Das Unplanbare als Lebensprinzip
Um die aktuellen Herausforderungen und Probleme zu lösen, benötigen wir mehr Zukunftskompetenz und Aufgeschlossenheit gegenüber dem Unplanbaren. Planung macht in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen durchaus Sinn, funktioniert in einer Komplexitätsgesellschaft aber nur bedingt.
„Ja, mach nur einen Plan – sei nur ein großes Licht – und mach dann noch 'nen zweiten Plan – geh‘n tun sie beide nicht.“Bertolt Brecht, Dreigroschenoper
Das singt der Bettlerkönig Jonathan Jeremias Peachum in seinem „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“. Wer sein Leben wie Rumpelstilzchen von Anfang an verplant („Heute back ich, / morgen brau ich, / übermorgen hole ich der Königin ihr Kind“), sich ständig Ziele setzt und nur darauf hinarbeitet, sie zu erreichen, der verpasst vielleicht all die Chancen, Möglichkeiten und Zufälle, die nicht auf der Hauptstraße, sondern nur auf den Nebenstraßen zu finden sind. Mit dem Zufall tun sich allerdings einige Forscher schwer, weil ihre Arbeit vor allem auf der Annahme beruht, dass alles, was in unserem Universum geschieht, den Spielregeln der unveränderlichen Naturgesetze gehorcht. Doch spätestens seit der Einführung der Quantenphysik können auch Naturwissenschaftler den Faktor Zufall nicht mehr ignorieren, denn er führt im Mikrokosmos „Regie“. In der Welt der Atome sind Einzelereignisse nicht genau vorhersagbar. Sie treten nur noch mit einer bestimmten, immerhin aber berechenbaren Wahrscheinlichkeit ein. Diesen Verzicht auf Kausalität wollte anfangs auch Albert Einstein nicht akzeptieren („Gott würfelt nicht”). Doch die Erfolgsgeschichte der Quantentheorie lehrte die meisten Physiker, den einst ungeliebten Zufall zu akzeptieren.
Für die Schriftstellerin Christa Wolf sollte ein Tag in einem jeden Jahr wenigstens ein zuverlässiger Stützpfeiler für das Gedächtnis sein: „pur, authentisch, frei von künstlerischen Absichten beschrieben, was heißt: dem Zufall überlassen und ausgeliefert.“ Was diese zufälligen Tage mit ihr machten, was sie ihr „zutrieben“, konnte und wollte sie nicht steuern. So stehen in dem von ihrem Ehemann Gerhard Wolf herausgegebenen Band „Ein Tag im Jahr. 2001 – 2011 im neuen Jahrhundert“ scheinbar belanglose Tage neben „interessanteren“. Banalem ist sie nicht ausgewichen, „Bedeutendes“ wurde weder gesucht noch inszeniert.
Mit einer gewissen Spannung begann ich darauf zu warten, was dieser Tag des Jahres, wie ich ihn bald nannte, mir in dem laufenden Jahr bringen würde.“Christa Wolf
Theologen und Philosophen haben jedoch schon immer versucht, Zufälle zu beschreiben und in ein Denksystem einzubinden. Im antiken Denken sind Zufälle in eine „Weltvernunft“ eingebettet – in ein ordnendes Prinzip, das Räume für Unerwartetes lässt. Das menschliche Gehirn mag den Zufall allerdings nicht, weil es vor allem darauf ausgelegt ist, permanent nach Mustern zu suchen. Es filtert dafür enorme Datenmengen. Da der Zufall kein erkennbares Muster aufweist, wird er häufig abgelehnt und in ein Muster gepresst. „Ob es uns gefällt oder nicht, unser Leben besteht nun mal aus einer Aneinanderreihung von Zufällen. Und weil wir tagtäglich tausende Dinge erleben, ist es einfach total unwahrscheinlich, dass nichts Unwahrscheinliches passiert“, schreibt der Physiker und Wissenschaftskabarettist Vince Ebert, der sich in seinem Buch „Unberechenbar. Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen“ und in Vorträgen wie „Zufällig erfolgreich“ mit dem Thema beschäftigt. Ein gewisser Grad von Zufall ermöglicht neue Denkmuster, und Experimentieren kreiert die Bedingungen dafür, dass der Zufall wirksam werden kann. Zufälle sind für Ebert sogar notwendige Bedingungen von Innovationen.
Unplanbarkeit als zentrale künstlerische und architektonische Methode
Vor allem Architektur und künstlerisches Schaffen erscheinen häufig als Disziplinen, in denen komplexe Prozesse durch Entwurf, Organisation und technische Mittel beherrschbar gemacht werden sollen. Dass auch sie von Momenten der Unsicherheit, des Zufalls und der Unvorhersehbarkeit durchzogen sind, zeigen die Kunstwissenschaftlerin Dr. Nina-Marie Schüchter (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) und die Kunsthistorikerin Dr. Hannah Schiefer (Universität Siegen) in ihrem Sammelband „Das Unplanbare. Kollaboration, Komplizenschaft und Ko-Kreativität als künstlerische Prinzipien“. Das Buch versteht sich als Beitrag zu einer Diskussion, die kreative Praxis als dynamische Aushandlung zwischen Planung und Offenheit begreift. Es wird danach gefragt, welche ästhetischen, methodischen und epistemischen Perspektiven entstehen, wenn das Unvorhersehbare bewusst in künstlerische und architektonische Prozesse integriert wird. Im Kontext der Nachhaltigkeit wird gezeigt, wie die Zusammenarbeit mit nicht-menschlichen Akteuren (wie der Natur oder Tieren) produktive, unvorhersehbare Impulse liefert. Dies bietet neue, flexiblere Perspektiven für eine nachhaltige Gestaltung von Raum und Umwelt.
Das Buch:
Nina-Marie Schüchter / Hannah Schiefer (Hg.): Das Unplanbare. Kollaboration, Komplizenschaft und Ko-Kreativität als künstlerische Prinzipien. Transcript Verlag, Bielefeld 2026.
Weiterführende Informationen:
Zukunft braucht Zufall: Warum wir offen für das Unberechenbare sein sollten
Odo Marquard: Apologie des Zufälligen. Stuttgart 1986.
Jacques Monod: Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie. 3. Auflage München 1971 [1970].
Visionäre von heute – Gestalter von morgen. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Neumüller. SpringerGabler Verlag 2018.
