Probleme beim Einloggen
Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

für Karriere, Bewerbung und Führung

Karriere? – Sorry, keine Zeit!

Bild: 123rf.com, #43604059

Wieviel Zeit investieren Sie in Ihre berufliche Entwicklung? Warum Selbstreflexion und Mitarbeiterentwicklung oft zu kurz kommen und was Sie tun können, damit Ihre Karriere nicht auf der Strecke bleibt.  

'Auf meine Karriere habe ich doch heute eh keinen Einfluss mehr', denken Sie womöglich an dieser Stelle, überlassen Ihre Entwicklung lieber dem Zufall und lassen sich treiben. Der Frust ist bei vielen Mitarbeitern und Führungskräften hoch, die Wechselbereitschaft auch. Doch selbst etwas verändern? – Besser nicht! Zu gefährlich, zu unsicher, zu schwierig. Sorgen und Ängste im Zuge von Veränderungen sind völlig normal, sie definieren die Grenzen unserer persönlichen, durch Gewohnheiten geprägten Komfortzone. Doch zu ihnen gesellt sich neurerdings ein weiterer Grund für Nichtveränderung, Stillstand und Aushalten: „Keine Zeit!“

Selbstreflexion? – Das passt grad' ganz schlecht!

Regelmäßig sagen mir Klienten im Coaching, dass sie in ihrem Alltag keine Zeit mehr finden, über sich, ihr Leben und ihre berufliche Zukunft nachzudenken. Sie kommen zu mir und ich spüre förmlich, wie sehr sie die Zeit genießen, in der es einmal ausschließlich nur um sie geht. Darum, was aktuell und in den nächsten Jahren wirklich wichtig ist im Beruf und auch im Leben. Ob der einmal eingeschlagene und oftmals inzwischen ausgetrampelte Weg und seine Richtung noch hierzu passen. Sie finden sonst keine Zeit zum Innehalten, zum Beobachten mit Abstand von außen, zum gelassen neugierigen Entdecken sich bietender Möglichkeiten und Chancen.

Dabei scheint „Keine Zeit!“ immer mehr zum Reflex aus Selbstschutz oder sogar zum Statussymbol in unserer schnellen Arbeitswelt zu werden. Es geht längst nicht mehr um die echte Entscheidung über knappe Ressourcen für die effiziente Verwendung von Zeit. Wer Stress hat, ist wichtig und erfolgreich. Wer keinen Stress hat, der der ist uncool – so kommt es mir manchmal vor. Eine Haltung, die bei vielen Angestellten nicht nur mit der Zeit an der Gesundheit nagt, sondern mit der sowohl Karriere als auch Privatleben Gefahr laufen, auf der Strecke zu bleiben.

Veränderung ist ein Prozess und braucht Zeit. Wer sie sich nicht nimmt, kann schnell in eine Abwärtsspirale aus wachsender Unzufriedenheit sowie einer durch Frust gespeisten Suche nach Orientierung und Klarheit geraten, die immer noch mehr Zeit frisst. Wer hingegen Zeit in positive Veränderung investiert, wird nicht nur Zufriedenheit, sondern in der Folge auch mehr Zeit gewinnen.

Mitarbeiterführung? – Sorry, keine Zeit!

Was für Angestellte innerhalb einer Organisation zutrifft, gilt vielfach auch für Arbeitgeber im Großen. Führungskräfte verlieren im Druck des von hektischem Baustellenmanagement geprägten Tagesgeschäfts immer stärker den persönlichen Kontakt zu ihrem Team, jeder wurschtelt irgendwie für sich. Die aktuelle Forsa-Studie  "Führungsbarometer" kommt zu dem Ergebnis, dass Führungskräfte im Schnitt 21 Prozent ihrer Zeit für sämtliche Führungsaufgaben und 10 Prozent zur ungebundenen Selbstreflexion verweden. Die individuelle Förderung von Mitarbeitern im Team findet gerade einmal mit 1 Stunde pro Woche statt. "Für Führung bleibt mir kaum Zeit, das Tagesgeschäft geht schließlich vor", höre ich häufig bei der Arbeit mit Führungskräften. 

Viele Angestellte kommen am Jahresanfang zu mir und berichten enttäuscht von ihren Jahresgesprächen mit ihrer Führungskraft. Die Regel sind kurze Gespräche mit standardisierten Bewertungsbögen zur Dokumentation von Leistungen und Zielen. Und dann Ablage P – wie Personalakte. Sie hätten gerne intensiver und offener mit ihren Vorgesetzten über ihre mögliche Entwicklung im Unternehmen gesprochen. Und auch Führungskräfte selbst beklagen, dass sie die vielen Gespräche mit ihren Mitarbeitern kaum noch eingeplant bekommen, manchmal ziehen sie sich weit in das Folgejahr. "Keine Zeit" selbst einmal im Jahr für gezielte Mitarbeiterentwicklung. Kein Wunder, dass in den Medien "Schafft das Jahresgespräch ab!" jedes Jahrs auf Neue die Runde macht, denn so wird Mitarbeiterentwicklung zur lästigen Pflichtveranstaltung ohne echtes Interesse.  

Führung ist das Management guter Beziehungen. Wie kann eine Führungskraft zu seinen Mitarbeitern in Kontakt kommen und eine gute Beziehungsebene aufbauen, wenn sich Kommunikation auf E-Mail Einzeiler oder Kurznachrichten beschränkt. Wie kann eine Führungskraft Mitarbeiter gezielt entwickeln, wenn sie nicht weiß, was jedem einzelnen Menschen im Team persönlich wichtig ist, welche die individuellen Stärken und Talente sind und welche Ziele er oder sie verfolgt? 

Wer bewusst Zeit in Führung und den Aufbau guter Beziehungen zu seinen Mitarbeitern investiert, der wird nicht nur motivierte und gesunde Mitarbeiter sowie gute Leistungen, sondern in der Folge auch wieder mehr Zeit für sich selbst und die eigenen Themen in dieser Funktion ernten. 

Personalentwicklung? – Vielleicht nächstes Jahr! 

Eine Ebene höher ein ähnliches Bild: HR-Abteilungen mit immer dünnerer Personaldecke, die kaum noch das Tagesgeschäft rund um Gehaltsabrechnung, Recruiting und Einstellung sowie Aus- und Weiterbildung geschafft bekommen und sich in der restlichen Zeit heute vor allem mit sich selbst und ihrer Daseinsberechtigung beschäftigen. Für echte und somit individuelle Personalentwicklung bleibt so in vielen Organisationen keine Zeit mehr – oder wie sieht es bei Ihnen aus? 

Wer geht, wird ersetzt, so die heute immer noch vielfach gelebte Praxis von HR und Management. Die Entwicklung und Bindung guter Mitarbeiter erfordert nicht nur eine klare strategische Ausrichtung von HR und hierzu passende Maßnahmen, sondern auch Zeit für und mit jedem einzelnen Potenzialträger. Zeit, die heute oftmals aus Gewohnheit lieber in das Recruiting neuer Mitarbeiter und ihre Einarbeitung investiert wird. Angesichts des immer wieder insbesondere von Arbeitgebern laut ausgerufenen Fachkräftemangels ein wie ich finde erstaunlich paradoxes Verhalten.

Zeit für Karriere und persönliche Entwicklung

Karriere bedeutet für viele Angestellte heute nicht mehr einfach nur höher, schneller, weiter. Nicht mehr Geld, Macht oder Status. Karriere ist die berufliche Entwicklung, die zur aktuellen Lebenssituation sowie den individuellen Werten und persönlichen Zielen eines Menschen passt. Denn mit Mitte 20 ist uns anderes wichtig als mit 40. Lebenserfahrung, aber auch Familie und andere prägende Ereignisse verändern den Blick auf unser Umfeld und uns selbst. 

Wer es im Trubel des Tagesgeschäfts vergisst, die Veränderung dessen, was im Beruf und im Leben wichtig ist, bewusst wahrzunehmen und seinen eigenen Weg individuell daran anzupassen, der läuft irgendwann seinen gestrigen Zielen hinterher. Dieses Selbst-Bewusstsein erlangt jedoch nur, wer sich bewusst die Zeit nimmt, sich dessen selbst bewusst zu werden.

Keine Zeit als Grund, sich nicht mit sich selbst, dem Heute und der eigenen Zukunft zu beschäftigen, ist ein bequemer Vorwand. Vielleicht aus Angst vor Veränderung in einer ohnehin schon komplexen und dynamischen Welt, vielleicht inzwischen aber auch nur aus purer Gewohnheit. 

Stattdessen sollte es für uns alle zur neuen Routine und Gewohnheit werden, regelmäßig bewusst die aktuelle Situation zu reflektieren, sich mit der eigenen beruflichen Entwicklung zu beschäftigen und sich selbst zu erlauben, einen einmal eingeschlagenen Weg anzupassen, sofern er nicht mehr passt.

"Keine Zeit" ist Ihre Entscheidung.

Achten Sie in den nächsten Wochen doch einmal darauf, wann Sie sich einmal wieder „Keine Zeit!“ sagen oder auch nur denken hören. Haben Sie tatsächlich keine Zeit oder wäre es vielleicht doch wichtig, die Entscheidung zu treffen, sich diese Zeit bewusst zu nehmen? Für sich selbst und Ihre berufliche Entwicklung, als Chef oder HR-Verantwortlicher für Mitarbeiter, als Kollege oder Partner.

Lassen Sie „Keine Zeit!“ nicht zum Reflex aus Gewohnheit werden! Entscheiden Sie sich für mehr Zeit, für das, was Ihnen wirklich wichtig ist. Nehmen Sie sich die Zeit, um sich ganz bewusst gegen "Keine Zeit!" und für mehr Zeit für sich selbst, Ihre Mitarbeiter oder andere Menschen in Ihrem Umfeld zu entscheiden. Auch wenn es für Sie heute ungewohnt klingen mag: Wir alle sind als Chef unseres eigenen Lebens auch der Chef über unsere Zeit.

Über den Autor

Dr. Bernd Slaghuis
Dr. Bernd Slaghuis

Karriere- und Business-Coach, www.bernd-slaghuis.de

für Karriere, Bewerbung und Führung

Dr. Bernd Slaghuis steht für eine neue Sicht auf Karriere, Bewerbung auf Augenhöhe und Führung mit gesunder Haltung. Er ist WELT-Kolumnist, Autor und Redner, sein Blog "Perspektivwechsel" ist einer der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs. Er arbeitet als Karriere- und Business-Coach in Köln.
Mehr anzeigen