Wie Abfall die Welt bewegt
Das interdisziplinäre Handbuch „Wie Abfall die Welt bewegt“ widmet sich den globalen Beziehungen zwischen Müll, Mensch und Umwelt. Untersucht wird, wie Schadstoffe, Mikroplastik oder globale Müllströme als Effekte sozialer Praktiken und Infrastrukturen in der Umwelt zirkulieren.
Seit es Menschen gibt, wird Müll produziert, was auch ein moralisches Problem ist, denn das, was weggeworfen wird, sagt auch viel über eine Gesellschaft aus. Bereits in den 1990er-Jahren überholte die Produktion künstlicher Stoffe beispielsweise jene des Werkstoffs Stahl. Das bislang produzierte Plastik genügte bereits im Jahr 2018, um die Erde sechsmal mit Folie einzupacken.
„Abfall in Bewegung“ (Waste in Motion) ist auch der Name eines interdisziplinären deutschen Forschungsnetzwerks, das die Mobilisierung, Ausbreitung und Transformation von Abfällen und Schadstoffen als soziomaterielle Prozesse untersucht. Geistes-, sozial- und naturwissenschaftliche Ansätze der Abfallforschung werden hier – wie auch im genannten Buch – in einen strukturierten, interdisziplinären Austausch gebracht. Analysiert wird, wie Dinge durch Bewertung und Klassifizierung zu „Abfall“ werden und wie sich dieser Aggregatzustand im Laufe der Zeit verändert. Die sozialwissenschaftliche Abfallforschung (Discard Studies) verknüpft Perspektiven aus der Sozial- und Kulturgeografie, der Stadtforschung, der Umweltsoziologie sowie der Raum- und Wirtschaftstheorie.
Müll und Abfall werden nicht als rein technisches oder ökologisches Problem betrachtet, sondern als das Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, Machtstrukturen, kultureller Praktiken und globaler Ungleichheiten. So produzieren die Länder des globalen Nordens pro Kopf ein Vielfaches der Abfallmenge von Regionen südlich der Sahara. Die Zersetzung und Verbrennung von Müll verursacht jährlich fast 1,6 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente (entspricht 5 % der weltweiten Treibhausgase – mehr als der gesamte globale Luftverkehr).
Der wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurs verknüpft Abfallinfrastrukturen und Fürsorge (Care-Arbeit) verstärkt miteinander.
Ohne kontinuierliche „Sorge“ für die Hinterlassenschaften unserer Konsumgesellschaft würde das öffentliche Leben kollabieren. Die Abfallhierarchie des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) ist ein struktureller Ausdruck von globaler Fürsorge. Abfallwirtschaft wird heute als eine lebensnotwendige Erhaltungsarbeit verstanden, die gesellschaftliches Überleben, öffentliche Gesundheit und ökologische Nachhaltigkeit überhaupt erst ermöglicht.
Die Soziologin Nadine Arnold zeigt in ihrem Beitrag, dass Standardisierungsprozesse in Märkten eine Hauptursache für die Entstehung von Lebensmittelabfällen sind. Food Waste und Standards sollten zusammengedacht und Lebensmittelabfälle wieder in den Konsummarkt integriert werden. Es wird herausgearbeitet, dass das Bewusstmachen und Sichtbarmachen von Lebensmittelabfällen zu neuen Formen der Organisation führt. Sobald Food Waste gesellschaftlich nicht mehr ignoriert, sondern aktiv thematisiert wird, entstehen allerdings neue Widersprüche. Supermärkte und Gastrobetriebe geraten in ein Spannungsfeld zwischen ökonomischer Effizienz, starren Logistikketten und dem moralischen Anspruch, Verschwendung zu vermeiden.
Aufgezeigt wird auch, dass Bioplastik die Entsorgungssysteme vor massive Probleme stellt und derzeit meist verbrannt wird, anstatt biologisch abgebaut oder recycelt zu werden. Während die Industrie Biokunststoffe häufig als umweltfreundliche Lösung vermarktet, warnen Entsorgungsbetriebe und Umweltverbände vor gravierenden Fehlanreizen und technischen Hürden in der Praxis. Über 95 Prozent der deutschen Kompostierungsanlagen können Bioplastik nicht normgerecht abbauen.
Die Verweildauer von Biokunststoffen in den Rotteanlagen ist deutlich länger als die von reinem organischen Küchenabfall. Wegen fehlender sortenreiner Stoffströme ist ein werkstoffliches Recycling aktuell wirtschaftlich nicht umsetzbar. Forschungsprojekte wie EcoPBS entwickeln biologisch abbaubare Polymere aus Grünschnitt, Heu oder Algen, um die Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau zu umgehen. Laut Berichten von CORDIS (EU) werden Enzymtechnologien erprobt, um gemischte Altkunststoffe effizient in Monomere zu spalten und daraus neue, kreislauffähige Biopolymere zu generieren.
Bauabfälle machen den größten Anteil des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland aus.
Eine besondere Herausforderung ist ihre physische Beschaffenheit. Sie unterscheidet sich grundlegend von anderen Abfallströmen. Zu den damit verbundenen Herausforderungen gehören rechtliche Hürden (das aktuelle Abfallrecht stuft wiederverwendbare Bauteile häufig vorschnell als Abfall ein, was den Wiederverkauf erschwert), fehlende Infrastruktur (häufig fehlt es an standardisierten Märkten, Logistikketten und Aufbereitungsanlagen für gebrauchte Baustoffe), Normen und Standards (viele Industrienormen verlangen nach wie vor zertifizierte Neuware statt geprüfter Sekundärrohstoffe). Hinzu kommt, dass historische und moderne Gebäude oft aus komplexen Materialverbunden (z.B. Beton, Dämmstoffe, Gips, Metalle) bestehen – das macht eine saubere Trennung im Nachgang sehr schwierig.
Altholz, Asbest oder teerhaltige Straßenaufbrüche binden historische Umweltgifte. weshalb eine sortenreine Trennung für ein funktionierendes Baustoff-Recycling ("Urban Mining") gesetzlich vorgeschrieben und wirtschaftlich notwendig ist. Die Entsorgungswirtschaft von Bauabfällen ist in Deutschland durch die Gewerbeabfallverordnung (GewAbfV) und das Kreislaufwirtschaftsgesetz geregelt. Die Kreislaufführung von Baumaterialien (zirkuläres Bauen) ersetzt das lineare Prinzip von „bauen, nutzen, wegwerfen“ durch geschlossene Stoffkreisläufe. Ziel ist es, den Verbrauch neuer Rohstoffe und den Abbruchmüll zu senken, indem Baustoffe und Bauteile nach der Nutzung gereinigt, wiederverwendet oder hochwertig recycelt werden.
In ihrem Beitrag „Kreislaufwirtschaft zwischen Konzept und Praxis“ nähern sich Kathrin Eitel (Universität Zürich) und Nicolas Schlitz (Universität Graz) dem Thema Müll und zirkuläres Wirtschaften aus einer sozialwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Perspektive: Im Fokus steht das Spannungsfeld zwischen den theoretischen, oft idealisierten Modellen einer „Circular Economy“ und den tatsächlichen, materiellen und gesellschaftlichen Realitäten (der Praxis). Aufgezeigt wird, dass Müll – vor allem Elektroschrott – kein festes Endprodukt ist, sondern durch Wert- und Entwertungsprozesse ständig in Bewegung bleibt. Abfälle bleiben ein fester Bestandteil unserer Umwelt und können nicht einfach durch „Circular Economy“ unsichtbar gemacht werden.
Das Buch:
Yusif Idies / Sven Bergmann / Kathrin Eitel / Friederike Gesing / Tobias Gumbert / Johanna Kramm / Stefan Laser / Aleksandra Ross / Nicolas Schlitz / Sarah Schönbauer / Waste in Motion-Kollektiv (Hg.): Wie Abfall die Welt bewegt – Handbuch sozialwissenschaftliche Abfallforschung. Transcript Verlag, Bielefeld 2026.
Weiterführende Informationen:
Hand in Hand: Rohstoffsicherung durch Abfall und Klimaschutz
Nadine Speidel / Anne Kathrin Antic: Praxishandbuch Abfallmanagement. Wie Unternehmen die Kreislaufwirtschaft in Schwung bringen. Haufe Group. Freiburg, München, Stuttgart 2023.
David Evans: Verschwendung. Wie aus Nahrung Abfall wird. Theiss Verlag – WBG. Darmstadt 2017.
