gesundheit und viele andere Aspekte unseres Lebens.

Die Pointe: MEHR – nicht weniger

In Deutschland wurde in den vergangenen Jahren in der Summe so VIEL gearbeitet, wie nie zuvor. Die höchste Zahl an Gesamtstunden, weil MEHR Menschen denn je arbeiten — MEHR als in anderen europäischen Ländern. Das Wachstum des Arbeitsvolumens geht vor allem auf Teilzeit- und Nebenjobs zurück. Bei Vollzeit hat sich der Wert in den letzten 20 Jahren kaum verändert.

Es wird also nicht weniger in Vollzeit gearbeitet, sondern MEHR in Teilzeit. Die durchschnittliche Arbeitszeit aller Deutschen muss sinken bei einer sehr hohen Erwerbstätigenquote.

Unbezahlte Care-Arbeit

Warum steigt dabei die Zahl der Menschen, die in Teilzeit arbeiten? Weil es neben der bezahlten Erwerbsarbeit auch die unbezahlte Care-Arbeit zu Hause und die ehrenamtliche Arbeit in einer Million Vereine und Schulen, beim THW, Roten Kreuz und den Freiwilligen Feuerwehren gibt.

💥 Care-Arbeiterinnen und -Arbeiter arbeiten: faul?

💥 Ehrenamtlich tätige Menschen arbeiten: faul?

💥 Mehr Rentnerinnen und Rentner arbeiten: faul?

Viele Menschen wollen sogar noch mehr arbeiten, können aber nicht, weil Betreuungsangebote wie Kitas und bezahlbare Seniorenheime fehlen. Die aktuellen Rahmenbedingungen lassen mehr bezahlte Arbeitszeiten gar nicht zu.

Die Nebenwirkung von Teilzeitarbeit

Das volle Risiko liegt beim Individuum. Denn Teilzeitjobs führen zu Teilzeitlohn mit geringeren Rentenansprüchen. Das bedeutet Armutsrisiko im Alter und im Erwerbsleben.

Hanna Jones, die Co-Gründerin von JOBS FOR MOMS, nennt Teilzeit „eine monetäre Bestrafung für Effizienz. Mütter wissen, wie effizientes, strukturiertes Arbeiten und Selbstorganisation gehen. Viele Mütter bringen diese Skills on top zu ihren beruflichen Qualifikationen mit, denn Mutterwerden geht mit Kompetenzerweiterung einher“.

Das alte Modell braucht ein Update

Eine 32-Stunden-Vollzeit löst Probleme. Sie kann dazu beitragen, strukturelle Ungerechtigkeit bei Arbeitszeiten und Lohn aufzulösen. Stell dir vor, ein Paar (vorher Vollzeit + Teilzeit) arbeitet jeweils 32-Stunden pro Woche in Vollzeit, und dabei würden beide ein volles Gehalt verdienen. Sie würden sogar zwei Stunden MEHR arbeiten als vorher.

Sag jetzt bitte nicht, eine 32-Stunden-Vollzeit ginge nicht. Vor 70 Jahren ging die 5-Tage-Woche nicht, bis sie ging. Teilzeit kann privat eine sinnvolle Lösung sein, doch gesellschaftlich ist sie eine Sackgasse. Wie also sieht ein gerechteres Modell aus?

Das neue Modell eröffnet besonders Frauen, die fast 50 Prozent in Teilzeit arbeiten, den Zugang zu voll bezahlter Vollzeitarbeit, ohne 40,2 Stunden arbeiten zu müssen. Frauen erhielten höhere Einkommen und Renten, während Männer ohne finanzielle Einbußen mehr Zeit mit ihren Familien verbringen und ihren Beitrag zur Care-Arbeit leisten könnten. Dabei behalten Männer ihre Vollzeitjobs mit Vollzeitgehalt und arbeiten weniger. Die unbezahlte Care-Ungerechtigkeit wird ausgeglichen verteilt.

Lasst uns mutiger neue Modelle testen und umsetzen.

Gerade jetzt in der Krise.

Zig-Tausende (!) Firmen machen gute Erfahrungen mit aufgeräumter, entmüllter und fokussierter Arbeit, denn erholte Menschen sind gesünder und leistungsfähiger.

Was denkst du?


Mehr Beispiele und Vorschläge in meinem Buch „Arbeit EINFACH lassen“.

Martin Gaedt schreibt über Provotainment, Leben und Arbeit, cleveres Recruiting, Wirtschaft & Management

Martin Gaedt ist Autor von "4 TAGE WOCHE", "Rock Your Work", "Rock Your Idea" und "Mythos Fachkräftemangel". Er ist Provotainer und hat seit 2014 in 650 Keynotes mehr als 100.000 Gäste begeistert, provoziert und entertaint. Seit 1999 gründet er Unternehmen und stellt 44 Fragen, der Anfang des Neuen.

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