Coverausschnitt: Alfons Schweiggert: Das Lachen der Kaiserin Elisabeth. Hinter den Kulissen der Macht. Volk Verlag 2026.

Das Lachen der Kaiserin Elisabeth: Interview mit dem Autor Alfons Schweiggert

Jährlich erscheinen zahlreiche neue Publikationen über die legendäre Kaiserin Elisabeth von Österreich, die verdeutlichen, dass ihr Leben voller Widersprüche ist. Interessant sind vor allem jene Bücher, die jeweils eine andere Facette ihrer Person in den Blick nehmen.

Bemühen sich die einen Autoren den Mythos dieser Frau gegen die Wahrheit zu stellen, befassen sich andere – wie der Autor Alfons Schweiggert aus München - mit neu entdeckten Quellen aus dem privaten Alltag der Kaiserin, mit Informationen aus Briefen, Tagebüchern und unbekannten Dokumenten.

Interview mit Alfons Schweiggert 

Herr Schweiggert, Sie haben bereits fünf Bücher über Kaiserin Elisabeth verfasst. Welche Aspekte haben Sie darin in den Mittelpunkt gestellt?

Schweiggert: In meinem Buch „Sisis Wohnwelten – Traumschlösser, Seelenorte und Fluchtburgen der Kaiserin“ habe ich die wahren, von ihr bevorzugten Aufenthaltsorte aufgespürt, also die Natur, die Berge und das Meer und keinesfalls die Schlösser. In „Elisabeth und ihr Gott“ zeigte ich erstmals, welche Rolle Glaube, Aberglaube und ihre „Patchwork-Religiosität“ in ihrem Leben spielten. In „Märchen der Kaiserin Elisabeth“ bin ich in ihre rätselhaften, faszinierenden Märchenwelten eingetaucht, die sie ihr Leben lang begleiteten. Im Brennpunkt des Buches „Weihnachten mit Kaiserin Elisabeth“ standen die eigenartigen und mitunter erschütternden Ereignisse an ihren 60 Geburtstagen, jeweils am 24. Dezember, und zur Weihnachtszeit. Und in der Biographie „Herzog Max in Bayern – Sisis wilder Vater“ habe ich verdeutlicht, wie die zwiespältige Beziehung zu ihrem chaotischen Vater ihr Leben prägte.  

Nun ist Ihr neues Buch mit dem Titel „Das Lachen der Kaiserin Elisabeth. Hinter den Kulissen der Macht“ erschienen. Worum geht es darin?

Elisabeths Psyche wurde während ihres Lebens häufig von Seelenbeben erschüttert. Nicht nur in den Beziehungen zu Personen ihrer Familie und zum Umfeld des Wiener Hofes galt es fortwährend Krisen zu bewältigen, sondern auch in schöpferischen Phasen. Sie bewirkten einen ständigen Wechsel ihrer Stimmungen und Launen, wodurch bedauerlicherweise der Eindruck erweckt wurde, sie sei ausschließlich eine schwermütige, tief melancholische und von Depressionen geplagte Frau gewesen, versunken in tiefer Einsamkeit und behaftet mit einer ausgeprägten Todessehnsucht. Doch dieses Urteil wird ihrer Persönlichkeit keinesfalls gerecht. 

Woher kommt die Mär von der Kaiserin Elisabeth, die niemals lachte? Weil sie auf Fotografien und Gemälden meistens nur ernst zu sehen war?

Sie rührt daher, dass man sich meist nur auf die dunklen Phasen ihres Lebens konzentriert. Angefangen von ihren ersten Jahren als Kaiserin am Wiener Hof, wo sie sich wie in einem „goldenen Käfig“ gefangen fühlte und möglichst rasch die Flucht ergreifen wollte. Auch die zahlreichen Todesfälle ihr nahestehender Personen bedrückten sie. Um nur einige zu nennen: 1857 plötzlicher Tod ihres ersten Kindes Sophie - 1867 Hinrichtung des von ihr verehrten Schwagers Kaiser Maximilian von Mexiko - 1886 rätselhafter Tod ihres Cousins König Ludwig II. - 1889 Suizid ihres Sohn Rudolf - 1889 Tod ihrer Reisebegleiters und Seelenverwandten Alexander von Warsberg aufgrund eines Lungenleidens - 1890 Tod des von ihr geschätzten Graf Gyula Andrássy an Krebs - 1892 Genickbruch ihres liebsten Reitpiloten Bay Middleton bei einem Pferderennen – 1897 verbrannte bei der Feuerkatastrophe im „Bazar de la Charité“ ihre erst 50jährige Schwester Sophie. So reihte sich über die Jahre hinweg ein Schicksalsschlag an den anderen.                                           

Wirkten sich nicht auch körperliche Beschwerden negativ auf sie aus?

Natürlich, auch beim Studium ihrer Krankenakte ist man überzeugt, dass Humor und Lachen in ihrem Leben kaum Platz hatten, musste sie doch mehrere schwere physische und psychische Leiden verkraften. Sie litt an Magersucht und Essstörungen mit der Folge von Hungerödemen und Verdauungsproblemen. Es gab den Verdacht auf Lungenschwindsucht. Sie litt unter Gürtelrose – Herpes zoster – am linken Arm und der Schulter, was mit fürchterlichem Brennen und Jucken verbunden war. Auch rheumatische Beschwerden und Ischias plagten sie.  

Was unternahm sie zur Linderung all dieser Leiden?

Da ließ sie sich ein breites Spektrum an Salben, Tinkturen und Getränken verordnen. Gegen ihre Schmerzen und seelischen Nöte nahm sie auch stark wirksame und oft giftige Mittel wie die arsenhaltige „Fowlersche Lösung“ oder Strychnin ein. Sogar Kokain ließ sich gegen Depressionen und Melancholie intravenös verabreichen. Vor allem der erwähnte Tod ihrer ersten Tochter Sophie 1857 und der Selbstmord ihres Sohnes Rudolf 1889 stürzten sie in schwere Lebenskrisen, wovon sie sich nie ganz erholte. In ihren letzten Lebensjahren trug sie fast nur noch Schwarz und mied Kontakte mit der Öffentlichkeit. Beim Blick auf all diese Schattenseiten wurde jedoch völlig ignoriert, dass Sisi auch eine ganz andere Seite ihres Wesens besaß, die es verdient, vorgestellt zu werden.

Wie sah diese andere Seite ihrer Persönlichkeit denn aus?

Wendet man den Blick von dem düsteren Bild Elisabeths ab, zeigt die Kaiserin einen vielschichtigen, feinsinnigen Humor und einen scharfen, von Ironie, Spott und teils bitterem Zynismus geprägten Witz, den sie als Waffe gegen höfische Konventionen und steife Hofschranzen einzusetzen wusste, um sich von der verhassten Etikette und den abgelehnten Personen des Adels zu distanzieren. Sie verstand es auch, die Kuriositäten des von Ritualen und Zwängen beherrschten Wiener Hoflebens mit Witz und Humor treffend und mitunter scharfzüngig und bissig zu kommentieren. An„Zu Oberons Wiegenfest“, d.h. zu Franz Josephs Geburtstag1887, wünschte sie sich etwa ein Floh zu sein, um die hohen Herren „unter der Weste“ und die feinen Damen „am P–o“ (Popo) zu beißen und das ganze Gesindel in die Flucht zu jagen. Nach Schicksalsschlägen warf sie einen galligen Blick auf die Welt und reagierte zunehmend sarkastisch. Das Erlebte und Erlittene verarbeitete sie in vielen geistreichen und von ihrem literarischen Vorbild Heinrich Heine geprägten kuriosen Gedichten und Tagebuch-Notizen. Aufgrund ihrer kritischen Beobachtungsgabe entdeckte sie in alltäglichen Situationen und bei Menschen, die mit ihr verkehrten, die aberwitzigen und grotesken Seiten.

Woher kommen die vielen Details über Elisabeths heiteres Wesen?

Darüber gibt es eine Fülle historischer Primär- und Sekundärquellen und Aufzeichnungen sowohl von ihr selbst, aber auch aus ihrem engsten Umfeld. Ihr „Poetisches Tagebuch“ enthält über 350 satirische und lyrische Gedichte. Fast vollständig erhalten ist die Korrespondenz zwischen Elisabeth und ihrem Ehemann Franz Joseph. Von den Aufzeichnungen aus der Familie ist besonders bedeutsam „Das Tagebuch von Erzherzogin Marie Valerie“, Sisis Lieblingstochter. Wertvoll sind auch die Aufzeichnungen ihrer Hofdamen und engsten Vertrauten. Dazu gehört das Tagebuch ihrer Hofdame Gräfin Marie Festetics, und die Erinnerungen der Hofdame Gräfin Irma Sztáray. Interessant sind ebenso die Tagebuchblätter ihres Griechischlehrers und Begleiters Konstantin Christomanos. Nicht zu vergessen sind die medizinischen und behördlichen Aufzeichnungen etwa des Leibarztes Dr. Hermann von Widerhofer sowie die zahlreichen Hofjagd-, Reiseprotokolle und Hof-Akten. Zu finden ist der schriftliche Nachlass u.a. im Österreichischen Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien sowie in Archiven in München und der Schweiz. Dazu kommen viele bemerkenswerte Publikationen von Historikerinnen und Historikern. In all diesen Unterlagen finden sich zahlreiche Belege für Sisis Humor und ihre Bereitschaft zu lachen.

Brachte Elisabeth auch andere Personen zum Lachen?

Das passierte immer wieder, war sie doch für ihre schlagfertigen Bemerkungen über das Verhalten anderer bekannt, was immer wieder Heiterkeit auslöste. „Wenn ich in einen Raum voller Adliger trete, fühle ich mich wie in einem Zwinger voller Affen“, witzelte sie. Und mit einem schalkhaften Lächeln sagte sie einmal zu ihrem Vorleser Christomanos: „Sie möchten mich zu einer Circe  [einer Hexe] machen, ich wünschte mir, ich wäre es. Dann würde ich auch viele Leute [in Schweine] verwandeln, wie die Freunde des Odysseus." Sogar ihren Lieblingscousin König Ludwig II. brachte sie zum Lachen, als sie sich mit ihm über den Starnberger See rudern ließ und ihr „Mohr Rustimo“, ein Geschenk eines ägyptischen Paschas, mit seinem Gesang Ludwig zum Lachen reizte. Elisabeth notierte später: „Und ein Schwarzer sang so drollig, / Ach! Wie herzlich klang Dein Lachen!“ Und dabei stimmte natürlich auch sie in das Gelächter ein. Ihren Verehrer Alfred Gurniak Edler von Schreibendorf, der ihr zu nahe treten wollte, warnte sie mit dem witzig-sadistischen Vers: „Besitzest du den kecken Mut,/ Mich jemals zu erreichen?/ Dich tödtet meine kalte Glut/ Ich tanze gern auf Leichen./ In meiner schönen Mache/ Verzapple dich zu Tod./ Ich schaue zu und lache/ Von jetzt bis Morgenrot.“ Auch ihrer eigenen Schwächen war sie sich durchaus bewusst, konnte über sich selbst lachen und ihre Exzentrik mit spitzer Selbstironie betrachten und kommentieren.

Können Sie Beispiele für ihre Selbstironie nennen?

Ja, so bezeichnete sie die Monarchie als baufällige Ruine, in der sie selbst hauste, womit sie sich über sich selbst lustig machte. 1875 bei einem Reitunfall, bei dem sie eine schwere Gehirnerschütterung erlitt, fragte sie, wie der Elisabeth-Biograf E. C. Conte Corti berichtet, ob sie „jetzt immer ein Trottli bleiben werde.“ Doch gleich nach der Genesung ritt sie sofort weiter, weil sie „wegen eines solchen Rumplers doch nicht das Herz verloren habe.“ 1879 bei der Feier zur Silberhochzeit mit Franz Josef habe Elisabeth, wie ihre Nichte Gräfin Larisch zu ihr sagte, eine Miene gezeigt „wie eine indische Witwe, die verbrannt werden sollte“, worüber die Kaiserin schallend lachen musste. Als bei einem Hofball im Februar 1983 Marie Larisch ihrer Tante schmeichelte, sie sei so schön wie Titania, die Elfenkönigin, scherzte Elisabeth, sie sei „nicht Titania, sondern die Möwe, die gefangen ist und im Kastel sitzt.“

Hatte sie auch eine humorvolle Distanz zu ihrem absurden Schönheitswahn?

Obwohl sie diesem Wahn völlig verfallen war, fand sie es komisch, sich Kalbfleischschnitzel ins Gesicht zu klatschen, „eine gräßliche Mixtur von fünf oder sechs Weißeiern mit Salz“ in einem Zug auszutrinken, sich beim Einschnüren ihrer Wespentaille fast zu erwürgen oder sich um ein Haar in heißen Olivenölbädern, die sie „Gladiatorenbäder“ nannte, fast zu verbrühen. Von ihren bodenlangen Haaren fühlte sie sich regelrecht unterjocht: „Ich bin die Sklavin meiner Haare“, spöttelte sie über die aufwändige Pflege ihrer Haarpracht. Über ihre nicht sonderlich schöne Handschrift belehrte sie ihren Griechischlehrer Christomanos: „Sie bewundern meine schlechte Schrift: sie ist so wie ich. Sie will sich nicht unterjochen lassen.“ Sogar über ihre Gedichte frotzelte sie und versenkte bei einer Bootsfahrt etliche Manuskripte ins Meer mit den Worten: „Die Poesie können holen, (die ich ins Meer versenkt,) Die Kabeljau und die Sohlen; Ihnen sei sie geschenkt.“

Gibt es doch sicher auch Porträts, die eine lachende Kaiserin zeigen?

Eine wirklich lachende Elisabeth ist auf Fotographien und Gemälden nicht zu sehen, obwohl sie bei aller Tragik heitere Phasen in ihrem Dasein erlebte und durchaus lachen konnte. Es gibt nur einige wenige Bilder, auf denen sie lächelt, die auch in meinem Buch zu finden sind. Übrigens wurden auf Gemälden und Fotografien fürstliche Personen auch noch im 19. Jahrhundert nie lachend porträtiert. Ein ernsthafter und würdiger Gesichtsausdruck sollte den hohen Status unterstreichen. Lächeln und Zähnezeigen waren verpönt, vor allem wenn die dargestellten Personen unansehnliche, verfärbte Zähne hatten, wie das auch Sisi u.a. von ihrer Schwiegermutter Erzherzogin Sophie vorgeworfen wurde.

In welchen Situationen lachte Sisi?

„Sie lacht fast nie – nie wenn sie ihr wahres Leben lebt“, beobachtete ihr Griechischlehrer Konstantin Christomanos, „nur wenn das gemeine Leben der Leute oder was wir Realität nennen ihrem inneren Wallen sich entgegenstellt, wenn die Beziehungen von Menschen zu Menschen an sie herantreten und sie berühren — dann lacht sie, leise girrend und convulsivisch bis zu Thränen, als ob sie etwas sehr Komisches erblicke, fast wie unter einer schmerzhaften Empfindung.“ Auf Porträts lachte Sisi also nicht und auch nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur im engen Kreis vertrauter Personen. Da sie coram publico also meist ernst wirkte, verbreitete sich rasch die Ansicht, sie könne nicht lachen.

Wie entwickelte sich das heitere Wesen aus ihrer Kindheit später weiter?

Als Kind war Sisi, die „Zopfl-Liesl“, wie man sie nannte, trotz melancholischer Züge aufgeweckt und großenteils fröhlich. Später, als ihr am österreichischen Kaiserhof das Lachen erst einmal verging, holte sie es sich nach und nach energisch zurück. Dann lachte sie über die Hofkamarilla, ihre seekranken und bei Gewaltmärschen „todtgegangenen“ Hofdamen, ihren eselsköpfigen Mann und „die arme dicke Katharina Schratt“, Franz Josephs „dicken Engel“, die sie ihm ja selbst zugeführt hatte, dass diese sich „den Bauch ins Korsett schürt, dass alle Fugen krachen“. Sie spottete über ihre skurrilen Verehrer, deren Eselshäute sie als blutrünstige „Frau Ritter Blaubart“ im Gedicht „Das Kabinet“ dort aufgehängt hat, mokierte sich über die „verkommene Habsburger Brut“ und „das Familiengewurstel der Wittelsbacher Sippschaft“, über die „dekorierten Affen“ der Weltpolitik, über Englands dicke Queen Viktoria und ihre Erzfeindin Fürstin Pauline Metternich, die sie wegen ihres losen Mundwerks „Mauline Petternich“ nannte. Sie hatte Spaß mit Aussteigern, Abenteurern und Sonderlingen, spielte „Fangermandl“ mit Polizisten und vergnügte sich auch mit Pferden, Hunden und Kühen.

Was brachte die Kaiserin besonders zum Lachen?

Es waren vor allem unerwartete Vorkommnisse. So spielte bei einem Diner 1872 Franz Josephs Flügeladjutant Lobkowitz mit einem Zahnstocher, der plötzlich quer über den Tisch schnalzte und in den Teller der Kaiserin landete, worauf Sisi „das Lachen nicht unterdrücken konnte. Sie platzte nach langem Kampf derart heraus, daß ihr die Tränen über das Gesicht rollten“, erinnerte sich Gräfin Festetics. Als Franz Joseph wissen wollte, was denn geschehen sei, sagte Sisi nur, „ihr sei etwas eingefallen“ und damit meinte sie den Zahnstocher. Großen Spaß bereitete ihr während der Wiener Weltausstellung 1873 auch das kuriose Verhalten des Schahs von Persien Naser al-Din Shah. Fast wäre sie vor Lachen erstickt, als der Schah sie zum Diner führen sollte, sie dazu einfach bei der Hand packte und armeschlenkernd mit ihr in den Speissaal stolzierte. Als 1873 bei Sisis Reitaufenthalt in Combermere der Prince of Wales, der sie verehrte, plötzlich zudringlich wurde, war Sisi, der das missfiel, erleichtert, als ihre Nichte Gräfin Larisch die Treppe hoch kam und das Tête-à-Tête störte, sodass der Prinz die Flucht ergriff, was Sisi derart komisch fand, dass sie ungehemmt in schallendes Gelächter ausbrach.

Heißt das dann, dass Elisabeth auch größtenteils glücklich war?

Nein, denn lachende Menschen müssen nicht immer glücklich sein. Sisis Lachen darf also nicht a priori als Synonym für Glück verstanden werden. Es wäre falsch, ihr kurzes Schmunzeln, ihr leises Auflachen oder ihr schallendes Gelächter damit gleichzusetzen, dass sie glücklich war. Sie konnte auch dann lachen, wenn sie unglücklich war und es war dann oft ein ironisches, sarkastisches Grinsen. Doch es tat ihr sicher gut, ihre Stimmung aufzuhellen, indem sie hin und wieder auch herzlich lachte, auch wenn sie melancholische oder depressive Phasen durchlebte.

Wurde sie dann psychiatrisch behandelt?

Nein, das war nicht der Fall, wenngleich sie von „Narrenhäuser“ oder „Irrenanstalten“, wie die psychiatrischen Einrichtungen damals hießen, ironischerweise fasziniert war. Sie besuchte diese Anstalten deshalb regelmäßig auf ihren Reisen und unterstützte sie auch finanziell. Sie wusste, dass man sie wegen ihrer Ticks für verrückt, ja für geisteskrank hielt. Aber was soll´s, ist sie doch überzeugt, dass die wahren Vernünftigen die Geisteskranken sind. „Ich neige dazu“, so betonte sie, „jene Menschen für vernünftig zu halten, die man wahnsinnig nennt. Die eigentliche Vernunft hält man für ‚gefährliche Verrücktheit‘.“ Von Franz Joseph wünschte sie sich im November 1871 zu ihrem Namenstag allen Ernstes: „Am allerliebsten wäre mir ein vollständig eingerichtetes Narrenhaus.“ Ihre Tochter Marie Valerie machte sich Sorgen: „Mir wird wirklich oft bang für Mama, wenn sie vor lauter Aufregung zu lachen anfängt, vom Narrenhaus spricht.“

Wie wurden ihre Depressionen therapiert?

Ihre Ärzte, etwa Dr. Heinrich Fischer oder Prof. Dr. Theodor Schott, behandelten vor allem ihre körperlichen Symptome. Gegen ihre depressiven Phasen, ihre Ruhelosigkeit und Kopfschmerzen verschrieb man ihr Badekuren, Tinkturen oder Kokain, das damals noch eine legale Substanz war, auch Massagen, die Sisi lakonisch als „kneten“ bezeichnete, wie ihr Griechischlehrer Christomanos notierte. „So wenig kaiserlich ist mir dabei zumute“ versicherte sie ihm „und dabei lachte sie laut auf.“ Sisi selbst therapierte ihre negativen Zustände durch Flucht aus dem Wiener Hof, durch extremen Tatendrang, exzessiven Sport, durch Gewaltmärsche und strenge Diäten sowie durch rastlose Reisen, bei stürmischen Meerfahrten und beim Verfassen von Gedichten, um seelisches Gleichgewicht zu erlangen. Und nicht zuletzt auch mit Hilfe von Humor und Lachen, auch wenn sie diese Seite nur im Kreis vertrauter Personen zeigte. Hier lachte sie dann sozusagen immer wieder kaputt, was sie kaputt machte.

War Elisabeth die positive Wirkung von Lachen bewusst?

Selbst wenn sie davon nicht Kenntnis hatte, so spürte sie doch die positive Wirkung auf ihre Psyche. Lachen erlebte sie in melancholischen Phasen sicher als einen natürlichen Stimmungsaufheller, der biochemische Prozesse im Gehirn anregt und Stress abbaut. Beim Lachen schüttet das Gehirn ja nachweislich Endorphine, Dopamin und Serotonin aus, wodurch negative Gefühle gedämpft und das Wohlbefinden gesteigert werden. Gleichzeitig sinkt der Spiegel der Stresshormone Cortisol und Adrenalin im Blut. Herzhaftes Lachen beansprucht bekanntlich über 100 Muskeln. Nach einem Lachanfall sinken Puls und Blutdruck, die Muskeln entspannen sich tiefgreifend. Lachen im Kreis ihr nahestehender Personen stärkte bei ihr sicher auch das Gefühl der sozialen Verbundenheit und wirkte der für Melancholie typischen Einsamkeit entgegen.

Weshalb ist Humor eine nachhaltige Ressource der Gesellschaft?

Humor hilft, zu negativen Gedanken eine emotionale Distanz aufzubauen und schwierige Situationen besser zu verarbeiten. Heute weiß man auch, dass Lachtherapien, wie etwa „Lachyoga“ Angst, Stress, Melancholie und Depressionen reduzieren können. Ob Lachen nun spontan oder künstlich herbeigeführt wird, beides bewirkt im Gehirn positive hormonelle Effekte. Nur in massiv-depressiven Phasen, die Sisi natürlich auch erlebte, sind Betroffene meist unfähig, Freude oder Humor zu empfinden.

Wie muss man sich Sisis Lachen vorstellen?

Darüber berichten u.a. enge Familienmitglieder, vertraute Hofdamen, Angestellte und Begleiter,  natürlich auch Sisi selbst in ihren Aufzeichnungen und Gedichten, aber auch Historiker, die Quellen über sie ausgewertet haben. Danach gestaltete sich ihr Lächeln, Lachen oder Gelächter der jeweiligen Situation entsprechend, war entweder verhalten, leise, in sich gekehrt, oder herausplatzend. Sie verfügte offensichtlich wie übliche Personen auch über alle Arten des Lächelns, angefangen vom Schmunzeln über ehrliches und falsches Lächeln, verschmitztes, schelmisches, hinterhältiges und dominantes Lächeln, ebenso über ein kokettes, ironisches, herzhaftes, triumphierendes und hämisches Lachen bis zu einem gelegentlichen schallenden, sardonischen Gelächter.

In heiteren Phasen blitze ihr geistreicher, herzlicher Witz auf, wandelte sich unversehens zu einem von Ironie, Spott und Häme grau getönten oder von Zynismus und Sarkasmus schwarz gefärbten galligen Humor."
Alfons Schweiggert

Welche vertrauten Begleiter Elisabeths äußerten sich über ihr Lachen und ihren Humor?

An vielen Stellen in ihren Erinnerungen kommt ihre Hofdame Gräfin Sztáray auf Sisis heiteres Wesen zu sprechen. Als etwa Sisis Friseuse Fanny Feifalik auf einer Reise als Kaiserin auftrat, fand Elisabeth „diese Humoreske sehr amüsant“. Mehrfach ist sie sogar „den ganzen Tag heiter und gesprächig“. 1895 bei einem Diner im Achilleion auf Korfu war sie, so Irma Sztáray, „hinreißend liebenswürdig und heiter, lachte herzlich über die eine oder andere scherzhafte Wendung des Gespräches“ und führte mit „Anmut und Heiterkeit die Konversation.“ In den Aufzeichnungen ihrer Hofdame ist auch die Rede davon, dass sie „ausgezeichneter Laune“ ist, „scherzte und viel lachte.“ In Zürich etwa bei einem Frühstück bei Bauer au Lac „strahlte sie von Geist und Witz und ich kam aus dem Lachen gar nicht heraus.“ Ein anderes Mal in San Remo „scherzte sie viel mit ihrer Schwester Gräfin Trani.“ Auch einfache Menschen brachten Elisabeth zum Lachen, so etwa in Rauenthal „Mutter Winter“, die Besitzerin des Nassauer Hofes. Bei Frau Winters Bemerkung über ihren Wein „Das ist der Wein, von dem die Weiberln zutunlich werden“, lachte die Kaiserin „hell auf.“

Gibt es überhaupt Menschen, die nicht lachen können?

Ja, die gibt es tatsächlich. So können aus körperlichen, neurologischen oder psychologischen Gründen manche Menschen nicht oder kaum lachen, so zum Beispiel beim „Möbius-Syndrom“, einer seltenen, angeborenen Erkrankung, bei der bestimmte Nerven im Gesicht gelähmt sind, sodass die Betroffenen nicht lächeln oder lachen können. Zwar ist das Gefühl von Freude vorhandeln, aber die Gesichtsmuskeln machen nicht mit. Bekannt ist auch bei bestimmten Hirnschäden, etwa nach einem Schlaganfall oder bei Multipler Sklerose das pathologische Lachen. Betroffene lachen dann unkontrolliert ohne echten Auslöser und selbst wenn sie traurig sind oder die Situation ernst ist. Nach einem solchen Lachanfall fühlt sich der Betroffene oft erschöpft oder beschämt. Angeblich gibt es auch Menschen, die das Lachen bewusst vermeiden, etwa aus Angst vor Gesichtsfalten.

Gehörte diesbezüglich nicht auch Sisi dazu?

 Ja, wie es heißt habe sie Angst vor Falten, dem Verlust ihrer Schönheit und dem Altern gehabt. Um Falten vorzubeugen habe sie mit einer auf der Innenseite mit rohem Kalbfleisch ausgelegten Ledermaske geschlafen. Auch Masken aus zerquetschten Erdbeeren oder Gurken nutzte sie für einen frischen Teint und ebenso spezielle Cremes. Natürlich entstand auch das Gerücht, sie habe, um Falten zu vermeiden, kaum gelacht. Doch auf das Lachen verzichtete sie trotz ihres „Falten-Horrors“ nicht. Dass sie sich ab dem 32. Lebensjahr dann nicht mehr malen und fotografieren ließ und ihr Gesicht mit Fächer und Schirm verdeckte, kommentierte sie mit der ironischen Bemerkung, sie müsse ihr „erhabenes Gesicht“ verstecken. Vielleicht tat sie das aber auch nur, um dahinter ungestört lachen zu können, wenn ihre Umgebung sie dazu reizte.

Warum fanden Sie es wichtig, in einem Buch auf Elisabeths Humor und ihr Lachen einzugehen?

Weil man dieses Thema seltsamerweise aus ihrem Leben bislang ausgeblendet und vernachlässigt hat. Es war Zeit, die längst fälligen Korrekturen an dem Zerrbild einer ausschließlich melancholischen, schwermütigen und abweisend wirkenden Kaiserin vorzunehmen und zu zeigen, wie sie hinter den Kulissen der Macht, fernab vom Hofprotokoll herzlich lachen konnte und dass sie einen skurrilen Humor besaß. „Sie scherzte so lieblich und hatte etwas Berückendes in dem Grübchen am Kinn und dem reizenden Lächeln, das um die ernsten Augen spielte“, erkannte nicht nur ihre Freundin, die rumänische Königin Elisabeth, die sich als Schriftstellerin „Carmen Sylva“ nannte.

Über den Autor:

ALFONS SCHWEIGGERT beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Kaiserin Elisabeth und ihrer Lebenswelt und veröffentlichte schon mehrere Bücher über sie, ihren Vater, Herzog Max in Bayern, über König Ludwig II. und dessen Bruder Otto I. Als Kurator gestaltete er drei erfolgreiche Ausstellungen über „Ludwig II. in Schloss Berg“ (2018), dessen kranken Bruder „Otto“ (2016) und über „Dr. Bernhard von Gudden, Gutachter Ludwigs II.“ (2014). Von 1993 bis 2010 war Schweiggert am Staatsinstitut ISB, München, als Institutsrektor tätig. Auszeichnungen: u.a 1995 „Bayer. Poetentaler“. Als Co-Präsident stand er 17 Jahre der Autorenvereinigung „Münchner Turmschreiber“ vor. www.alfons-schweiggert.de  

Das Buch:

Alfons Schweiggert: Das Lachen der Kaiserin Elisabeth. Hinter den Kulissen der Macht. Volk Verlag 2026.

Weiterführende Informationen:

„Lacht kaputt, was euch kaputt macht“. Interview mit Alfons Schweiggert

Dr. Alexandra Hildebrandt schreibt über Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Kernthemen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Beim Verlag SpringerGabler habe ich die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement herausgegeben sowie "Klimawandel in der Wirtschaft".

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