Karl Valentin und die Politik: Interview mit Alfons Schweiggert
Hintergrund des Beitrags ist ein aktueller Post auf Instagram, der folgendes Zitat enthielt und zahlreiche Reaktionen hervorrief: „Auf dem Marienplatz grüßte 1938 ein Münchner Valentin mit „Heil Hitler!“ Darauf Valentin: Geht leider nicht, bin kein Psychiater.“ Viele fragten nicht nur nach der Quelle, sondern auch nach Valentins Verhältnis zur Politik.
Nachgefragt bei Alfons Schweiggert, Autor des Buches „Karl Valentin und die Politik, das die Presse als “Rechtfertigung eines Künstlers in einer schwierigen, ja tödlichen Zeit“ bezeichnete.
Hildebrandt: Woher kommt Ihr Interesse am Thema „Karl Valentin und die Politik“?
Schweiggert: Das war meine jahrelange Beschäftigung mit dem Tragikomiker Karl Valentin. Dabei interessierte mich natürlich auch seine politische Einstellung. Valentins Leben spielte sich ja in einem Zeitraum ab, der von mehr als einem Dutzend einschneidender politischer Phasen, weltbedeutender Ereignisse und Veränderungen geprägt war: Monarchie (bis 1918) – Prinzregentenzeit (1886-1912) – Erster Weltkrieg (1914-1918) – Die Novemberrevolution (1918) – Zwei Räterepubliken (1919) – Weimarer Republik (1919-1929) – Der Hitler-Putsch (1923) – Inflation (1923) – Weltwirtschaftskrise (1929) – NS-Regime (1933-1945) – Zweiter Weltkrieg (1939-1945) – Nachkriegsjahre (1945-1948). Wie verhielt sich Valentin in diesen weltgeschichtlich brisanten Zeiten? Wie reagierte er in seinem alltäglichen Leben und in seinem künstlerischen Schaffen auf die zahlreichen gravierenden politischen Ereignisse? Darauf versuche ich in meinem Buch „Karl Valentin und die Politik“ Antworten zu geben.
Hielt sich Valentin von den Nazis fern?
Valentin war ein ängstlicher, schwieriger Künstler, dazu ein Hypochonder, also ein Mensch, der sich immer krank fühlte. Er war sozusagen ein lebenslang kranker Mensch, also das genaue Gegenteil der Herrenmenschen des 3. Reiches, die angeblich keine Furcht kannten und kraftvoll und gesund waren. Valentin war nervlich kaum belastbar. Immer wieder kontaktierte er Psychologen oder Nervenärzte, fühlte sich von Nervenzusammenbrüchen bedroht. Hitler und die braune Horde schätzten ihn sicher nicht, da er keine heldische Ausstrahlung besaß. Allein bezüglich seines Aussehens und der von ihm auf der Bühne und im Film dargestellten Rollen verkörperte er das genaue Gegenteil dessen, was die National-sozialisten verkörpert sehen wollten.
Aber Hitler soll sich zumindest anfänglich über Valentins Humor amüsiert haben …?
Ja, bei einer persönlichen Begegnung mit Valentin sagte Hitler zu ihm: „Über Ihre Reden habe ich schon oft gelacht.“ Valentin entgegnete: „Das is jetzt gspaßig, über Ihre Redn hab ich noch nia g´lacht.“ Hitler fühlte sich brüskiert. Solche und andere Anekdoten belegen Valentins subversiv groteske, nonkonformistische Einstellung gegenüber der Diktatur des Dritten Reiches sowie gegenüber kriegerischen Auseinandersetzungen. 1933 stellte Valentin in seinem Panoptikum die maßstabsgetreue Nachbildung einer Guillotine auf und richtete einen Folterkeller ein. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit der Besucher auf die Formen politischer Gewalt, wie sie im Dritten Reich an der Tagesordnung waren.
Gibt es noch andere Anekdoten, die Valentins Aversion gegen Hitler und die Nazis belegen?
Ja, da kamen mehrere in Umlauf. Als man Valentin bei Anbruch des 3. Reiches fragte, was er denn dazu sage, meinte er: „Ich sag nix – das wird man doch noch sagn dürfn.“ Nach der „Volksabstimmung“ im April 1938 traf Valentin einen Bekannten. Der fragte: „Und was sagen Sie jetzt dazu? 98 Prozent für Hitler!“ – „Ja, komisch“, murmelte Valentin, „i triff überall nur die zwei Prozent.“ Ein anderes Mal äußerte Valentin: „Der Hitler hat Glück ghabt, daß er nicht Adolf Kräuter geheißn hat, sonst hätt man immer `Heil Kräuter´ schrein müssn.“ Als Hitler Amerika den Krieg erklärte, sahen einige Bekannte Valentins auf dem Globus nach. Sie deuteten auf die riesigen Flächen von Amerika und Russland. Da fragte Valentin: „Und Deutschland, wo liegt denn das?“ Einer nahm Valentins Finger und tupfte ihn auf einen kleinen Punkt Europas. Erschrocken fragte da Valentin: „Ja, weiß denn das der Hitler?“
Warum machte Valentin trotz seiner Angst Witze über den Nationalsozialismus?
Weil Valentin das Chaotische, Morbide und Lächerliche in dieser Horde erkannte. Das Groteske zog ihn an, forderte ihn zu häufig gefährlichen Äußerungen heraus. Hitler amüsierte sich nur anfänglich über den Komiker – wegen seiner grotesk-destruktiven Ideen. Bei Valentin mündet auf der Bühne ja vieles im Chaos. Und weil Hitler zunächst über Valentin lachen konnte, taten dies auch die dem Führer hündisch ergebenen Nazis. Doch da sich Valentin nicht parteikonform verhielt, rückten Hitler und sein Gefolge immer mehr von ihm ab. Schon 1933 wurde das 1932 erschienene „Karl Valentin Buch“ verboten, weil sich darin „Anerkennungsartikel“ von jüdischen Künstlern fanden. Schließlich verboten sie sogar seine Filme, u.a. „Die Erbschaft“ wegen angeblicher „Elendstendenzen“ und untersagten die Aufführung seines Films „Der Sonderling“. Solche Filme, wie Valentin sie drehte, widersprachen ihrer Ideologie vollkommen. Damit war Valentins Filmkarriere beendet, ehe sie begonnen hatte.
War Valentin die Existenz von Konzentrationslagern bekannt?
Ja, so kannte er etwa das Konzentrationslager Dachau. Zu einem Bekannten meinte er einmal: „Stell dir an ganz großen Platz vor. Und um den Platz eine hohe, zwei Meter dicke Mauer. Und um die Mauer einen ganz tiefen Graben. Und um den Graben an breitn, elektrisch geladenen Stacheldrahtverhau. Und auf der Mauer stehn Maschinengewehre. Und zwischen den Maschinengewehren patrouillieren schwerbewaffnete SS-Männer. --- Aber wenn ich will, komm ich doch hinein.“ Valentin konnte sich tatsächlich nie sicher sein, wegen einer satirischen Äußerung gegen die Nazis selbst in ein Konzentrationslager gesteckt zu werden. Es gelang ihm aber, seine Kritik am Regime so versteckt zu artikulieren, dass nur aufmerksame Beobachter seine ablehnende Haltung bemerkten, die von den NS-Spitzeln zu seinem Glück aber unentdeckt blieb.
Was machte Valentin, als der zweite Weltkrieg ausgebrochen war?
Wo andere verbluteten, wollte er nicht mehr als Harlekin des Galgenhumors auf den Brettern stehen und er beendete von einer Stunde zur anderen seine Bühnenauftritte. Von 1942 bis 1947 trat Valentin nicht mehr auf. Er „emigrierte“ gleichsam nach Planegg, von ihm als „Ausland“ bezeichnet. Dort verfasste er vereinzelt Artikel und Dialoge, in denen er sich kritisch zu den Themen Krieg, Denunziation und Weltuntergang äußerte. Seinen kargen Lebensunterhalt verdiente er mit Schreinerarbeiten und als Hausierer.
Was hat Valentin nach Ende des Zweiten Weltkriegs und des Dritten Reiches gedacht?
Ja, seine Gedanken finden sich in seinem Brief vom 31. Januar 1946 an die ihm befreundete Karikaturistin Franziska Bilek. Darin erinnert er die Bilek an ein Gespräch, das 1942 stattgefunden hatte und das er mit der Frage begonnen hatte: Was haben wir eigentlich verbrochen, dass wir nun einen zweiten Krieg auch noch mitmachen müssen. Ist das noch ein Leben? Heuchlerisch muss man sich überall mit Heil Hitler bekennen - nichts als Verbote - keine Rechte mehr - ich habe das Leben so satt; am liebsten würde ich Schluss machen.´ Das war im Jahre 1942. Mit vollem Brustton auf offener Strasse fielen Sie mir ins Wort: Nein Herr Valentin, da denke ich ganz anders. Nein - leben will ich noch, und zwar so lange noch, bis ich diese Hitler-Bonzen alle an den Bäumen hängen sehe - so lange will ich noch leben.´ Und solche Äußerungen, fürchte ich, haben Sie in dieser grauen Zeit wahrscheinlich nicht bloß mir gegenüber gemacht - und deshalb hatte ich Angst um Sie - Zwar hängen diese Burschen noch nicht (zur Zeit sitzen Sie noch) aber wenn sie hängen so haben Sie es noch erlebt; die Hängenden haben es nicht mehr erlebt, weil dieselben dann ausgelebt haben. Die haben aber ein schönes Leben hinter sich - und wir - wir hatten zwölf Jahre kein schönes Leben und ob wir noch ein schönes Leben bekommen, das wissen die Götter und wenns die auch nicht wissen, dann weiß ich nicht, wer das eigentlich woaß.´“
Was war Karl Valentin nun im Dritten Reich: ein Widerstandskämpfer, ein Opportunist oder womöglich gar ein Nazi-Propagandist?
Valentin war keinesfalls bekennender Anhänger oder Propagandist des Nazi-Regimes, kein Opportunist aber auch kein Widerstandskämpfer. Er war ein angstbesessener Komiker, dem das Entsetzen den Mund verschloss. Doch seine scheinbar harmlosen Späße eines „Blödsinnmachers“ entwickelten trotzdem eine subversive Kraft. Der bayerische „Partikularist“, wie ihn Carl Zuckmayer nannte, versuchte in einem totalitären System als Pazifist und Nonkonformist zu überleben. „Er hatte das Grauen vor `der Partei´“, notierte Wilhelm Hausenstein – er hatte die Panik vor ihr. Dies war genau die ihm von seiner seelischen Konstitution her zugeordnete Haltung, und niemand darf sich angesichts dieses psychologischen Sachverhaltes unterstehen wollen, zu mäkeln, dies sei zu wenig gewesen.”
Vielen Dank für das Gespräch.
Weiterführende Informationen:
Alfons Schweiggert: Karl Valentin und die Politik. Mit einem Vorwort von Gerhard Polt, Michaelsbund Verlag, 2011.
Herbert Becke, Gunter Fette, Alfons Schweiggert: 366 Tage mit Karl Valentin. Der immer gültige Kalender des Humors. Reich illustrierter Kalender mit einzigartigen Bildern aus dem Leben Karl Valentins – zeitlos und ewig gültig. Volk Verlag, München 2026.
Alfons Schweiggert – Bücher über Karl Valentin:
Karl Valentins Panoptikum. Wie es ächt gewesen ist. Gezeichnet von Alfons Schweiggert. München 1985
Karl Valentin. Ja, lachen Sie nur. Die schönsten Karl-Valentin-Anekdoten und -Witze. Dachau 1996
Karl Valentin und die Frauen. München 1997
Karl Valentins Stummzeit. Die Grünwalder und Planegger Jahre.1942 bis 1948. München 1998
Karl Valentin. Der Münchnerischste aller Münchner. München 2007
Karl Valentin – Was gibt’s da zum Lachen? Neue Valentin-Anekdoten und -Witze. Dachau 2008
Ich bin ja auch kein Mensch Ich bin ein Bayer. Husum 2011
Karl Valentin und die Politik. Vorwort von Gerhard Polt. München 2011
Karl Valentin. Sein Leben – Seine Werke – Sein München. München 2012
Ein gspinnerter Teifi. Karl Valentins letzte Jahre. München 2013
Karl Valentins fesche Mizzi. Die Schauspielerin Annemarie Fischer, München 2022
Karl Valentin und die Musik. München 2024
